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Neues Licht auf Alan Turing
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Neues Licht auf Alan Turing Schwuler Pionier der Informatik wird neu bewertet

ms - 29.07.2026 - 16:00 Uhr
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Eine bislang unveröffentlichte, teilweise autobiografische Kurzgeschichte des britischen schwulen Mathematikers und Computerpioniers Alan Turing liefert nach Einschätzung einer Wissenschaftlerin neue Einblicke in dessen Persönlichkeit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Dillon von der Universität Cambridge hat das sechsseitige, handschriftliche Manuskript erstmals transkribiert und wissenschaftlich ausgewertet. Ihre Analyse erschien in der Fachzeitschrift The Review of English Studies.

Das Wichtigste im Überblick

  • Eine unveröffentlichte Kurzgeschichte von Alan Turing wurde erstmals wissenschaftlich ausgewertet.
  • Literaturwissenschaftlerin Sarah Dillon sieht darin ein deutlich differenzierteres Bild des Mathematikers.
  • Die Erzählung entstand vermutlich nach Turings Verurteilung wegen Homosexualität.
  • Der Text schildert die Begegnung eines schwulen Wissenschaftlers mit einem jungen Sexarbeiter.
  • Dillon betont, Turing sei trotz staatlicher Verfolgung nie mit seiner Homosexualität unglücklich oder beschämt gewesen.

Urvater der Informatik

Nach Ansicht Dillons vermittelt die Erzählung ein Bild Turings, das sich deutlich von der öffentlichen Wahrnehmung der vergangenen Jahre unterscheidet. „Wir haben Turing auf eine zweidimensionale Stereotype reduziert. Er wird heute oft als sozial unbeholfen, ausschließlich an Logik und Zahlen interessiert und als sehr isoliert wahrgenommen.“ Alan Turing gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er im britischen Codebrecherzentrum Bletchley Park und spielte eine entscheidende Rolle bei der Entschlüsselung des deutschen Enigma-Codes. Darüber hinaus gilt er als einer der Begründer der modernen Informatik und entwickelte theoretische Grundlagen, die später für die Künstliche Intelligenz von großer Bedeutung wurden.

Verurteilt wegen Homosexualität 

Seine Arbeit blieb jedoch über Jahre geheim. 1952 wurde Turing wegen einer homosexuellen Beziehung nach den damaligen britischen Gesetzen wegen „grober Unzucht“ verurteilt. Anstelle einer Gefängnisstrafe musste er sich einer sogenannten chemischen Kastration durch Hormonbehandlungen unterziehen. Zwei Jahre später starb er im Alter von 41 Jahren an einer Cyanid-Vergiftung. Sein Tod wurde als Suizid eingestuft. Die britische Regierung entschuldigte sich 2009 offiziell für den Umgang mit Turing, 2013 sprach Königin Elisabeth II. ihm posthum eine Begnadigung aus.

Eine andere Persönlichkeit

Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Untersuchung steht Turings Erzählung „Pryce's Bouy“, die im Archiv des King's College Cambridge aufbewahrt wird. „Die Geschichte zeigt einen ganz anderen Menschen: verspielt, witzig, frech, literarisch und jemanden, der Sex wirklich mochte.“ Die Handlung beschreibt die Begegnung eines schwulen Wissenschaftlers mit einem jungen Sexarbeiter aus der Arbeiterklasse. Erzählt wird aus der Perspektive beider Figuren. Das Manuskript bricht allerdings mitten im Satz ab.

Nach Einschätzung Dillons entstand die Geschichte vermutlich 1952 oder 1953, also nach Turings Verurteilung. Der Wissenschaftler Alec Pryce sei dabei offensichtlich als Alter Ego Turings angelegt. Wahrscheinlich sei die Erzählung von jener sexuellen Begegnung inspiriert worden, die schließlich zu seiner Festnahme führte. Dillon geht davon aus, dass ursprünglich weitere Seiten existierten, diese jedoch verloren gingen. „Wir wissen nicht, wo der Rest geblieben ist. Wir wissen nicht, ob Turings Mutter ihn zensiert hat. Wurde die Geschichte später noch expliziter? Wie endete sie? Das ist frustrierend, aber alles andere daran ist so spannend.“

Literatur half bei der Selbstfindung

Nach Dillons Analyse greift die Erzählung außerdem Motive aus Angus Wilsons Roman „Hemlock and After“ aus dem Jahr 1952 auf. Dies zeige, dass sich Turing auch nach seiner Verurteilung intensiv mit der damals verfügbaren schwulen Literatur beschäftigte. „In den Jahren vor seinem Tod versuchte er, sich selbst und seine Welt zu verstehen. Literatur bot ihm dafür eine unglaublich kraftvolle Möglichkeit. Das war der Moment, in dem er sich wirklich befreit fühlte und kreativer sowie verspielter sein konnte.“

Weiter erklärt Dillon: „Stellen Sie sich vor, Sie sind Alan Turing. Sie sind ein homosexueller Mann, wurden strafrechtlich verfolgt und zu einer Hormonbehandlung gezwungen. Und nur wenige Monate später lesen Sie diesen Roman. Inmitten all dieses Traumas muss das ein unglaublich prägender Moment gewesen sein.“ Gegenüber der New York Times betonte die Wissenschaftlerin zudem, Turing habe seine sexuelle Orientierung trotz der staatlichen Verfolgung nie verleugnet. „Obwohl er wegen seiner Homosexualität verfolgt wurde, hat er sich niemals dafür geschämt. Er war ein stolzer schwuler Mann.“

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