Internationaler Tag der Jugend Angespannte Lage unter LGBTIQ+-Heranwachsenden bleibt bestehen
Jugend bedeutet für viele Menschen eine Zeit des Ausprobierens, der ersten Beziehungen, der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt und der Entwicklung einer eigenen Identität. Für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und andere queere Jugendliche kommen jedoch häufig zusätzliche Belastungen hinzu, auf die am heutigen Internationalen Tag der Jugend ein besonderes Augenmerk geworfen wird.
Das Wichtigste im Überblick
- Queere Jugendliche erleben häufig Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt – in Bayern berichteten 93,9 Prozent der Befragten einer Studie von mindestens einer Diskriminierungserfahrung.
- Die Forschung zeigt bei LGBTIQ+-Jugendlichen ein deutlich höheres Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche als bei heterosexuellen Gleichaltrigen.
- Psychische Erkrankungen waren zuletzt die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen von 10- bis 19-Jährigen; Depressionen waren dabei über alle Altersgruppen hinweg die häufigste Diagnose unter den psychischen Erkrankungen.
- Das Jugendnetzwerk Lambda, der einzige bundesweite Jugendverband mit einem speziellen Beratungs- und Bildungsangebot für junge LGBTIQ+-Menschen, verliert zum Jahresende 2026 seine bisherige Rahmenvereinbarung mit dem Bundesfamilienministerium. Lambda warnt deshalb vor dem Ende seiner Arbeit.
- Gerade angesichts von Diskriminierung und psychischer Belastung sind verlässliche Beratungsangebote, Schutzräume, Selbstorganisation und queere Jugendarbeit von großer Bedeutung.
Unterschiedliche Jugendzeit
Das Robert Koch-Institut weist darauf hin, dass sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und Lebensweise die gesundheitliche Situation beeinflussen können. Eine heteronormativ geprägte Gesellschaft könne die Gesundheit von LGBTIQ+-Personen negativ beeinflussen. Dahinter stehen unter anderem Diskriminierung, eingeschränkte Teilhabe und unterschiedliche gesellschaftliche Ressourcen.
Wie stark diese Erfahrungen junge Menschen betreffen können, zeigt die bayerische Studie „How are you?“. Für das Forschungsprojekt wurden insgesamt 2.043 queere Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 27 Jahren befragt. 93,9 Prozent gaben an, mindestens einmal Diskriminierung erlebt zu haben. Die Forscher stellten zudem fest, dass Wohlbefinden und Resilienz der Befragten deutlich niedriger lagen als bei Gleichaltrigen in der Allgemeinbevölkerung. Als Belastungen werden unter anderem reale Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen sowie Ängste vor Ablehnung und vor einem Coming-out genannt.
Dabei geht es nicht nur um offene Beschimpfungen oder körperliche Gewalt. Für junge Menschen kann bereits die ständige Unsicherheit belastend sein: Wie reagiert die Familie? Kann ich mich in der Schule outen? Wird mein Geschlecht respektiert? Muss ich mich gegenüber Freunden erklären? Kann ich mit einer Lehrkraft darüber sprechen? Und wo finde ich Unterstützung, wenn die eigene Familie nicht hinter mir steht? Die Forschung beschreibt genau diesen Zusammenhang. Ablehnung, erwartete Diskriminierung und verinnerlichte Queerfeindlichkeit können sogenannten Minderheitenstress erzeugen. Ein unterstützendes und offenes Umfeld dagegen kann sich positiv auf das Wohlbefinden auswirken.
Psychische Gesundheit
Die psychische Gesundheit ist ein zentraler Teil dieser Debatte. Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Die amtliche Statistik weist keine aktuellen Suizidraten speziell für queere Jugendliche aus. Die allgemeine Entwicklung lässt sich aber beziffern. 2024 starben in Deutschland 10.372 Menschen durch Suizid. Das waren 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr und 7,1 Prozent mehr als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Bei den 15- bis 19-Jährigen wurden 188 Suizide registriert, bei den 20- bis 24-Jährigen waren es 278.
Für junge Menschen ist Suizid trotz der vergleichsweise niedrigeren absoluten Fallzahlen von besonderer Bedeutung. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war Suizid 2023 bei den 10- bis unter 25-Jährigen die häufigste Todesursache. 18 Prozent aller Todesfälle in dieser Altersgruppe waren Suizide. Für queere Jugendliche kommt hinzu, dass die internationale und deutschsprachige Forschung ein erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten feststellt. Eine 2024 veröffentlichte wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu LGBTIQ+-Jugendlichen kommt zu dem Ergebnis, dass lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und queere Jugendliche stärker gefährdet sind, mindestens einmal im Leben einen Suizidversuch zu unternehmen, als heterosexuelle und cisgeschlechtliche Gleichaltrige. Als wesentliche Faktoren werden dabei nicht die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität an sich beschrieben, sondern die damit verbundenen Belastungen und sozialen Bedingungen.
Auch Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind ein relevantes Thema. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen zuletzt die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen von 10- bis 19-Jährigen. Rund 116.000 der etwa 615.000 Krankenhauspatienten dieser Altersgruppe wurden deshalb stationär behandelt. Das entsprach 18,9 Prozent aller Krankenhausbehandlungen. Depressionen waren dabei über alle Altersgruppen hinweg die häufigste Diagnose innerhalb der psychischen Erkrankungen.
