Eklat in Sydney Queerer Kulturstätte droht nach einem Tag die Räumung
Nach Protesten religiöser Gruppen gegen LGBTIQ+-Veranstaltungen steht eine neu eröffnete Kunst- und Kulturstätte in einer ehemaligen Kirche im australischen Sydney vor dem Aus. Der Vermieter forderte die Betreiber auf, den aus seiner Sicht „anstößigen Geschäftsbetrieb“ einzustellen. Andernfalls droht die Kündigung des Mietvertrags.
Das Wichtigste im Überblick
- Eine ehemalige Kirche in Sydney steht nach LGBTIQ+-Veranstaltungen vor einer möglichen Räumung.
- Religiöse Gruppen protestierten gegen das Kulturprogramm und forderten den Entzug staatlicher Fördergelder.
- Der Vermieter verlangt die Einstellung des aus seiner Sicht „anstößigen Geschäftsbetriebs“.
- Die Betreiber sagten Veranstaltungen ab, die Zukunft des Projekts ist ungewiss.
- Politiker und Vertreter der Kulturszene verteidigen die Kunstfreiheit und den Veranstaltungsort.
Proteste von Christen
Das Divine Playhouse wurde erst vor einer Wochew eröffnet. Nach Angaben der Organisatoren soll der Veranstaltungsort Künstlerinnen und Künstlern einen sicheren und inklusiven Raum bieten, um kreativ zu arbeiten und mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Das rund 150 Jahre alte Gebäude im Zentrum Sydneys dient bereits seit den 1930er Jahren nicht mehr als Kirche. Nach seiner Entweihung wurde es unter anderem als Schule und Theater genutzt.
Ursprünglich sollte die Spielstätte den Namen Unholy Playhouse tragen. Kurz vor der Eröffnung entschieden sich die Betreiber jedoch nach Einwänden aus christlichen Kreisen für den neuen Namen. Dennoch kritisierten die katholische Männergruppe Fit for the Kingdom und die christliche Gemeinschaft Prodigal Sons, die Einrichtung verhöhne den christlichen Glauben. Rund 70 Unterstützer demonstrierten am Mittwochabend vor dem Gebäude und forderten die Regierung des Bundesstaates New South Wales auf, eine Förderung in Höhe von 100.000 australischen Dollar zurückzunehmen, die das Divine Playhouse von der staatlichen Kulturförderung Create NSW erhalten hatte.
Kündigung nach einem Tag
Bereits einen Tag später erhielt der Veranstalter Heaps Gay Events eine Abmahnung des Vermieters. Darin heißt es, die Organisation habe „die aufrichtig vertretenen religiösen Überzeugungen von Millionen christlicher Australier beleidigt und verspottet“. Gleichzeitig wurde den Betreibern eine Frist von zwei Tagen gesetzt, den Betrieb einzustellen. Daraufhin wurden sämtliche Veranstaltungen am Wochenende abgesagt. Ob das Projekt fortgeführt werden kann, ist derzeit offen. Zudem wurden die Instagram-Konten von Divine Playhouse und Heaps Gay nach Beschwerden deaktiviert.
In der Abmahnung heißt es weiter: „Wir stellen fest, dass die von HG Events ausgeübte Tätigkeit aufgrund ihres anstößigen Charakters Gegenstand erheblicher Proteste und öffentlicher Kritik geworden ist. Dieser anstößige Geschäftsbetrieb hat Beschwerden und Störungen für Eigentümer benachbarter Grundstücke sowie für die Allgemeinheit verursacht und wird dies auch weiterhin tun.“ Weiter wird ausgeführt: „Da künftig mit weiteren öffentlichen Protesten zu rechnen ist, die die Sicherheit der Öffentlichkeit gefährden könnten, hält unser Mandant die gesetzte Frist zur Beendigung dieses anstößigen Geschäftsbetriebs für angemessen.“ Sollte der Betrieb nicht bis Samstag eingestellt werden, könnte der Mietvertrag gekündigt werden. Die Anwälte des Vermieters äußerten sich bisher nicht zu dem Fall.
