WM-Auftakt in Nordamerika Große Sorge um queere Fußball-Fans
Kurz vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer heute Abend in Mexiko, Kanada und den USA hat der LSVD+ – Verband Queere Vielfalt die Situation queerer Menschen im Gastgeberland USA thematisiert. Nach Ansicht des Verbandes würden insbesondere trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen zunehmend politisch unter Druck geraten. Zuvor hatte bereits ein Bündnis mehrerer Bürgerrechts- und Menschenrechtsorganisationen, darunter auch Amnesty International, LGBTIQ+-Menschen vor der WM eindringlich gewarnt. Einer der Hauptverantwortlichen, FIFA-Chef Gianni Infantino, weist alle Kritik erneut von sich.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer beginnt heute in den Gastgeberländern USA, Kanada und Mexiko.
- Der LSVD+ kritisiert die Politik der US-Regierung gegenüber queeren Menschen.
- Der Verband sieht insbesondere die Rechte von trans*, intergeschlechtlichen und nicht-binären Personen unter Druck.
- Medien, Politik und Sportverbände werden zu einer klaren Positionierung aufgerufen.
- Der LSVD+ warnt vor möglichen Sicherheitsrisiken für trans* und nicht-binäre Fußballfans in den USA.
- Das Auswärtige Amt hat entsprechende Reisehinweise bereits 2025 veröffentlicht und zur WM erneut bekräftigt.
- Kritik an Visa-Problemen und anderweitigen Problemen wies FIFA-Präsident Gianni Infantino er zurück.
- Eine nachträgliche Reue über die Vergabe der WM an die USA schloss Infantino ebenso aus.
Verantwortung im Sport
Anlässlich des Turnierstarts äußerte sich Julia Monro aus dem Bundesvorstand des LSVD+ zur gesellschaftlichen Verantwortung des Sports. „Sport hat in dieser Lage eine besondere Verantwortung, weil er weltweit Werte transportiert, die über den Platz hinausreichen: Fairness, Respekt und Teilhabe. Das muss für alle Menschen gelten, auch für trans* und nicht-binäre Personen. Wer den Sport liebt, muss auch die Menschen schützen, die ihn nur unter erschwerten Bedingungen erleben.“
Der LSVD+ appelliert daher an Medien, politische Entscheidungsträger sowie Verantwortliche im Sport, die Situation queerer Menschen in den Vereinigten Staaten stärker in den Fokus zu rücken und eine klare Haltung zu demonstrieren: „Die öffentliche Sichtbarkeit von queeren Menschen wird zurückgedrängt, Unternehmen und Organisationen, die Diversity-Strategien haben, unter Druck gesetzt, und Gesetze für trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen verschärft.“
LGBTIQ+ ist kein Randthema
Zudem bekräftigt der queere Verein eindringlich: „Das ist kein Randthema, sondern betrifft Alltag, Mobilität und Sicherheit unmittelbar. Der Umgang mit Minderheitenrechten ist ein Gradmesser für den Zustand einer demokratischen Gesellschaft. Menschenfeindliche Maßnahmen dürfen nicht normalisiert werden.“ Nach Einschätzung des Verbandes muss die internationale Gemeinschaft in die Pflicht genommen werden: „Die internationale Gemeinschaft darf dazu nicht schweigen, wenn die Aufmerksamkeit auf das Gastgeberland USA zunimmt. Die Trump-Administration könnte diese mediale Bühne für weitere menschenfeindliche Zwecke instrumentalisieren, um ihre queerfeindliche Agenda in andere Länder zu übertragen.“
Warnung an Reisende
Besonders besorgt zeigt sich der Verband hinsichtlich der Situation von trans* und nicht-binären Fußballfans: „Die Sicherheit für trans* und nicht-binäre Fußballfans ist in den USA derzeit nicht gewährleistet. Wir raten allen queeren Fans, sich vorab sorgfältig zu informieren und auf ihre Sicherheit zu achten.“ Der Verband verweist dabei auch auf Hinweise des Auswärtigen Amtes. Bereits im Jahr 2025 hatte die Behörde Reisewarnungen beziehungsweise Sicherheitshinweise für trans* und nicht-binäre Personen veröffentlicht.
Diese wurden im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft erneut bekräftigt. Demnach könnten insbesondere Reisende betroffen sein, deren Geschlechtseintrag von den Erwartungen der Behörden abweicht. Wer mit einem „X“-Eintrag im Reisepass unterwegs sei oder bei Kontrollen nicht dem staatlichen Erwartungsbild entspreche, müsse in den USA mit Schwierigkeiten rechnen.
Entwicklungen in mehreren Bundesstaaten
Nach Angaben des LSVD+ habe sich die Lage für trans* Menschen in mehreren Bundesstaaten verschärft. Als Beispiel nennt der Verband Florida. Dort drohe trans* Frauen eine Gefängnisstrafe, wenn sie ein Damen-WC benutzen. Auch aus Kansas werden Einschränkungen berichtet. Dort seien Führerscheine von trans* Personen ohne vorherige Ankündigung für ungültig erklärt worden. Darüber hinaus verweist der Verband auf Änderungen bei Ausweisdokumenten. So gebe es Bundesstaaten wie Texas, die Geschlechtseinträge auf Führerscheinen nicht mehr anpassen wollten.
Nach Angaben des Vereins hätten einige trans* Personen die USA bereits verlassen oder seien in sogenannte „Sanctuary Cities“ gezogen, die sich ausdrücklich als Schutzräume verstehen. Zudem verweist der Verband auf eine jüngste Erweiterung der Antiterror-Richtlinie durch die Trump-Administration. Diese nehme nun auch die „pro-transgender ideology“ in den Fokus.
Infantino bereut nichts
Kurz vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft hat FIFA-Präsident Gianni Infantino gestern bei einer Pressekonferenz in Mexiko-Stadt zentrale Kritikpunkte rund um das Turnier zurückgewiesen. Dabei verteidigte er sowohl die extrem teure Ticketpolitik des Weltverbandes als auch den Umgang mit Einreiseproblemen von Teilnehmern und Fans. „Ich hoffe, dass wir heute auch ein bisschen über Fußball sprechen können“, sagte Infantino zu Beginn der Veranstaltung. Gleichzeitig räumte er ein, dass andere Themen derzeit die Schlagzeilen bestimmten.
Zu Problemen bei der Einreise, aktuell am Fall des somalischen Schiedsrichter Omar Artan, erklärte Infantino: „Wir sind nicht die Könige der Welt, die Regierungen überstimmen können. Unsere Welt ist leider eine aggressive Welt. Sicherheit steht über allem. Wir müssen die Entscheidungen akzeptieren.“ Außerdem bekräftigte er die Teilnahme des Irans an der Weltmeisterschaft – das Land hatte zuletzt ein Regenbogenflaggen-Verbot bei der WM gefordert. Auf die Frage, ob er die Vergabe der Weltmeisterschaft an die USA rückblickend bedauere, reagierte Infantino eindeutig: „Ich bedauere gar nichts.“ Viele weitere Fragen wie die umstrittene Vergabe der Weltmeisterschaft 2034 an Saudi-Arabien blieben bei dem seltenen Auftritt unbeantwortet. Es war das erste Mal in drei Jahren, dass Infantino sich Fragen der Presse stellte. Im kommenden Jahr stellt sich der FIFA-Präsident erneut zur Wahl, Gegenkandidaten sind bislang nicht in Sicht.