Familiendrama im Iran Bürgerrechtsverein 6Rang fordert Aufklärung nach Todesfall
Das iranische LGBT+-Netzwerk 6Rang ist zutiefst bestürzt über den Tod von Liana, einer 17-jährigen trans* Frau aus Schiras. Die Organisation fordert eine unabhängige Untersuchung der Ursache und der Umstände ihres Todes sowie der Frage, ob und welche Personen dafür verantwortlich sein könnten.
Das Wichtigste im Überblick
- Die 17-jährige Liana aus Schiras, amtlich als Arta Miri registriert, ist unter ungeklärten Umständen gestorben.
- Das iranische LGBT+-Netzwerk 6Rang fordert eine unabhängige Untersuchung der Todesursache und der Umstände ihres Todes.
- Nach Angaben von Menschen aus Lianas Umfeld war sie über Jahre Gewalt, Demütigungen und massivem psychischem Druck innerhalb ihrer Familie ausgesetzt.
- Ihre Familie soll ihren Tod auf einen „Schlaganfall“ zurückgeführt haben. 6Rang betonte, die medizinische Todesursache nicht unabhängig feststellen zu können.
- Liana soll körperlicher und verbaler Gewalt sowie Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit und ihres Kontakts zu Freunden ausgesetzt gewesen sein. Es soll auch zu sexuellem Missbrauch gekommen sein.
Unabhängige Untersuchung
Nach Angaben von Menschen aus Lianas Umfeld, die 6Rang Informationen zur Verfügung gestellt haben, war sie aufgrund ihrer Geschlechtsidentität, ihres Aussehens und ihres Selbstausdrucks über Jahre hinweg Gewalt, Demütigungen und massivem psychischem Druck innerhalb ihrer Familie ausgesetzt. Ihre Familie soll ihren Tod auf einen „Schlaganfall“ zurückgeführt haben. Angesichts der Berichte über Misshandlungen sowie der Informationen und Dokumentationen, die 6Rang vorliegen, seien die Umstände ihres Todes jedoch unabhängig zu untersuchen, erklärt die Organisation. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt könne 6Rang die medizinische Todesursache von Liana nicht unabhängig feststellen. Freunde des Mädchens sprechen davon, dass die 17-Jährige möglicherweise von der eigenen Familie zu Tode gequält worden sein könnte.
Liana dokumentierte Auseinandersetzungen
Liana hatte nach Angaben von 6Rang einige der Misshandlungen und Auseinandersetzungen innerhalb ihrer Familie selbst dokumentiert und Aufnahmen mit Menschen aus ihrem Umfeld geteilt. Nach den von der Organisation erhaltenen Informationen war sie körperlicher und verbaler Gewalt ausgesetzt. Zudem sei sie darin eingeschränkt worden, das Haus zu verlassen und Freunde zu treffen. Es habe anhaltende Versuche gegeben, ihren Ausdruck ihrer Geschlechtsidentität zu unterdrücken. Auch in der Schule soll Liana Ausgrenzung erlebt haben. Sie besuchte eine Jungenschule und war dort nach Angaben von 6Rang Belästigungen und Spott ausgesetzt. Liana hatte außerdem darüber gesprochen, als Kind sexuellen Missbrauch erlebt zu haben. Nach Angaben von Menschen, die ihr nahestanden, erhielt sie von ihrer Familie nicht den Schutz und die Unterstützung, die sie gebraucht hätte.
Traum von einem langen roten Kleid
6Rang betont zugleich, dass Liana weit mehr gewesen sei als die Gewalt, die ihr angetan wurde. Sie habe das Tanzen, Farben und die Freude am Leben geliebt. Ihr Traum sei es gewesen, eines Tages in einem langen roten Kleid auf einer Bühne zu stehen, zu tanzen, in ein Mikrofon zu sprechen und ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sie habe als die Person gesehen und geliebt werden wollen, die sie war. Ihr Tod ereignet sich laut 6Rang in einer Zeit immensen Leidens im Iran. Angesichts von Hinrichtungen, Repression, Konflikten, Armut sowie der Tötung von Demonstranten, schwulen Männern und Zivilpersonen könne die Gewalt, der LGBTIQ+-Menschen ausgesetzt seien, leicht aus dem öffentlichen Blickfeld verschwinden. „Das darf nicht geschehen“, erklärte die Organisation weiter.
Kritik an staatlicher Politik
Für LGBTIQ+-Menschen im Iran gehe die Gewalt nicht ausschließlich von direkter staatlicher Repression aus, schreibt 6Rang. Die Kriminalisierung und Stigmatisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt durch die Islamische Republik sowie die systematische Verbreitung diskriminierender Anti-LGBTIQ+-Narrative schafften ein Umfeld, in dem Missbrauch innerhalb von Familien, Schulen und Gemeinschaften mit nur geringer Rechenschaftspflicht gedeihen könne. Liana habe sich diesem Umfeld widersetzt. Sie habe sich den ihr auferlegten Geschlechternormen widersetzt, der Forderung, über Gewalt und sexuellen Missbrauch zu schweigen, und einer Kultur, in der Vorstellungen von familiärer „Ehre“ über die Würde, Sicherheit und das Leben eines Kindes gestellt werden könnten.
6Rang fordert daher eine unabhängige Untersuchung der Ursache und der Umstände von Lianas Tod sowie die Rechenschaftspflicht aller Personen, die als verantwortlich festgestellt werden. Zugleich appelliert die Organisation an Medien, Menschenrechtsorganisationen und die Zivilgesellschaft: In einem Moment, in dem der Iran mit zahlreichen miteinander verbundenen Krisen konfrontiert sei, dürften LGBTIQ+-Menschen nicht unsichtbar werden. „Jedes Leben verdient es, gesehen zu werden; jeder Vorwurf schwerwiegenden Missbrauchs verdient eine sorgfältige Prüfung; und jeder verdächtige Todesfall verdient Wahrheit und Rechenschaft.“