Miersch und Spahn „Ich bin schwul, nicht queer", betont Spahn
Im Interview mit der Zeit diskutierten die zwei schwulen Fraktionschefs von CDU und SPD, Jens Spahn und Matthias Miersch über die aktuelle Politik – ein Aspekt war dabei die Frage der eigenen Homosexualität. Spahn betonte, dass er sich selbst als schwul definiert und mit Begriffen wie homosexuell oder queer wenig anfangen kann.
Das Wichtigste im Überblick
- Jens Spahn bezeichnet „queer“ als politische Ideologie.
- Er distanziert sich im Interview von einer solchen Selbstdefinition.
- Spahn äußert sich kritisch zum Selbstbestimmungsgesetz.
- SPD-Fraktionschef Matthias Miersch widerspricht und verteidigt Minderheitenschutz.
- Die Debatte läuft vor dem Hintergrund von Gesetzesinitiativen für mehr Selbstbestimmung.
„Homosexuell klingt furchtbar“
Die beiden Männer kennen sich seit rund zwanzig Jahren, sodass das Gespräch schnell vertraut wurde. Im Interview hält die Zeit dabei fest, dass die beiden Männer die Tatsache verbindet, dass sie die ersten offen homosexuellen Fraktionsvorsitzenden Ihrer Parteien sind. Spahn erwidert, man dürfte Heinrich von Brentano nicht unterschlagen und betonte dann weiter: „Und zweitens habe ich schon zu meinem Vorgänger Volker Kauder gesagt: Ich möchte von dir nie wieder homosexuell genannt werden.“ Auf die Rückfrage, wie denn, erklärt Spahn: „Schwul. Homosexuell, das klingt für mich furchtbar. Steril.“ Miersch stimmt ihm darin zu: „Das geht mir genauso, es klingt klinisch, nach einer technischen Einordnung.“
Im nächsten Schritt sagte Spahn außerdem: „Deswegen kann ich auch mit dem Begriff ´queer´ nichts anfangen. Ich bin schwul, nicht queer. Dieses Identitätspolitische – als wäre das ein Konzept. Hätten Sie mich als 16-Jährigen gefragt, willst du lieber hetero sein, wäre die Antwort sicher ja gewesen.“ Das hätte das Leben auf dem Dorf leichter gemacht, so der Unions-Politiker weiter. Miersch kontert darauf: „Dann verstehe ich nicht, warum du mit ´queer´ Probleme hast. Braucht es diese Politisierung und Abgrenzung?“ Spahn erklärt daraufhin: „Ich habe gar kein Problem damit, dass die Gesellschaft da offen ist, es kann sich auch jeder queer nennen. Im Gegenteil, ich bin sehr liberal, was das Private angeht. Ich halte aber nichts von der Verknüpfung mit politischer Ideologie.“
Der SPD-Politiker lässt das indes nicht gelten und hackt nach: „Privat ist dir alles egal, aber sobald der Staat moderne Angebote für unterschiedliche Lebensrealitäten macht, nennst du das Ideologie? Ich will einen Staat, der Barrieren abbaut und die Vielfalt der Menschen anerkennt, statt sie zu ignorieren. Das ist für mich eine Frage des Respekts.“
Frage der Selbstdefinition
Spahn erwidert erneut daraufhin: „Wenn das jemand anbieten will, ist mir auch das recht. Mein Punkt ist ein anderer: Wenn du alles zu einer Frage der Selbstdefinition erklärst, selbst das Geschlecht, stellst du damit die Emanzipationsgeschichte infrage. Dann verschwindet doch alles, was erreicht wurde, auch für die Emanzipation von Frauen. Wer sitzt eigentlich dann auf der Toilette – oder im Frauengefängnis? Auch Transsexuelle sagen übrigens, dass das ihre Situation nivelliert.“
Miersch indes hält für sich fest: „Das ist kein Widerspruch, sondern die Fortsetzung der Emanzipation. Politik muss den Rahmen so setzen, dass individuelle Identitäten anerkannt werden. Das nimmt niemandem etwas weg. Ein moderner Rechtsstaat schützt die Rechte von Minderheiten, auch die von Transmenschen, ohne die Rechte von Frauen infrage zu stellen.“
Coming-Out zweier Politiker
Im weiteren Verlauf geht es um das eigene Coming-Out der beiden Politiker: „Bei mir war das während der Pubertät (…) Es war kein großes Thema. Meine beiden Eltern waren Sozialarbeiter, das war ein sehr aufgeklärtes Umfeld. Mein Vater, 1928er-Baujahr, hatte eher Sorge vor den Reaktionen anderer, was kommt da? Es gab noch den Strafrechtsparagrafen 175.“ Spahn erinnert sich indes so: „Bei mir war das auch irgendwann als Teenager, ich kann es gar nicht genau sagen, das hat sich so entwickelt. In meinem Dorf war das auch nie ein großes Thema (…) Ich hatte allerdings auch großes Glück. Ich merke an Zuschriften, dass junge Menschen auch heute noch oft sehr kämpfen müssen mit sich und ihren Familien.“
Das öffentliche Outing als Politiker war indes noch einmal ein anderes, wie der Unions-Politiker fortfährt: „2001 bei meiner ersten Aufstellung wurde das parteiintern zum Thema gemacht. Da hatte sich gerade der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit geoutet, und es hieß: Mit Spahn kriegen wir ein Wowereit-Problem. Uns wählt keiner mehr, wenn wir den aufstellen. Aber offenkundig waren die Mehrheitsmeinungen andere, auch 2001 im Münsterland schon. Man muss aber auch deutlich sagen: Es war das Glück der späteren Geburt, das haben andere erkämpft. Einen offen schwulen Bundesminister hätte es in der CDU in den 1980er-Jahren nicht gegeben, Punkt, Ende, aus.“
Zudem sei an ihm von der Schwulenbewegung gewisse Erwartungen herangetragen worden: „Die Erwartungshaltung ist, dass du linksliberal bist. Wenn das nicht so ist, stellt sich Enttäuschung ein. Ich finde das erstaunlich. Warum sollte das Konzept der Vielfalt, auch der Meinungsvielfalt, vor Schwulen haltmachen? Jetzt sind wir doch wieder ausführlicher bei den ganzen Schwulenthemen gelandet, als ich eigentlich wollte. Aber ich möchte doch noch festhalten: Das Verbot von Konversionstherapien haben nicht die Justizminister der SPD durchgesetzt, sondern ich als CDU-Gesundheitsminister. Ebenso wie die Einführung von PrEP zur HIV-Prävention – beides aus Überzeugung.“ Miersch erwidert: „Und das war sehr wichtig!“