Erzbischof unterstützt LGBTIQ+ Die Community soll stärker gehört werden
Der Erzbischof von Florenz, Gherardo Gambelli, hat für einen anderen Umgang der katholischen Kirche mit LGBTIQ+-Menschen geworben. Homosexuelle und trans* Menschen sollten nicht in erster Linie als Problem betrachtet werden, zu dem die Kirche Stellung beziehen müsse. Vielmehr gehe es darum, ihre Lebensgeschichten anzuhören und dadurch besser zu verstehen, was Gott tue.
Das Wichtigste im Überblick
- Der Florentiner Erzbischof Gherardo Gambelli hat sich für einen stärkeren Dialog mit LGBTIQ+-Menschen in der katholischen Kirche ausgesprochen.
- Er sieht deren persönliche Erfahrungen als wichtigen Bestandteil kirchlicher Entscheidungsprozesse.
- Gambelli warnt vor Vorurteilen und vor einer fundamentalistischen oder einseitigen Auslegung der Bibel.
- In seiner Rede verwies er auf die Erfahrung eines Frauenpaares, das er wegen seiner Aufmerksamkeit für andere Menschen und seiner Verbundenheit mit dem Evangelium hervorhob.
- Auch Familien homosexueller und trans* Kinder müssten nach seinen Worten Unterstützung und Gesprächsmöglichkeiten erhalten.
- Gambelli stellt die katholische Lehre über Homosexualität damit allerdings nicht grundsätzlich infrage.
- Der Erzbischof reiht sich damit in eine Bewegung innerhalb der Kirche ein, die auch in Deutschland Anhänger hat.
Hinterfragen des Weltbildes
Gambelli sprach beim ersten nationalen Treffen für Seelsorge-Mitarbeiter „Gute Praktiken der Seelsorge mit homoaffektiven und transgender Menschen“. Die Veranstaltung fand in Rom in der Generalkurie der Gesellschaft Jesu statt. Seinen Vortrag begann Gambelli mit einer Apostelgeschichte. Im Mittelpunkt steht die Begegnung des Apostels Petrus mit Heiden im Haus des Hauptmanns Kornelius. Petrus wird zunächst dafür kritisiert, „in das Haus unbeschnittener Männer“ gegangen zu sein und mit ihnen gegessen zu haben. Nachdem er berichtet hat, was er erlebt hat, fragt er: „Wenn nun Gott ihnen dieselbe Gabe gegeben hat, die er auch uns gegeben hat, weil sie an den Herrn Jesus Christus geglaubt haben, wer war ich, dass ich Gott hätte hindern können?“
Die Passage erinnert an den bekannten Satz „Wer bin ich, dass ich urteilen sollte?“, den Papst Franziskus 2013 auf eine Frage über homosexuelle Priester gesagt hatte. Gambelli nennt die Worte des früheren Papstes allerdings nicht ausdrücklich. Die Parallele liegt vor allem in der Perspektive: Statt Menschen auszugrenzen oder vorschnell über sie zu urteilen, soll die Begegnung mit ihnen dazu führen, eigene Vorstellungen zu hinterfragen.
Erfahrungen von LGBTIQ+-Menschen
Ausgangspunkt für Gambellis Überlegungen sind auch Erfahrungen in seiner Diözese Florenz. Dort gibt es die Gruppe Kairòs, in der LGBTIQ+-Christen zusammengeschlossen sind. Außerdem wurde ein diözesanes Koordinierungsgremium für eine inklusive Seelsorge eingerichtet. Die Angebote für homosexuelle und trans* Menschen seien nach Gambellis Worten nicht als einzelne, voneinander unabhängige Projekte entstanden. Vielmehr seien sie mit dem synodalen Weg der Diözese verbunden: „Viele der guten Praktiken mit homoaffektiven und transgender Menschen in unserer Diözese Florenz sind eng mit dem synodalen Weg verbunden, sie sind eine Frucht der gemeinschaftlichen Unterscheidung, die wir in den vergangenen Jahren gelernt und wiederentdeckt haben.“
Mitglieder der Kairòs-Gruppe beteiligten sich demnach an der Zuhörphase des synodalen Prozesses. Sie berichteten der katholischen Gemeinschaft von ihren eigenen Erfahrungen. Für Gambelli hatte dieser Austausch konkrete Folgen: „Dies hat nach und nach viele Vorurteile, viele Ängste, viele Vorbehalte, viele Stereotype zum Einsturz gebracht.“ Damit beschreibt der Erzbischof einen Perspektivwechsel. LGBTIQ+-Menschen sollen nicht ausschließlich Empfänger kirchlicher Seelsorge sein. Ihre persönlichen Erfahrungen sollen vielmehr unmittelbar in den Austausch der Gemeinschaft einfließen.
