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Neue ZDF-Doku über Aids Liebe, Krankheit und politisches Schweigen in Deutschland

Von ms - 18.06.2026 - 10:30 Uhr
Neue ZDF-Doku über Aids
Foto: ZDF / Beate Heidelbach / Bildbearbeitung FASH Medien
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Mit einer dreiteiligen Dokumentation widmet sich das ZDF der frühen HIV- und Aids-Krise in Deutschland und wählt dafür einen ungewöhnlichen erzählerischen Ansatz. Im Zentrum stehen die Lebensgeschichten der beiden DDR-Künstler Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki, deren Biografien eng mit der gesellschaftlichen und politischen Behandlung von Homosexualität und HIV in den 1980er- und 1990er-Jahren verknüpft sind.

Das Wichtigste im Überblick

  • ZDF-Dreiteiler „Aids – In Zeiten der Liebe“ beleuchtet die HIV-Krise anhand zweier DDR-Künstlerbiografien
  • Im Mittelpunkt stehen Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki, die beide an Aids starben
  • Die Doku zeigt den Umgang mit Homosexualität, Krankheit und politischer Ausgrenzung in DDR und Westen
  • Historische Originaldokumente belegen diskriminierende Begründungen für die Ausreise der Künstler aus der DDR
  • Zeitzeugen, Weggefährten und Experten ordnen die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ein
  • Die Produktion kombiniert Archivmaterial, Interviews und nachgestellte Szenen

Erfolgreiche besondere Doku 

Ein historischer Bezugspunkt der Produktion ist der 9. November 1989, an dem nicht nur der Fall der Berliner Mauer begann, sondern im Ost-Berliner Kino International auch der erste Schwulenfilm der DDR Premiere feierte. Zwar war das Thema Aids bereits damals präsent, wurde im Film jedoch bewusst ausgeklammert, um zusätzliche Stigmatisierung zu vermeiden. Die Dokumentation, die unter dem ZDF-Kulturlabel „Aspekte“ veröffentlicht wurde, verknüpft erstmals systematisch Perspektiven aus Ost- und Westdeutschland im Umgang mit der Krankheit. Nach Angaben des ZDF wurde das Format bereits mehr als 150.000 Mal abgerufen. Der erste Teil gilt demnach als bislang erfolgreichstes „Aspekte“-Video des Jahres.

Regisseur Johannes Nichelmann, der zuvor unter anderem mit dem Projekt „Nachwendekinder – Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen“ bekannt wurde, rückt in der Produktion die politische Dimension individueller Lebensgeschichten in den Fokus. Im Mittelpunkt stehen die Künstler Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki. Zolchow, der zunächst verheiratet war und zwei Kinder hatte, erlebte in Ost-Berlin sein Coming-Out und arbeitete als Bühnenbildner. Dort lernte er Nawrocki kennen, der Schauspieler war und zu seinem Partner wurde.

„Asoziale Lebensweisen“

Die DDR-Behörden stuften die beiden Männer später als unerwünscht ein. In internen Unterlagen heißt es, sie hätten eine „verfestigte feindlich-negative Grundeinstellung zur DDR“. Zudem sei argumentiert worden, beide neigten „zu asozialen Lebensweisen“, weshalb staatliche Gespräche erfolglos geblieben seien und nicht erwartet werde, dass sie sich zu „gesellschaftsmäßigem Verhalten“ bewegen ließen. 1984 wurde dem Paar die Ausreise aus der DDR genehmigt. Im Westen führten sie ihr Leben zunächst in der Theater- und Subkulturszene fort. Später wurde bei Heiko Zolchow eine HIV-Infektion diagnostiziert. Er starb 1987, sein Partner Dirk Nawrocki 1994.

Einen zentralen Teil der Dokumentation bilden Erinnerungen von Weggefährten und Freunden, die die beiden Männer als prägende Figuren ihres Umfelds beschreiben. Regisseur Nichelmann verweist darauf, dass ihre Lebensgeschichten durch persönliche Erinnerungen weiterhin präsent seien. „Zum Glück sind diese Biografien nicht einfach verschwunden. Sie sind noch da, in den Erinnerungen der vielen Menschen, deren Leben Heiko und Dirk berührt haben. Auch nach all den Jahren erzählen sie mit einer erstaunlichen Klarheit von diesem Paar, von der Tragik ihrer Geschichte, aber eben auch von der Kraft, die darin liegt.“

Mischung aus Doku und Spielszenen

Die Produktion arbeitet neben Interviews und Archivmaterial auch mit nachgestellten Szenen, um die Lebenswelt der Protagonisten zu rekonstruieren. Zeitzeugen wie Sabine Zolchow, die frühere Ehefrau von Heiko Zolchow, schildern ihre Perspektive mit bemerkenswerter Offenheit. Sie sagte: „Was hätte ich ihnen vorwerfen sollen? Dass sie schwul sind?“ Auch weitere Zeitzeugen kommen zu Wort, darunter der Regisseur Jean-Claude Kuner, der Theaterregisseur Frank Castorf, der Szenenbildner Karl-Hermann Reith sowie der Schauspieler Bernd Stegemann. Der Historiker Henning Tümmers ordnet die damalige gesellschaftliche Debatte ein und beschreibt, wie im Westen teils alarmistische und moralisch aufgeladene Deutungen der Aids-Krise entstanden, während in der DDR zunächst ein weitgehendes Verschweigen dominierte. In Teilen der öffentlichen Debatte seien dabei Schwule als Schuldige stigmatisiert worden, während Präventionsansätze wie Safer Sex lange Zeit kaum berücksichtigt worden seien.

Schwule Männer als „Seuchenquellen“

Exemplarisch zeigt die Dokumentation eine Fernsehdiskussion aus dem Jahr 1987 mit dem damaligen bayerischen Innenstaatssekretär Peter Gauweiler. Dieser sprach in dem Zusammenhang von einem „hamsterhaften Sexualleben“ homosexueller Männer und forderte Maßnahmen gegen sogenannte „offene Seuchenquellen“, etwa Saunaclubs. Als Gegenposition wird unter anderem die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth dargestellt, die sich gegen eine Moralisierung wandte und stattdessen auf Aufklärung sowie Kondomnutzung setzte. Die Dokumentation zeichnet damit ein vielschichtiges Bild der Aids-Krise in Deutschland und verbindet persönliche Schicksale mit politischen und gesellschaftlichen Deutungskämpfen der Zeit.

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