Verbotene Liebe in Süditalien Schwule Jungs zwischen Gewalt, Angst und Hoffnung
Ein besonderes Filmdrama ist heue im Bayerischen Rundfunk zu erleben: Am Ende des Films „Fireworks“ steht eine Widmung, die schockiert:
„Für Toni und Giorgio, die 1980 auf Sizilien erschossen wurden, weil sie sich liebten“. Der Film von Giuseppe Fiorello aus dem Jahr 2023 erzählt eine tragische Liebesgeschichte zweier Jungen und läuft heute im Spätprogramm des BR Fernsehens (23.15 Uhr). Anschließend ist er 30 Tage in der ARD-Mediathek im Rahmen der Reihe „BR Queer“ abrufbar.
Das Wichtigste im Überblick
- Film „Fireworks“ von Giuseppe Fiorello (2023) basiert auf einem realen Kriminalfall
- Thema: Verfolgung und Gewalt gegen eine schwule Liebesbeziehung zweier Teenager
- BR Fernsehen zeigt den Film heute um 23.15 Uhr im Spätprogramm und anschließend in der ARD-Mediathek
- Vorlage ist der „Delitto di Giarre“ von 1980 auf Sizilien
- Film verbindet Liebesgeschichte mit gesellschaftlicher Kritik an Homophobie und Männlichkeitsbildern
Zwei Teenager, ein Unfall, eine Liebe
Zu Beginn lernen sich zwei Teenager Anfang der 1980er Jahre kennen, als sie auf einer Landstraße mit ihren Mopeds zusammenstoßen. Um den Unfall wiedergutzumachen, bietet der eine dem anderen einen Job bei seinem Vater an, der Feuerwerke veranstaltet. Aus der Freundschaft von Nino und Gianni entwickelt sich eine romantische Beziehung, die sie zunächst unbeschwert leben wollen. Doch als ihre konservativen und von Angst geprägten Familien davon erfahren, eskaliert die Situation.
Der Film basiert auf einem tatsächlichen Verbrechen, dem sogenannten „Delitto di Giarre“ (Mord von Giarre), das sich im Oktober 1980 auf Sizilien ereignete. Giarre liegt am Osthang des Ätna nahe Catania. Der Fall führte in Italien zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Diskriminierung von Homosexuellen und tief verwurzeltem Schwulenhass. Die mutmaßliche Ermordung zweier junger Männer – vermutlich im Auftrag ihrer Familien, der Täter wurde nie eindeutig ermittelt – hatte weitreichende Folgen. Unter anderem entstand daraus der queere Bürgerrechtsverband „Arcigay“, der bis heute aktiv ist.
Angst, Gewalt und Worte der Eltern
Für die filmische Umsetzung verlegte Fiorello die Handlung in das Jahr 1982, zur Fußball-Weltmeisterschaft in Italien, die das Land emotional prägte. Der Film verknüpft die Liebesgeschichte mit Themen wie Machotum, Patriotismus und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Auch über die Zeit und den Ort hinaus versteht sich der Film als Kommentar auf heteronormative Gesellschaften – unabhängig davon, ob katholisch, islamisch oder anderweitig geprägt.
Die Homophobie der Eltern wird im Film als Ausdruck von Angst vor dem Fremden erzählt. Besonders deutlich wird das in Dialogen: Mit dem mutmaßlichen Lover des 16-Jährigen sei der Teufel ins Haus gekommen, sagt die Mutter voller Furcht zu ihrem Sohn Nino. Der Vater reagiert noch schärfer: Wenn er diese unaussprechliche Neigung habe, dann sei er ein Schwein. Die zentrale Frage der Eltern lautet schließlich voller Abscheu: „Ist was passiert oder nicht?“ Dabei zeigt der Film, dass diese Figuren zuvor als liebevolle Eltern eingeführt werden.
Dorf, Gerüchte und familiärer Druck
Über Gianni kursieren im Dorf zahlreiche Gerüchte. Die engstirnige Gemeinschaft nutzt jede Gelegenheit, ihn zu mobben, nachdem er bei intimen Begegnungen mit einem Mann gesehen worden sein soll. Giannis Mutter Lina lebt mit einem gewalttätigen Mann zusammen, der den Jungen ablehnt. Sie selbst steht zwischen Angst vor einem Skandal und ihrer Liebe zum Sohn – gefangen in Erziehung, patriarchalen Rollenbildern und gesellschaftlichem Druck. Ein kleiner Lichtblick ist ein Onkel, der mehr Verständnis zeigt. Er rät Gianni, nach eigenen Vorstellungen zu leben, aber möglichst unauffällig zu bleiben. Doch auch dieser Rat schützt letztlich nicht vor den Konsequenzen der gesellschaftlichen Ablehnung.
Tragik und filmische Stärke
„Fireworks“ ist ein atmosphärisch dichtes Erzählkino und zugleich ein Sittenbild seiner Zeit. Trotz der tragischen Handlung bleibt der Film in seiner Grundstimmung lebensbejahend. Die Liebesgeschichte entfaltet sich vorsichtig und sinnlich, unterstützt durch eine starke Bildsprache. Der Originaltitel „Stranizza d'amuri“ bedeutet sinngemäß „Die Seltsamkeit der Liebe“. Der Film arbeitet zudem mit gezielter emotionaler Täuschung: Lange bleibt die Hoffnung bestehen, dass alles gut ausgeht. Unterstützt wird dies durch die bittersüße Musik von Franco Battiato. Eine zentrale Szene zeigt einen Küchentanz zwischen Gianni und seiner Mutter. Dabei erklingt das Lied „Il mio mondo“ von Umberto Bindi. Das Stück ist auch in der englischen Version „You're My World“ und auf Deutsch als „Meine Welt bist du“ bekannt.