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Mehr Schutz für Kinder online Queere Jugendliche brauchen digitalen Schutz

Von ms - 11.09.2026 - 10:30 Uhr
Mehr Schutz für Kinder online
Foto: IMAGO / Andreas Gora
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Wie können Kinder und Jugendliche sicher, gesund und selbstbestimmt in der digitalen Welt aufwachsen? Ein wichtiges Thema, insbesondere für queere Jugendliche, die in besonderer Weise Hass online ausgesetzt sind. Mit dieser Frage hat sich die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ seit ihrer Einsetzung im September 2025 beschäftigt. Nun haben die beiden Vorsitzenden heute Vormittag den Abschlussbericht an Bundesfamilienministerin Karin Prien übergeben.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat ihren Abschlussbericht vorgelegt.
  • Darin finden sich 56 evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für einen zeitgemäßen Kinder- und Jugendschutz.
  • Im Mittelpunkt stehen Schutz, Befähigung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen.
  • Mehr als 100 junge Menschen beteiligten sich bundesweit an sieben Workshops.
  • Die Empfehlungen reichen von der frühen Kindheit bis zum Übergang ins Erwachsenenalter.
  • Gefordert werden unter anderem sichere Voreinstellungen, altersgerechte Angebote und wirksame Meldestrukturen.
  • Auch soziale Medien und Künstliche Intelligenz sollen von Anfang an mitgedachte Schutzstandards erhalten.
  • Für queere Jugendliche sind digitale Räume besonders wichtig: Sie bieten Möglichkeiten zur Information, Identitätsentwicklung, Vernetzung und zum Austausch mit Gleichgesinnten.
  • Bundesfamilienministerin Karin Prien betonte: „Die Umsetzung beginnt jetzt.“

Konkrete Handlungsempfehlungen 

Der Bericht bündelt die Ergebnisse eines umfassenden interdisziplinären Arbeits- und Beteiligungsprozesses. Er enthält 56 evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für einen zeitgemäßen Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt. Leitmotiv der Empfehlungen ist „Entwicklung stärken, Verantwortung übernehmen“. Ausgangspunkt sind die Rechte von Kindern und Jugendlichen. Schutz, Befähigung und Teilhabe sollen dabei zusammengedacht werden. Der Kinder- und Jugendmedienschutz soll sich stärker als bisher an den unterschiedlichen Lebens- und Entwicklungsphasen von Kindern und Jugendlichen orientieren. Gleichzeitig soll die Verantwortung der jeweils zuständigen Akteure stärker berücksichtigt werden.

 „Die Umsetzung beginnt jetzt“

Bundesfamilienministerin Karin Prien erklärte: „Die Arbeit der Kommission endet heute, die Umsetzung ihrer Empfehlungen hat aber längst begonnen. Es gilt, an vielen Stellschrauben zu drehen und in Bewegung zu kommen: von der Kommune bis zur EU, von der Kita bis zur Jugendhilfe. Ich bin sehr optimistisch, dass wir schnell und konkret spürbare Verbesserungen erreichen können. Denn eine Erkenntnis hat sich bereits durchgesetzt: Beim Schutz von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt tragen wir gemeinsam Verantwortung. Die 56 Empfehlungen der Expertenkommission geben uns eine wichtige Grundlage dafür, wie wir den Dreiklang von Schutz, Befähigung und Teilhabe junger Menschen in politisches Handeln übersetzen können. Jetzt sind alle gefragt, gemeinsam in die Umsetzung zu gehen und lernfähig zu bleiben, angesichts der vielen schnellen Veränderungen, die dieses Themenfeld mit sich bringt.“

Kein Social Media Verbot 

Im Mittelpunkt stehen fünf Leitprinzipien. Demnach soll an bewährte Strukturen und Praxis angeknüpft werden. Gleichzeitig sollen angemessene Gestaltungsspielräume vor Ort entstehen. Verantwortung soll verbindlich und gemeinschaftlich organisiert werden. Außerdem sollen Reibungsverluste an Schnittstellen abgebaut und technologische Entwicklungen kontinuierlich berücksichtigt werden. Die Expertenkommission selbst empfiehlt dabei kein pauschales Verbot sozialer Medien für Kinder und Jugendliche, wie sich das zwischenzeitlich Bundeskanzler Friedrich Merz gewünscht hatte. Die Jugendbeteiligung zur Kommission kommt ausdrücklich zu dem Ergebnis, dass junge Menschen nicht weniger Digitalisierung, sondern eine sichere und altersgerechte digitale Welt wollen. Sie setzen laut dem veröffentlichten Beteiligungsbericht statt pauschaler Verbote auf Aufklärung, Befähigung und einen sicheren Umgang mit digitalen Angeboten.

