Rekordniveau Hass-Kriminalität BKA-Bericht belegt deutlich mehr Gewalt gegen queere Menschen
Die politisch motivierte Kriminalität in Deutschland hat 2025 erneut einen Höchststand erreicht. Mit einem Anstieg um etwa zwei Prozent auf 85.837 Delikte befindet sich die Politisch motivierte Kriminalität (PMK) auf dem höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Jahr 2001. Auch die Zahl der politisch motivierten Gewalttaten stieg um rund 1,2 Prozent auf 4.156 Delikte und erreichte damit den höchsten Stand seit 2016. Die Angriffe auf LGBTIQ+-Menschen haben binnen eines Jahres um fast 13 Prozent zugenommen.
Das Wichtigste im Überblick
- Politisch motivierte Kriminalität (PMK) steigt 2025 auf Rekordwert von rund 85.800 Straftaten (+2 Prozent).
- Politisch motivierte Gewalt erreicht mit über 4.100 Delikten den höchsten Stand seit 2016.
- Hasskriminalität bleibt mit etwa 22.200 Fällen auf sehr hohem Niveau.
- Queerfeindliche Straftaten nehmen um 12,8 Prozent auf 2.377 Fälle zu.
- Linksmotivierte Straftaten steigen um mehr als 35 Prozent, Gewalttaten um mehr als 42 Prozent.
- Rechte Straftaten bleiben trotz leichtem Rückgang mit etwa 42.500 Fällen der größte Phänomenbereich.
Gewalt erreicht neuen Höchststand
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt erklärte zu den neuen Daten des Bundeskriminalamtes (BKA): „Die Politisch motivierte Kriminalität ist erneut auf einem Höchststand. Sowohl im Phänomenbereich links als auch im Phänomenbereich rechts steigen die Gewaltdelikte deutlich an. Die linke Szene unterstreicht mit 42 Prozent mehr an Gewalttaten die wachsende Bedrohung, die von ihr ausgeht. Die mit Abstand meisten Delikte wurden allerdings von rechten und rechtsextremen Tätern verübt, was wiederholt zeigt, dass die größte Gefahr aktuell vom Rechtsextremismus ausgeht. Wir stellen uns gegen jede Form von Extremismus und bauen deswegen unsere Instrumente gegen die extremistische Bedrohung weiter aus.“
Besonders besorgniserregend bleibt die Entwicklung bei der Hasskriminalität. Mit 22.159 registrierten Fällen lag sie 2025 erneut auf einem sehr hohen Niveau (2024: 21.773 Delikte). Bei Hasskriminalität handelt es sich um Straftaten, die durch gruppenbezogene Vorurteile motiviert sind. Knapp ein Drittel der registrierten Delikte wurde im Internet begangen. Die konstant hohe Zahl fremdenfeindlicher Straftaten bleibt der wichtigste Treiber der Hasskriminalität. 2025 wurden 19.484 entsprechende Delikte registriert, nahezu unverändert gegenüber dem Vorjahr. Zudem nahm die Zahl antisemitischer Straftaten weiter zu. Sie stieg um fünf Prozent auf 6.548 Fälle. Fast die Hälfte dieser Delikte (47,2 Prozent) stand im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt. Einen besonders deutlichen Anstieg verzeichneten frauenfeindliche Straftaten. Mit einem Zuwachs von 46,8 Prozent auf 819 Delikte erreichten gegen Frauen gerichtete Straftaten einen neuen Höchstwert. Im Vorjahr waren 558 Fälle registriert worden.
Anstieg bei LGBTIQ+-feindlichen Taten
Die Gewalt gegen homosexuelle und queere Menschen nimmt weiter zu. Mit einem Anstieg um 12,8 Prozent auf 2.377 Fälle setzte sich der Trend der vergangenen Jahre fort, in denen bereits ein kontinuierlicher Anstieg an Hasskriminalität gegen LGBTIQ+-Menschen beobachtet worden war. Auffällig ist dabei der hohe Anteil von Gewaltdelikten, der deutlich über dem Durchschnitt aller PMK-Delikte liegt. Zudem: Rund 90 Prozent aller Attacken werden gar nicht angezeigt und finden sich folgerichtig erst gar nicht in der BKA-Auswertung.
Die meisten queerfeindlichen Straftaten werden den Bereichen PMK-sonstige Zuordnung und PMK-rechts zugerechnet. Sicherheitsbehörden beobachten insbesondere eine zunehmende Mobilisierung rechtsextremistischer Gruppierungen gegen die LGBTIQ+-Community, da diese und die durch sie symbolisierten Werte einem rassistischen und nationalistischen Weltbild entgegenstehen. In diesem Zusammenhang bekräftigte das BKA im Interview mit SCHWULISSIMO auch eine gestiegene Gefahrenlage rund um CSD und Pride-Veranstaltungen.
