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25 Jahre 9/11
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25 Jahre 9/11 Der Terrorakt veränderte auch die Community

ms - 11.09.2026 - 08:30 Uhr
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Am heutigen 11. September 2026 jähren sich die Terroranschläge vom 11. September 2001 zum 25. Mal. 19 Mitglieder des Terrornetzwerks Al-Qaida entführten vier Passagierflugzeuge. Zwei Maschinen trafen das World Trade Center in New York, eine das Pentagon bei Washington, D.C.; Flug 93 stürzte nach dem Widerstand von Passagieren in Pennsylvania ab. 2.977 Menschen aus 90 Ländern wurden getötet. Ein schwarzer Tag, der bis heute seine Spuren hinterlassen hat – auch innerhalb der LGBTIQ+-Community. 

Das Wichtigste im Überblick

  • 2.977 Menschen wurden bei den Anschlägen vom 11. September 2001 getötet.
  • Unter den Opfern waren auch schwule, lesbische und queere Menschen.
  • Der offen schwule Mark Bingham gehörte zu den Passagieren von Flug 93, die versuchten, die Entführer zu überwältigen.
  • Mychal Judge, ein schwuler katholischer Priester und Feuerwehrseelsorger, starb im World Trade Center.
  • Für viele gleichgeschlechtliche Partner war die Katastrophe auch ein rechtliches Problem: Sie wurden 2001 häufig nicht automatisch als Angehörige anerkannt.
  • LGBTIQ+-Organisationen gründeten deshalb einen eigenen Hilfsfonds für schwule und lesbische Partner von 9/11-Opfern.
  • New York und später auch der Bund änderten Regelungen, um gleichgeschlechtliche Partner bei bestimmten Leistungen besser zu berücksichtigen.
  • Die Anschläge hatten außerdem Auswirkungen auf LGBTIQ+-Menschen im US-Militär, die während der folgenden Kriege weiterhin unter „Don't Ask, Don't Tell“ dienten.
  • 9/11 machte besonders deutlich, wer rechtlich als Familie anerkannt wurde – und wer nicht.

Der 11. September und LGBTIQ+-Menschen

Zu den Opfern, Ersthelfern und Angehörigen gehörten auch lesbische, schwule, bisexuelle und queere Menschen. Eine exakte Zahl der LGBTIQ+-Opfer lässt sich nicht feststellen, weil sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität der Opfer nicht systematisch erfasst wurden. Historische Untersuchungen dokumentieren jedoch eine Reihe homosexueller und queerer Opfer und machen deutlich, dass die Anschläge auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Regenbogenfamilien unmittelbar betrafen. 

Zu den bekanntesten homosexuellen Opfern gehört Mark Bingham. Der 31-jährige Unternehmer aus San Francisco saß an Bord von United Airlines Flug 93. Bingham war offen schwul und Mitglied des San Francisco Fog, eines schwulen Rugbyvereins. Nach der Entführung der Maschine telefonierte er mit seiner Mutter und berichtete, dass das Flugzeug entführt worden war. Zusammen mit anderen Passagieren beteiligte er sich an dem Versuch, das Cockpit zurückzuerobern. Flug 93 stürzte anschließend in Pennsylvania ab. Bingham wurde nach seinem Tod zu einer öffentlich bekannten Figur der 9/11-Erinnerung. Seine Geschichte war auch deshalb von Bedeutung, weil ein offen schwuler Mann in einer Zeit, in der homosexuelle Menschen in den USA rechtlich noch deutlich schlechter gestellt waren, als amerikanischer Held dargestellt wurde. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Erinnerungskultur nach 9/11 beschreibt, wie Bingham und andere schwule Männer in der Berichterstattung ausdrücklich als mutige amerikanische Helden eingeordnet wurden. 

Der Feuerwehrseelsorger Mychal Judge

Eine weitere zentrale Figur war Father Mychal Judge, katholischer Priester und Seelsorger der New Yorker Feuerwehr. Er eilte am 11. September zum World Trade Center und starb dort. Nach Angaben des US-Senats war Judge einer von zehn bei den Anschlägen getöteten Angehörigen des öffentlichen Sicherheitsdienstes, deren Hinterbliebene nach dem damaligen Bundesrecht zunächst keinen Anspruch auf die entsprechenden Leistungen hatten. Judge wurde als schwul beschrieben. Seine Identität wurde nach seinem Tod zunehmend öffentlich thematisiert, während gleichzeitig sein Einsatz als Feuerwehrseelsorger gewürdigt wurde. Damit wurde an einem konkreten Menschen sichtbar, was für viele homosexuelle Amerikaner damals noch Realität war: Ein Mensch konnte gesellschaftlich als gleichwertiger Helfer, Feuerwehrseelsorger oder Held anerkannt werden, während sein gleichgeschlechtlicher Partner rechtlich nicht automatisch als Familie galt.

