Coming-Out im Hürdenlauf Mitja Zubin wehrt sich gegen homophobe Attacken
Mitja Zubin hatte sich auf sein Debüt bei den Leichtathletik-Europameisterschaften gefreut. Der 20-jährige Slowene hatte kurz zuvor über 400 Meter Hürden eine persönliche Bestzeit aufgestellt. Stattdessen wurde er in Birmingham jetzt zum Mittelpunkt einer Debatte über Homophobie und Hass im Internet. Er outete sich daraufhin öffentlich als schwul und erhielt nun viel Unterstützung bis in die höchsten Ebenen seines Heimatlandes.
Das Wichtigste im Überblick
- Der 20-jährige slowenische Hürdenläufer Mitja Zubin hat sich nach homophoben Angriffen im Internet öffentlich als schwul geoutet.
- Auslöser waren beleidigende und homophobe Kommentare unter einem Interview mit dem Sportler.
- Zubin veröffentlichte einen Screenshot der Kommentare und prangerte die Online-Angriffe an.
- Die slowenische Staatspräsidentin Nataša Pirc Musar stellte sich öffentlich hinter den Athleten.
- Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham war Zubin der einzige offen schwule Athlet in der Männerkategorie.
- Zubin will vor allem jüngeren Menschen zeigen, dass sie sich nicht für ihre sexuelle Orientierung schämen müssen.
- Slowenien gehört rechtlich zu den fortschrittlichsten Ländern Europas bei LGBTIQ+-Rechten, gesellschaftliche Einstellungen hinken jedoch hinterher.
Wichtige Repräsentation
Noch immer verarbeitet Zubin die bemerkenswerte Entwicklung der Ereignisse in Birmingham im Vereinigten Königreich. Bereuen tut er nichts.´„Ehrlich gesagt geht es mir großartig“, sagte er dem Sportportal Outsports. „Leider bin ich seit meiner Kindheit an ein solches Umfeld gewöhnt. Ich weiß, dass man das nicht als ‚normal‘ betrachten sollte, aber es ist die Realität, in der ich aufgewachsen bin.“ Überrascht war Zubin, als er erfuhr, dass er bei den alle zwei Jahre stattfindenden Europameisterschaften der einzige offen schwule Athlet in der Männerkategorie war. Bei dem Wettbewerb kommen die besten Leichtathleten des Kontinents zusammen. „Ich hatte keine Ahnung“, sagte er. Die Nachricht sei für ihn zugleich eine Quelle des Stolzes gewesen. „Repräsentation ist von großer Bedeutung, weil sich jeder sicher, willkommen und für seine sportlichen Leistungen wertgeschätzt fühlen sollte.“
Homophobe Kommentare
Anfang Juli lief Zubin die 400 Meter Hürden in 49,85 Sekunden. Er blieb damit erstmals unter der Marke von 50 Sekunden. Anschließend sprach er in einem Interview mit dem slowenischen Leichtathletikverband begeistert über seinen Wettkampf. Der Verband veröffentlichte das Video in den sozialen Medien. Im Kommentarbereich wurde der Ton indes schnell sehr aggressiv. Dort fanden sich homophobe Beschimpfungen und abfällige Bemerkungen über Zubins Aussehen.
Zubin stellte sich dagegen. Er veröffentlichte einen Screenshot der beleidigenden Kommentare in seiner Instagram-Story und prangerte die Angriffe direkt an. „Nur eine kleine Auswahl der Online-Toxizität, die hinter den Kulissen stattfindet“, schrieb er. Er erklärte, der Moment verdeutliche die „psychologischen Herausforderungen“, mit denen viele Spitzensportler heute konfrontiert seien. „Ich habe nicht erkannt, wie viel Hass es zu Hause gibt … es ist enttäuschend, solche Dinge zu sehen.“
Unterstützung aus Regierungskreisen
Zubins Beitrag löste eine außergewöhnliche Welle öffentlicher Unterstützung aus, die bis in die höchsten Ebenen der Regierung seines Heimatlandes reichte. Der slowenische Leichtathletikverband veröffentlichte eine deutliche Stellungnahme: „Kommentare, die sich auf persönliche Eigenschaften beziehen, und Anspielungen auf die sexuelle Orientierung von Personen sind beleidigend und inakzeptabel.“
Kurz darauf äußerte sich auch die slowenische Staatspräsidentin Nataša Pirc Musar öffentlich. In einem Beitrag über die gefährlichen Auswirkungen von Diskriminierung in der Gesellschaft wandte sie sich direkt an den jungen Hürdenläufer. Sie sprach ihm Mut zu und betonte die Grundwerte des Landes. „Mitja Zubin, ich möchte, dass du weißt, dass die Unterstützung der überwältigenden Mehrheit der Menschen dich weiterhin begleitet und lauter ist als diejenigen, die dich beleidigen und erniedrigen“, schrieb Pirc Musar. „Homophobie, Hassrede und Diskriminierung haben in unserem Sport und in unserer Gesellschaft keinen Platz.“
Statement zur Homosexualität
In Gesprächen mit slowenischen Medien sagte Zubin, er begrüße das Eingreifen der Präsidentin. Er sprach dabei auch über sein Schwulsein: „Ich habe mich geoutet, damit vielleicht jemand, der nach mir kommt, jemand Jüngeres, sich dafür nicht schämen muss.“ Für Zubin war es das erste Mal, dass er öffentlich über seine sexuelle Orientierung sprach. „Ich hatte nie das Bedürfnis, es der Welt mitzuteilen“, sagte er. „In meinem Privatleben wussten die meisten Menschen, die mir nahestehen, bereits, dass ich schwul bin. Ich habe mich mit 16 gegenüber meiner Mutter, meinem jüngeren Bruder und meinen engen Freunden geoutet. Nicht jeder in meiner erweiterten Familie wusste davon, bis diese jüngste Situation entstanden ist, aber das ist für mich völlig in Ordnung.“
Zudem betonte der Spitzensportler: „Meine größte Motivation, mich zu äußern, ist die jüngere Generation. Wenn man aufwächst, kann ein sichtbares Vorbild den entscheidenden Unterschied machen. Deshalb möchte ich, dass jüngere Athleten oder alle, die Schwierigkeiten haben, sich selbst zu akzeptieren, wissen, dass sie nicht allein sind, dass sie Unterstützung haben und dass jemand hinter ihnen steht. Ich möchte, dass sie sehen, dass man man selbst sein und trotzdem auf höchstem Niveau Leistung bringen kann.“
Gespaltenes Land
Zubin betonte zudem seine Hoffnung, dass sich in seiner Heimat die Lage von LGBTIQ+-Menschen weiter verbessert. Slowenien belegt Platz 40 im Equaldex Equality Index und Platz 17 auf der Rainbow-Europe-Karte der ILGA und gehört damit zu den fortschrittlichsten Ländern Mitteleuropas. Vor vier Jahren wurde Slowenien zum ersten postkommunistischen Land der Welt, das die gleichgeschlechtliche Ehe und das vollständige Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare legalisierte. Eine öffentliche Meinungsumfrage des Eurobarometers zeigt jedoch eine Diskrepanz. Nur 58 Prozent der Slowenen sind demnach der Auffassung, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung in Ordnung ist. Nur 42 Prozent wollen Homosexuellen die gleichen Rechte wie heterosexuellen Menschen zusprechen.