Probleme beginnen im Alltag
Queere Jugendliche müssen sich mit Herausforderungen auseinandersetzen, die heterosexuelle Jugendliche nicht in gleicher Weise erleben. Dazu können die Angst vor dem Coming-Out, Ablehnung durch die Familie, Mobbing in der Schule, Diskriminierung im Sportverein, Unsicherheit im Freundeskreis oder Anfeindungen im öffentlichen Raum gehören. Besonders schwierig kann die Situation für junge Menschen sein, die in Regionen leben, in denen es kaum queere Angebote gibt. Im ländlichen Raum fehlen sie teilweise vollständig oder werden ausschließlich ehrenamtlich getragen. Damit entsteht ein strukturelles Problem: Wer Unterstützung besonders dringend braucht, findet sie nicht zwangsläufig dort, wo er lebt. Queere Jugendzentren, Beratungsstellen und Selbsthilfeangebote sind deshalb nicht lediglich Orte für Freizeitaktivitäten. Sie können Räume schaffen, in denen junge Menschen andere queere Jugendliche kennenlernen, Fragen zur eigenen Identität stellen, über Diskriminierung sprechen oder Hilfe suchen können, ohne ihre Existenz zunächst rechtfertigen zu müssen.
Lambda droht das Aus
Ausgerechnet bei diesen Strukturen droht nun ein erheblicher Einschnitt. Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat die Rahmenvereinbarung mit dem Jugendnetzwerk Lambda zum Ende des Jahres 2026 gekündigt. Nach Angaben des Vereins erfolgte die Kündigung ohne vorherige Ankündigung und ohne Begründung. Lambda ist bundesweit in der queeren Jugendverbandsarbeit aktiv und bietet unter anderem Beratung, Bildungs- und Empowerment-Veranstaltungen, Jugendbegegnungen sowie Unterstützung für ehrenamtlich Engagierte an. Eine endgültige Schließung steht noch nicht fest. Der Verein kämpft in diesen Tagen ums Überleben.
Die Diskussion um Lambda zeigt damit ein grundlegendes Problem queerer Jugendpolitik: Angebote für junge Menschen sind auf langfristige Finanzierung angewiesen. Beratung, Jugendbegegnungen, Bildungsarbeit und die Begleitung Ehrenamtlicher lassen sich nicht ohne Weiteres aufbauen und erhalten, wenn die Finanzierung von Jahr zu Jahr unsicher ist. Das gilt insbesondere für queere Jugendliche. Wer in einer Stadt mit einer großen Community lebt, kann möglicherweise auf mehrere Beratungsstellen, Jugendzentren oder Gruppen zurückgreifen. Auf dem Land kann dagegen ein einziges Angebot die einzige Möglichkeit sein, andere queere Menschen kennenzulernen oder Unterstützung zu bekommen.
Jugend braucht Zukunft
Der Internationale Tag der Jugend ist deshalb mehr als ein Datum im Kalender. Er lenkt den Blick auf die Lebensbedingungen junger Menschen und auf die Frage, welche Möglichkeiten sie haben, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Für queere Jugendliche bedeutet Selbstbestimmung zunächst häufig, überhaupt einen sicheren Raum für die eigene Identität zu finden. Es bedeutet, ohne Angst vor Ausgrenzung zur Schule gehen, Sport treiben, Freundschaften schließen, sich verlieben und über die eigene Zukunft nachdenken zu können.
Die Daten zeigen dabei nicht, dass jeder queere Jugendliche psychisch krank oder suizidgefährdet ist. Sie zeigen vielmehr ein erhöhtes Risiko, das mit Diskriminierung, Ablehnung, Gewalt und fehlender Unterstützung zusammenhängt. Gleichzeitig zeigen die Studien auch die Bedeutung von Schutzfaktoren: Ein queerfreundliches Umfeld, soziale Unterstützung, Beratung und Möglichkeiten zur Vernetzung können die Lebenssituation verbessern.
Der Internationale Tag der Jugend ist damit auch ein Anlass, über Gleichberechtigung nicht nur als rechtlichen Anspruch zu sprechen. Für queere Jugendliche entscheidet sich Gleichberechtigung im Alltag: in der Schule, in der Familie, im Verein, im Internet, in der medizinischen Versorgung – und dort, wo junge Menschen Hilfe finden, wenn sie sie brauchen. Queere Jugendliche brauchen keine Sonderrolle. Sie brauchen dieselben Chancen auf Sicherheit, Gesundheit, Teilhabe und eine selbstbestimmte Zukunft wie alle anderen jungen Menschen. Die vorhandenen Daten zeigen zugleich, dass diese Gleichheit für viele noch nicht Realität ist.
Hier gibt es Hilfe
Die Berichterstattung über Suizid ist ein überaus sensibles Thema. Wir möchten es in KEINSTER Weise glorifizieren oder romantisieren. Viele Menschen, die durch Suizid sterben, leiden an einer psychischen Erkrankung. Wenn es dir nicht gut geht oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen du dich melden kannst. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.
Mit Beratung steht dir auch der Coming Out Day Verein via Messenger, E-Mail und Videochat unter www.coming-out-day.de sowie www.comingoutundso.de zur Seite. Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen findest du unter: www.telefonseelsorge.de