Unterstützung aus Politik und Kultur
James Thorpe, Gründer der Gastronomieorganisation Odd Culture Group und Co-Vorsitzender der Night Time Industries Association, bezeichnete die Entwicklung als „zutiefst besorgniserregend“ und erklärte: „Freiheit kann nicht bedeuten, die Freiheit zu haben, seine Überzeugungen zu äußern und gleichzeitig von allen Andersdenkenden Schweigen zu verlangen. Seit Generationen kämpfen queere Menschen um Orte, an denen sie sich treffen, auftreten, laut, respektlos, fröhlich und ganz sie selbst sein können. Christen haben das Recht zu predigen, zu protestieren und vor dem Divine Playhouse zu beten. Queere Künstler haben das Recht, Kunst zu schaffen, die provoziert, respektlos ist und ja – auch anstößig sein kann.“
Die stellvertretende Bürgermeisterin von Sydney, Jess Miller, teilte Thorpes Stellungnahme auf Instagram. Bereits bei der Eröffnung hatte Miller die Bedeutung des Hauses hervorgehoben: „Was zwischen uns geschieht, wenn wir an Orte wie diesen kommen, ist, dass wir Gemeinschaften schaffen – fast wie Kathedralen-Gemeinschaften –, die letztlich viel stärker sind, wenn sie zusammenhalten, als wenn sie getrennt werden.“ Kat Dopper, Gründerin von Heaps Gay und Initiatorin des Divine Playhouse, erklärte bei der Eröffnung, Ziel sei gewesen, einen Veranstaltungsort zu schaffen, der „für Kunst- und Kulturschaffende leicht zugänglich ist, ohne dass sie dafür ein Vermögen ausgeben müssen. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was Sydneys unabhängige Kunst- und Kulturszene mit diesem Ort machen wird.“
Auch die Grünen-Abgeordnete des Bundesstaates New South Wales, Cate Faehrmann, stellte sich hinter das Projekt. Das Divine Playhouse sei genau die Art von Veranstaltungsort, „von der Sydney dringend mehr braucht“. Sie forderte den für Musik und das Nachtleben zuständigen Minister John Graham auf, „das Divine Playhouse, seine Organisatoren, Mitarbeiter, Künstler und Besucher öffentlich zu verteidigen“. Und weiter: „Er sollte deutlich machen, dass die Regierung an der Seite von Künstlern, Veranstaltern und Sydneys queerer Gemeinschaft steht – und nicht an der Seite derjenigen, die sie zum Schweigen bringen wollen.“
Religiöse Gruppen weisen Vorwürfe zurück
Die Gruppen Prodigal Sons und Fit for the Kingdom erklärten gegenüber dem Guardian Australia, sie wollten niemanden zum Schweigen bringen. Vielmehr gehe es darum, wie die Prodigal Sons formulierten, „deutlich zu machen, wie tief dieses Material eine Glaubensgemeinschaft verletzt hat“. Kritik entzündete sich unter anderem an Fotos und Videos der Eröffnungsfeier. Zu sehen gewesen seien etwa ein als Schwein verkleideter Künstler, der McDonald's-Pommes als heilige Kommunion verteilte, „als Nonnen verkleidete Künstler, die Sexspielzeug schwenken“ sowie „Dragqueens, die die Geburt Christi nachspielen“.
Ein Sprecher der Prodigal Sons sagte: „Es gibt in Sydney keinen Mangel an Veranstaltungsorten, an denen sich die LGBTIQ+-Gemeinschaft frei ausdrücken und ihre künstlerische Kreativität entfalten kann. Die Wahl einer ehemaligen Kirche ist eine bewusste und gezielte Entscheidung.“ Die Debatte wurde in sozialen Netzwerken zusätzlich von christlichen Influencern und der konservativen Partei Family First Australia aufgegriffen. Für diesen Freitag haben religiöse Gruppen angekündigt, sich vor dem Divine Playhouse zu versammeln, um „für die Seelen der Menschen hinter dieser Entweihung zu beten“. Nach Angaben der Polizei werden Einsatzkräfte die Versammlung begleiten. Unterdessen prüft die Stadt Sydney einen Vorschlag, das ehemalige Kirchengebäude künftig in Luxuswohnungen umzuwandeln.