Wenn der Partner nicht anerkannt wurde

Besonders deutlich wurde dieser Widerspruch bei der Entschädigung der Opfer. Der US-Kongress richtete nach den Anschlägen den September 11th Victim Compensation Fund ein. Der Fonds sollte Verletzte und Angehörige der Getöteten finanziell entschädigen. Bei der Frage, wer als Hinterbliebener Anspruch auf Leistungen hatte, spielten jedoch die jeweiligen staatlichen Erb- und Familiengesetze eine zentrale Rolle. Im Jahr 2001 erkannte praktisch kein US-Bundesstaat eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft für alle relevanten Erbfälle in gleicher Weise wie eine Ehe an. Damit entstand für viele schwule und lesbische Partner ein Problem: Sie hatten möglicherweise jahrelang mit dem Opfer zusammengelebt, gemeinsam Vermögen aufgebaut und finanziell voneinander abhängig gelebt – waren aber rechtlich nicht dessen Ehepartner.

Zeitgenössische Dokumente des US-Justizministeriums zeigen, dass Bürgerrechtsorganisationen deshalb bereits Ende 2001 forderten, gleichgeschlechtliche Partner ausdrücklich in den Entschädigungsfonds einzubeziehen. Die ACLU, Lambda Legal, die Empire State Pride Agenda und andere Organisationen argumentierten, dass nicht allein die formale Ehe, sondern auch eine nachweisbare wirtschaftliche und persönliche Lebensgemeinschaft berücksichtigt werden müsse. Insgesamt wurden damals etwa 22 überlebende gleichgeschlechtliche Partner von 9/11-Opfern öffentlich bekannt. Einige erhielten Leistungen, in anderen Fällen verhinderten fehlende gesetzliche Anerkennung oder Konflikte mit den Familien der Verstorbenen eine gleichberechtigte Auszahlung. 

Hilfsfonds für schwule und lesbische Partner

Die rechtlichen Schwierigkeiten führten auch zu einer eigenen Reaktion der LGBTIQ+-Bewegung. Lambda Legal, die Human Rights Campaign, die Empire State Pride Agenda und weitere Organisationen gründeten Ende 2001 den „September 11 Gay & Lesbian Family Fund“. Der Fonds sammelte rund 380.000 US-Dollar. Die bekannten überlebenden gleichgeschlechtlichen Partner erhielten daraus jeweils knapp 17.000 US-Dollar als finanzielle Soforthilfe. Der Fonds sollte unter anderem die Lücken ausgleichen, die dadurch entstanden, dass gleichgeschlechtliche Partner bei Leistungen wie Sozialversicherung, Hinterbliebenenversorgung, Arbeitsunfallleistungen und dem staatlichen 9/11-Entschädigungsfonds nicht automatisch wie Ehepartner behandelt wurden. LGBTQ Nation  Die Bedeutung dieses Vorgangs ging über die konkrete finanzielle Unterstützung hinaus: Die Anschläge machten öffentlich sichtbar, dass es in den USA Familien gab, die im Alltag wie Familien funktionierten, im Recht aber nicht als solche behandelt wurden.

New York änderte seine Gesetze

In New York führte die Auseinandersetzung zu konkreten gesetzlichen Änderungen. 2002 verabschiedete der Bundesstaat den „September 11th Victims and Families Relief Act“. Das Gesetz bezog auch „domestic partners“, also eingetragene beziehungsweise rechtlich anerkannte Lebenspartner, in die Regelungen zur Unterstützung der Hinterbliebenen ein. Ebenfalls 2002 wurde das New Yorker Workers' Compensation Law geändert. Domestic Partners von Menschen, die bei den Anschlägen vom 11. September ums Leben gekommen waren, konnten dadurch unter bestimmten Voraussetzungen Hinterbliebenenleistungen erhalten. Die Regelung unterschied nicht nach dem Geschlecht der Partner. Damit entstand ein wichtiger Präzedenzfall: Der Staat erkannte für einen konkreten Katastrophenfall an, dass eine langjährige Partnerschaft auch dann rechtlich relevant sein konnte, wenn keine Ehe bestand.

Der Mychal Judge Act von 2002

Auch auf Bundesebene folgte eine Änderung. Der „Mychal Judge Police and Fire Chaplains Public Safety Officers' Benefit Act“ wurde im Juni 2002 verabschiedet und rückwirkend auf den 11. September 2001 angewendet. Das Gesetz erweiterte unter anderem die Leistungen des Public Safety Officers' Benefits Program auf Feuerwehr- und Polizeiseelsorger und erlaubte in bestimmten Fällen die Auszahlung an die Person, die ein getöteter Sicherheitsbeamter in seiner Lebensversicherung als Begünstigte oder Begünstigten bestimmt hatte. Dadurch konnten auch Menschen profitieren, die nicht mit dem Opfer verheiratet waren – darunter gleichgeschlechtliche Partner. Die Forschung zur Geschichte des Gesetzes bezeichnet es deshalb als ersten Bundesvorteil, der gleichgeschlechtlichen Partnern unter bestimmten Voraussetzungen zugutekommen konnte. Das Gesetz war nicht ausdrücklich als LGBTIQ+-Gesetz formuliert, hatte aber eine konkrete Wirkung für gleichgeschlechtliche Paare. 