Koch fordert Einsatz der Bundesregierung
Zu dem erneuten Anstieg im Bereich LGBTIQ+ erklärte Sophie Koch, Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt: „Die Antwort auf steigende queerfeindliche Gewalt kann nicht sein, bei Prävention, Beratung und Community-Arbeit zu kürzen. Queere Menschen brauchen die Gewissheit, dass sie geschützt werden und nicht allein sind. Denn Sicherheit entsteht dort, wo Vielfalt gewinnt und Hass keine Chance bekommt. Die heute veröffentlichten Zahlen zeigen, wie dringend das ist. Queerfeindliche Straftaten haben erneut einen Höchststand erreicht.“ Gleichzeitig erlebe man, so Koch weiter, wie Hass gegen queere Menschen immer offener geäußert werde. „Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich: Aus Worten werden Taten. Viele queere Menschen sind verunsichert. Sie erwarten zu Recht, dass sie geschützt werden und frei von Angst leben können. Gleichzeitig müssen wir davon ausgehen, dass die tatsächliche Zahl queerfeindlicher Straftaten deutlich höher liegt. Das Dunkelfeld ist weiterhin enorm.“
Koch bekräftigt daher erneut, dass die Maßnahmen des Nationalen Aktionsplans „Queer leben“ konsequent umgesetzt werden müssten. Die Bundesregierung hat den Aktionsplan Anfang des Jahres für beendet erklärt. „Wer queere Menschen angreift, greift die Grundwerte unserer offenen Gesellschaft an. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, Jahr für Jahr neue Höchststände zu registrieren. Der Schutz von LSBTIQ*-Personen ist eine Frage von Menschenwürde, Sicherheit und Demokratie. Dafür trägt die Politik Verantwortung – aber auch wir als Gesellschaft insgesamt“, so Koch abschließend.
Hass über die sozialen Medien
Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, erklärte: „Wesentliche Treiber von gesellschaftlicher Polarisierung sind Soziale Medien, über die Hass, Hetze und Propaganda verbreitet werden. Das beschleunigt zudem Radikalisierungsprozesse und führt im schlimmsten Fall zu schweren Straftaten im analogen Raum. Gleichzeitig verschärft sich die Bedrohung von außen durch Cyberangriffe, Spionage, Sabotage und staatsterroristische Aktivitäten. Wir verfolgen die Kriminalitätsentwicklung sehr genau und stärken unsere Ermittlungs- und Zentralstellenkapazitäten." Besonders gerne werden dabei homosexuelle und queere Menschen zu Opfern online, sowohl bei Hass und Hetze wie auch bei Cyberangriffen.
Zunahme linksextremer Gewalt
Der Anstieg der Gesamtstraftaten ist vor allem auf die Entwicklung im Bereich PMK-links zurückzuführen. Die Zahl der registrierten Straftaten stieg dort um 35,3 Prozent auf 13.490 Delikte und erreichte einen neuen Höchststand. Im Vorjahr waren 9.971 Fälle registriert worden. Noch deutlicher fiel der Anstieg bei den Gewaltdelikten aus. Mit einem Plus von 42,7 Prozent stieg ihre Zahl auf 1.087 Fälle. Damit überschritt die Zahl linksmotivierter Gewalttaten erstmals seit 2022 wieder die Marke von 1.000 Fällen.
Prägend für die Entwicklung waren vor allem Massendelikte im Zusammenhang mit Protest- und Demonstrationslagen. Die ganz große Mehrheit der Delikte der PMK-links stand 2025 im thematischen Kontext von Antifaschismus und der Agitation gegen rechts. Insgesamt wurden 92,61 Prozent aller Delikte dem Themenfeld „Konfrontation/Politische Einstellung“ zugeordnet. Ein weiterer wesentlicher Zusammenhang war die Agitation gegen Staat und Polizei.
Polarisierung der Gesellschaft
Trotz eines leichten Rückgangs um 0,6 Prozent bleibt die PMK-rechts mit 42.544 Straftaten beziehungsweise 49,6 Prozent aller registrierten Delikte weiterhin der mit Abstand größte Phänomenbereich. Die Zahl der Gewaltdelikte stieg dort zugleich um mehr als sieben Prozent. Insgesamt werden fast zwei Drittel aller politisch motivierten Gewalttaten den Bereichen PMK-rechts oder PMK-links zugerechnet. Die Sicherheitsbehörden beobachten eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung, eine steigende Gewaltbereitschaft radikalisierter Personen, den Einfluss extremistischer Propaganda sowie Radikalisierungseffekte durch internationale Konflikte.
Auch Gewaltdelikte im Bereich der politisch motivierten Kriminalität mit Bezug zu religiösen Ideologien erreichten mit 98 Fällen einen neuen Höchststand. Ein wesentlicher Treiber der hohen Gesamtzahlen war die Bundestagswahl 2025. Straftaten im Zusammenhang mit Wahlen stiegen auf 13.995 Fälle und damit um 18,7 Prozent. Die Zahl der Straftaten gegen die Polizei stieg gegenüber dem Vorjahr um 4,7 Prozent auf 5.144 Fälle. Rund ein Drittel dieser Delikte wird dem Bereich PMK-links zugerechnet. Auch hier zeigte sich ein deutlicher Anstieg der Gewaltdelikte auf 535 Fälle, was einer Zunahme von rund 45 Prozent im Bereich PMK-links entspricht.