Blickwinkel der Opfer
Gambelli verwies auf fünf Kriterien für eine gemeinschaftliche Unterscheidung, die der Theologe Vito Mignozzi ausgehend von der Apostelgeschichte entwickelt hat. Das erste Kriterium besteht darin, von der Realität auszugehen und nach „realen Lösungen für reale Probleme zu suchen, die das Leben der Kirche belasten“. Das zweite betrifft die Erzählung persönlicher Erfahrungen. Dabei sei es notwendig, „den Blickwinkel der Opfer einzunehmen“. Für die Seelsorge mit LGBTIQ+-Menschen bedeutet das nach diesem Ansatz auch, die konkreten Folgen von Ausgrenzung, moralischen Urteilen und Diskriminierung innerhalb katholischer Gemeinschaften wahrzunehmen. Homosexualität wurde innerhalb der Kirche lange Zeit vor allem anhand von Lehrdokumenten und moralischen Vorgaben diskutiert. Die Betroffenen selbst kamen dabei nicht immer unmittelbar zu Wort. Gambellis Ansatz stellt dagegen ihre Erfahrungen und die konkreten Folgen von Aufnahme und Ausgrenzung stärker in den Mittelpunkt.
Warnung vor einseitiger Bibelauslegung
Das dritte Kriterium bezieht sich auf die Auslegung der Heiligen Schrift. Gambelli verwies auf das Abschlussdokument der Synode und betonte, kirchliche Unterscheidung brauche: „Eine angemessene Exegese der biblischen Texte, die dabei hilft, sie auszulegen und zu verstehen und dabei einseitige oder fundamentalistische Ansätze zu vermeiden.“ Das ist insbesondere bei Homosexualität von Bedeutung. Einzelne Bibelstellen wurden immer wieder herangezogen, um moralische Verurteilungen, sogenannte Konversionstherapien oder den Ausschluss von Menschen zu begründen. Gambelli entwickelte in seiner Rede allerdings keine grundsätzlich neue Auslegung der traditionell gegen Homosexualität angeführten Bibelstellen. Er fordert vielmehr dazu auf, die Texte nicht selektiv oder ausschließlich wortwörtlich zu lesen und zugleich die Erfahrungen der unmittelbar betroffenen Menschen einzubeziehen.
Das vierte Kriterium beschreibt Gambelli als Suche nach dem Wesentlichen. Dabei gehe es auch darum, die „ausschließende Logik von drinnen und draußen“ zu überwinden. Als fünftes Kriterium nennt Gambelli die Erfahrung von Freude. Der Erfolg eines solchen Unterscheidungsprozesses solle nicht allein anhand abstrakter oder messbarer Ergebnisse bewertet werden. Entscheidend seien auch die Auswirkungen auf das konkrete Leben der Menschen.
Familien sollen Ängste abbauen
Zu den von Gambelli genannten Erfahrungen gehören Treffen der Diözese Florenz, an denen LGBTIQ+-Menschen, Angehörige, Priester, Diakone, Seminaristen sowie Ordensfrauen und Ordensmänner teilgenommen haben. Fachleute unterstützten die Veranstaltungen, bei denen Fragen und Unsicherheiten diskutiert wurden. Eine besondere Rolle spielen dabei die Familien von LGBTIQ+-Menschen. Gambelli beschreibt die Wirkung der Treffen so: „Die Eltern, die an den Treffen mit anderen Paaren teilnehmen, die homoaffektive oder transgender Kinder haben, fühlen sich erleichtert, wenn sie feststellen, dass sie nicht Eltern von exkommunizierten oder häretischen Menschen sind.“
Die Aussage verweist auf eine weiterhin bestehende Unsicherheit in manchen katholischen Familien in Italien. Das Coming-Out eines Sohnes oder einer Tochter kann dort mit der Angst verbunden sein, dass dadurch ein Bruch mit dem Glauben oder der kirchlichen Gemeinschaft entsteht. Die Diözese Florenz versucht, Räume für Austausch und Begleitung zu schaffen. Dazu gehört das diözesane Koordinierungsgremium für inklusive Seelsorge. Besonders hervorgehoben hat Gambelli in seinem Vortrag die Geschichte eines lesbischen Frauenpaares. Dabei bewertete er die Beziehung der beiden nicht ausdrücklich. Stattdessen richtete er den Blick auf deren Umgang mit anderen Menschen und ihre christliche Praxis. „Ich habe insbesondere ein Frauenpaar vor Augen, das eine außerordentlich große Aufmerksamkeit für den Nächsten lebt, eine treue Verbundenheit mit dem Evangelium, die bei denjenigen, die sie sehen, Staunen hervorruft.“ Anschließend sagt Gambelli: „Das Christentum, die guten Praktiken wachsen durch Anziehung.“
Bewegung auch in Deutschland
Gambellis Rede reiht sich damit in Forderungen ein, die auch in Deutschland im Rahmen des Synodalen Weges in den letzten Jahren mehrfach angesprochen worden sind. Gegenüber SCHWULISSIMO bekräftigte der Queerbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Essener Weihbischof Ludger Schepers, in einem Exklusiv-Interview unter anderem: „Wir müssen als Kirche endlich aufhören, den Menschen permanent in die Schlafzimmer zu schauen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Die Menschen in unserer Gesellschaft – und damit auch in der Kirche – bewegen heute ganz andere, viel existenziellere Fragen (…) Für mich ist die Zuwendung zu queeren Menschen und die Anerkennung ihrer Würde und ihrer Partnerschaften keine Frage von modernem Zeitgeist, sondern eine fundamentale Konsequenz aus der Liebe Gottes zu jedem einzelnen Menschen. Diese Haltung ist für mich nicht verhandelbar.“