Kommission bündelt Perspektiven

Der Co-Vorsitzende der Expertenkommission, Prof. Dr. Olaf Köller, erklärte: „Mit dem heute vorgelegten Abschlussbericht der Expertenkommission ist das Bild nun vollständig: Er umfasst die gesamte Bestandsaufnahme, die Handlungsempfehlungen und Einblicke in die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, Expertenanhörungen und den Prozess zur strategischen Vorausschau. Die Expertenkommission hat in einem sehr umfassenden Prozess möglichst viele Perspektiven aufgenommen. Damit steht eine belastbare, evidenzbasierte Grundlage bereit, die Schutz, Befähigung und Teilhabe zusammendenkt. Auf die Umsetzung bin ich nun sehr gespannt.“

Für die Empfehlungen wurden unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt. Neben der interdisziplinären Arbeit fanden sechs Expertenanhörungen mit Fachleuten verschiedener Disziplinen sowie Vertreterinnen und Vertretern der organisierten Zivilgesellschaft und jungen Menschen statt. Eine besondere Rolle spielte die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. In sieben bundesweiten Workshops diskutierten mehr als 100 junge Menschen ihre Erfahrungen, Erwartungen und Forderungen. Die Ergebnisse flossen in die Arbeit der Kommission und in ihre Empfehlungen ein.

Queere Jugendliche in digitalen Räumen

Bei der Frage nach sicherem digitalen Aufwachsen muss auch die besondere Situation queerer Jugendlicher berücksichtigt werden. Für junge Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, intergeschlechtlich, nicht-binär oder queer sind, können soziale Medien und andere digitale Räume eine wichtige Funktion erfüllen. Das Deutsche Jugendinstitut beschreibt das Internet als zentrale Informationsquelle und als Ort der Vernetzung für queere Jugendliche. Gerade dort, wo es nur wenige oder keine queeren Jugendgruppen und Treffpunkte gibt, können digitale Angebote den Kontakt zu Gleichgesinnten ermöglichen. Sie können außerdem Informationen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zugänglich machen und Jugendlichen bei der Entwicklung ihrer eigenen Identität helfen. 

Die Bedeutung solcher Räume wird auch durch die Verbreitung queerer Identitäten unter jüngeren Generationen deutlich. Nach einer Ipsos-Erhebung aus dem Jahr 2025 identifizierten sich in Deutschland 22 Prozent der Generation Z als LGBTIQ+.  Für viele queere Jugendliche können soziale Medien damit mehr sein als Unterhaltung oder Kommunikation. Sie können einen geschützten ersten Zugang zu Informationen bieten, die im unmittelbaren Umfeld möglicherweise fehlen. Jugendliche können andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen finden, sich über Coming-Out, Beziehungen oder Geschlechtsidentität informieren und erleben, dass sie mit ihren Fragen nicht allein sind.

Gerade für Jugendliche in ländlichen Regionen können digitale Kontakte eine besondere Bedeutung haben, weil dort teilweise entsprechende Beratungsangebote, Jugendgruppen oder Treffpunkte fehlen. Gleichzeitig sind soziale Medien kein automatisch geschützter Raum: Studien und Untersuchungen weisen auch auf Cybermobbing, Hassnachrichten sowie queerfeindliche und homophobe Inhalte hin. Ein zeitgemäßer Kinder- und Jugendschutz müsse deshalb beide Seiten berücksichtigen: Queere Jugendliche brauchen Schutz vor Hass, Belästigung und Diskriminierung, zugleich müssen digitale Räume ihre Teilhabe und Selbstbestimmung ermöglichen. Schutz darf nicht dazu führen, dass jungen Menschen der Zugang zu wichtigen Informations- und Gemeinschaftsräumen genommen wird.

Empfehlungen entlang der Lebensphasen

Die Empfehlungen setzen entlang der gesamten Biografie an – von der frühen Kindheit bis zum Erwachsenwerden. Familien brauchen demnach frühe Beratung, Schulen verlässliche Konzepte und Jugendliche sichere Angebote sowie erreichbare Hilfen. Für Plattformen sollen klare Pflichten gelten. Sichere Voreinstellungen, altersgerechte Angebote und wirksame Meldestrukturen sollen konkrete Entlastungen für Kinder, Eltern und Fachkräfte schaffen. Bei sozialen Medien und bei Künstlicher Intelligenz sollen Schutzstandards von Anfang an mitgedacht werden. Wie breit die Herausforderungen des digitalen Aufwachsens sind, zeigte auch die Abschlusskonferenz mit rund 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Politik, Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft. Sie fand parallel zur Übergabe des Abschlussberichts an Prien in Berlin statt.

Von Cybermobbing bis KI

Die Diskussion reichte von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Themen waren unter anderem Bildschirmnutzung und Medienbildung in der Kita, erste eigene digitale Geräte und Cybermobbing. Auch Altersgrenzen, Cybergrooming, Empfehlungsalgorithmen und sogenannte Dark Patterns wurden behandelt. Für Jugendliche ging es unter anderem um Verhaltenssüchte, sexualisierte Gewalt und Erpressung sowie niedrigschwellige Anzeige- und Hilfswege. Ein eigenes Jugendpanel gab Jugendlichen die Möglichkeit, die Ergebnisse zu kommentieren und ihre Erwartungen an Politik und Gesellschaft zu formulieren. Auch der Übergang ins Erwachsenenalter wurde betrachtet. Dabei ging es um Eltern- und Fachkräftefortbildungen, junge Erwachsene als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie um die Stärkung der Erwachsenenbildung im Umgang mit Desinformation.

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