Trauer um Michael Jähme Prägende Stimme der Schwulenbewegung verstorben
Die Community in Nordrhein-Westfalen trauert um Michael Jähme. Der langjährige Schwulen- und HIV-Aktivist starb am 13. August 2026 im Alter von 67 Jahren infolge eines Bergunfalls, wie die Aidshilfe NRW mitteilt. Mit Jähme verliere die Schwulenbewegung in Nordrhein-Westfalen eine engagierte, streitbare und prägende Stimme, so die Aidshilfe weiter. Über Jahrzehnte habe er die Arbeit der Aidshilfe, die Positiven-Selbsthilfe und die schwule Selbstvertretung mitgestaltet. Dabei habe er sich konsequent gegen Stigmatisierung und Diskriminierung eingesetzt.
Das Wichtigste im Überblick
- Michael Jähme ist am 13. August 2026 im Alter von 67 Jahren infolge eines Bergunfalls gestorben.
- Er war langjähriger HIV-Aktivist und Vorkämpfer der Schwulenbewegung.
- Von 2000 bis 2004 stand er an der Spitze der Aidshilfe NRW.
- Über Jahrzehnte engagierte er sich für Menschen mit HIV, die Positiven-Selbsthilfe und die schwule Selbstvertretung.
- Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war die Aufarbeitung der Verfolgung homosexueller Männer nach 1945.
- Für sein Engagement wurde Jähme unter anderem mit der Kompassnadel des Queeren Netzwerks NRW ausgezeichnet.
- Immer wieder wurde er auch um berichtenden Zeitzeugen für die junge Generation.
Ein Leben für die Selbsthilfe
Jähme arbeitete viele Jahre bei der Aidshilfe Wuppertal. 1998 wurde er erstmals in den Landesvorstand der Aidshilfe NRW gewählt. Zwei Jahre später übernahm er den Landesvorsitz. Dieses Amt hatte er bis 2004 inne. Während seiner Amtszeit wurden unter anderem das Leitbild des Verbandes entwickelt. Eine besondere Rolle spielte die Kampagne „Säge weg“. Jähme trat dabei selbst öffentlich in vorderster Reihe auf. Mit der Kampagne konnten 2002 und 2003 seinerzeit angedrohte Kürzungen der Landesmittel im Aidsbereich abgewendet werden. Seinen Abschied aus dem Landesvorstand verstand Jähme nicht als Rückzug. Er blieb beteiligte sich weiterhin an Debatten über HIV, Selbsthilfe, Prävention, gesellschaftliche Teilhabe und die Entwicklung der Aidshilfebewegung.
Als wichtiger und zugleich streitbarer Gesprächspartner habe er sich immer wieder eingebracht, heißt es von der Aidshilfe NRW. Mit seinem Blog „Termabox“ wurde Jähme zudem zu einer weithin beachteten Stimme der Positiven-Selbsthilfe. 2012 ernannte ihn die Aidshilfe NRW zu ihrem ersten Ehrenmitglied. Besonders am Herzen lag ihm ein anderer Blick auf HIV und Aids. Menschen mit HIV sollten aus seiner Sicht nicht auf ihre Infektion reduziert werden. Stattdessen wollte er die unterschiedlichen Lebensrealitäten sichtbar machen.
Dabei brachte Jähme wiederholt verschiedene Generationen von Menschen mit HIV miteinander ins Gespräch. Unterschiede in Erfahrungen und Lebensbedingungen verschwieg er dabei nicht. Vielmehr verstand er diese Unterschiede als Ausgangspunkt für Austausch, gegenseitiges Verständnis und Solidarität. Offen sprach er auch über die Erfahrungen der ersten Jahre der HIV-Pandemie. Dazu gehörten Angst, Ausgrenzung, Schuld und Scham ebenso wie Selbstakzeptanz, Lebensfreude und die Möglichkeit, mit HIV ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
HIV-Diagnose prägte Engagement
Jähme selbst erhielt 1990 die Diagnose HIV. Er erlebte damals die Gewissheit, nicht mehr lange zu leben. Statt sich zurückzuziehen, entschied er sich für ein engagiertes Leben in der HIV-Bewegung. Ein weiterer Schwerpunkt seines Engagements war die Erinnerung an die Verfolgung Homosexueller in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Seit 2012 widmete sich Jähme der Biografie-Arbeit mit schwulen Männern. Dabei wollte er auch das Bewusstsein für deren eigenen Beitrag zur Zeitgeschichte stärken.
Im Rahmen der ARCUS-Stiftung führte er seit 2013 Zeitzeugeninterviews und dokumentierte die Lebensgeschichten schwuler und bisexueller Männer. Im Mittelpunkt standen insbesondere Menschen, die auch nach 1945 aufgrund des Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches verfolgt und verurteilt worden waren. Als Ansprechpartner für schwule und bisexuelle Männer bei der ARCUS-Stiftung trug Jähme dazu bei, die Erfahrungen einer Generation zu bewahren. Deren persönliche Entfaltung war durch gesellschaftliche und rechtliche Repressionen massiv eingeschränkt worden. Für dieses Engagement erhielt er 2015 die Kompassnadel des Queeren Netzwerks NRW.
Zeitzeuge für die junge Generation
Auch für Lehre und Bildungsarbeit wurde Jähme als Zeitzeuge immer wieder hinzugezogen. Er berichtete über die Entstehung der Aidshilfebewegung, die HIV- und Aidskrise und die gesellschaftlichen Reaktionen auf die Epidemie. Für nachfolgende Generationen machte er damit nachvollziehbar, dass die heutigen Fortschritte bei Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Entstigmatisierung nicht selbstverständlich sind. Sie seien vielmehr das Ergebnis langjähriger politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Besonders wichtig war Jähme zudem die Aufarbeitung der Geschichte von HIV und Aids in Köln. Noch zuletzt war er Mitinitiator des Projekts „Aids in Köln“. Dieses soll nun in seinem Sinne ohne ihn weitergeführt werden.