Sichtbarkeit im amerikanischen Militär

Eine weitere Folge betraf homosexuelle Menschen im Militär. Wichtig ist dabei: „Don't Ask, Don't Tell“ wurde nicht wegen 9/11 eingeführt. Die Regelung bestand bereits seit 1994. Schwule, lesbische und bisexuelle Soldatinnen und Soldaten durften dienen, mussten ihre sexuelle Orientierung aber geheim halten; wurde sie bekannt, konnte die betreffende Person aus dem Militär entlassen werden. Nach den Anschlägen änderte sich jedoch der Umfang des militärischen Einsatzes erheblich. Die Kriege in Afghanistan und später im Irak führten zu einer großen Zahl von Einsätzen. LGBTIQ+-Soldaten dienten damit in einem militärischen Umfeld, in dem sie weiterhin nicht offen über ihre sexuelle Orientierung sprechen durften. Mehr als 13.000 Angehörige der US-Streitkräfte wurden während der gesamten Geltungsdauer von „Don't Ask, Don't Tell“ aufgrund ihrer sexuellen Orientierung aus dem Militär entlassen. 

2010 verabschiedete der Kongress das Gesetz zur Aufhebung von „Don't Ask, Don't Tell“; am 20. September 2011 wurde die Regelung endgültig beendet. Damit konnten schwule, lesbische und bisexuelle Soldatinnen und Soldaten erstmals offen dienen. Die Abschaffung lässt sich nicht allein auf 9/11 zurückführen. Sie war das Ergebnis eines längeren politischen und gesellschaftlichen Prozesses. Die Kriege nach 9/11 bildeten jedoch den militärischen Hintergrund, vor dem die Frage nach offen homosexuellen Soldaten besonders sichtbar wurde.

9/11 und spätere LGBTIQ+-Rechte

Bei der historischen Einordnung ist eine Unterscheidung wichtig: Die großen Fortschritte bei den Rechten homosexueller Menschen in den USA nach 2001 waren nicht ausschließlich Folgen von 9/11. 2003 erklärte der Supreme Court im Verfahren Lawrence v. Texas Gesetze gegen einvernehmliche homosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen für verfassungswidrig. 2013 erklärte der Supreme Court in United States v. Windsor den zentralen Teil des Defense of Marriage Act für verfassungswidrig. 2015 entschied das Gericht in Obergefell v. Hodges, dass gleichgeschlechtliche Paare ein verfassungsrechtliches Recht auf Eheschließung haben und öffnete damit die Ehe für Schwule und Lesben

Diese Entwicklungen hatten zahlreiche Ursachen: jahrzehntelanger LGBTIQ+-Aktivismus, Gerichtsverfahren, gesellschaftliche Veränderungen, politische Kampagnen und Veränderungen in der öffentlichen Meinung. 9/11 war nicht die alleinige Ursache dieser Entwicklung. Gleichzeitig zeigt die historische Forschung, dass die Anschläge einen konkreten politischen Effekt hatten. Die öffentliche Würdigung von Männern wie Mark Bingham und Mychal Judge stellte schwule Männer unmittelbar in einen nationalen Kontext von Mut, Opferbereitschaft und Patriotismus. Parallel dazu zwang die Auseinandersetzung um die Hinterbliebenenleistungen Politik und Behörden, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Angesicht einer nationalen Katastrophe als Familien behandelt werden sollten. 

Was nach 25 Jahren bleibt

Die Geschichte von 9/11 aus homosexueller Perspektive besteht deshalb aus mehreren Fakten zugleich. Schwule und lesbische Menschen waren unter den Opfern und Helfern. Mark Bingham wurde als offen schwuler Mann zu einem der bekanntesten Helden von Flug 93. Mychal Judge wurde als Feuerwehrseelsorger getötet und zum Namensgeber eines späteren Bundesgesetzes. Gleichgeschlechtliche Partner von Opfern mussten unmittelbar nach den Anschlägen um Erbschaften und finanzielle Unterstützung kämpfen, die heterosexuellen Ehepartnern wesentlich leichter zugänglich waren. Daraus entstanden konkrete Gesetzesänderungen, insbesondere in New York und auf Bundesebene. 

Die Anschläge veränderten damit nicht nur Außenpolitik, Sicherheitsgesetzgebung und das Leben der direkt Betroffenen. Sie machten auch sichtbar, welche Menschen in den Vereinigten Staaten im Jahr 2001 rechtlich als Familie galten – und welche nicht. 25 Jahre später ist diese Dimension Teil der Geschichte von 9/11. Die Namen der 2.977 Menschen, die am 11. September 2001 getötet wurden, werden heute erneut verlesen. Das 9/11 Memorial weist darauf hin, dass die Opfer aus mehr als 90 Ländern kamen und unterschiedliche ethnische, soziale und religiöse Hintergründe hatten. Zu dieser Vielfalt gehörten auch Menschen, die schwul, lesbisch, bisexuell oder queer waren. Die LGBTIQ+-Geschichte des 11. September ist damit zugleich eine Geschichte über Tod, Partnerschaft, rechtliche Ungleichheit, öffentliche Anerkennung und die Veränderungen, die eine nationale Katastrophe in der amerikanischen Gesellschaft ausgelöst hat.

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