Direkt zum Inhalt

Hassgesetz in der Ukraine Zivilkodex streicht alle LGBTIQ+-Gesetze, EU-Beitritt in Gefahr

Von ms - 27.02.2026 - 09:00 Uhr
Hassgesetz in der Ukraine
Foto: IMAGO / NTB
ANZEIGE
Loading audio player...

Ende Januar offenbarte die Politik in der Ukraine eine Kehrtwende bei LGBTIQ+-Rechten: Ein neuer Zivilkodex in der Ukraine sieht dabei vor, gleichgeschlechtlichen Paaren die rechtliche Anerkennung komplett zu verweigern und bestehende Gerichtsurteile aufzuheben, die bereits einige homosexuelle Familien anerkannt hatten. Zudem sollen weitere Rechte im Bereich LGBTIQ+ wegfallen – Präsident Wolodymyr Selenskyj bricht damit sämtliche Versprechen gegenüber der Community. Nun haben sich erstmals auch Vertreter der EU zu Wort gemeldet. 

Gesetz gegen EU-Richtlinien 

Der Entwurf, der derzeit vom Vorsitzenden des ukrainischen Parlaments vorbereitet wird, soll den bisherigen Familienkodex vollständig ersetzen und zählt zu den weitreichendsten homophoben Reformen des Privatrechts seit Jahrzehnten – dabei richtet sich das angedachte neue Gesetz gezielt direkt gegen die LGBTIQ+-Community. Die Ukraine erkennt bislang weder die Ehe noch eingetragene Partnerschaften zwischen Personen gleichen Geschlechts an. Die Verfassung definiert die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau und kann laut Aussagen von Selenskyj während des Kriegsrechts nicht geändert werden. Seit 2022 ist das Thema jedoch immer dringlicher geworden, sowohl wegen des geplanten EU-Beitrittsprozesses als auch wegen des Krieges gegen Russland. 

Besonders sichtbar wurde dabei die Diskriminierung von homosexuellen ukrainischen Soldaten, etwa beim Besuch von Partnern im Krankenhaus, beim Zugang zu Entschädigungen oder beim Umgang mit Todesfällen. Der neue Zivilkodex würde die Situation weiter verschärfen, den bisherigen Familienkodex vollständig ersetzen und gehört damit zu den weitreichendsten homophoben Reformen seit vielen Jahren. Europäische Menschenrechtsstandards werden damit untergraben – ein direkter Schlag ins Gesicht der EU und ihren geforderten Grundrechten. 

Erste Reaktion der EU

Die Europäische Kommission reagierte jetzt auf zahlreiche Appelle ukrainischer Menschenrechtsorganisationen, darunter „Tochka Oporu“ und „Ukrainian LGBT+ Military and Veterans for Equal Rights“. Sie wies in einem offiziellen Schreiben darauf hin, dass der Gesetzentwurf den rechtlichen Schutz gleichgeschlechtlicher Paare erheblich einschränke. „Faktische Lebensgemeinschaften“ würden demnach nur für heterosexuelle Paare anerkannt, homosexuelle Paare könnten sogar den derzeit bestehenden, begrenzten Mechanismus teilweiser Anerkennung wieder verlieren.

„Der neue Zivilkodex wird den Schutz der Schwächsten untergraben. Frauen laufen Gefahr, in Ehen mit Gewalt oder Zwang zu Geiseln zu werden, LGBTIQ+-Paare werden weiterhin grundlegende familiäre Garantien vorenthalten, und häusliche Gewalt könnte erneut als ‚persönliche Angelegenheit‘ wahrgenommen werden. Sie wollen die Familie nicht schützen. Sie wollen Rechte und Sicherheit einschränken“, heißt es in einem Appell der Organisation „Tochka Oporu“. Andere queere Aktivisten fordern indes ganz direkt von Europa, dass künftige weitere Milliarden-Zahlungen an die Ukraine mit der Verpflichtung für Menschenrechtsstandards auch und gerade für LGBTIQ+-Menschen verbunden sein müssten. Die EU Kommission schweigt dazu bisher ebenso wie über generelle mögliche Konsequenzen. 

Kehrtwende wie in Georgien 

Woher diese überraschende Kehrtwende kommt, ist unklar: Noch im Mai 2025 hatte die ukrainische Regierung eine Reform-Roadmap im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt verabschiedet, die unter anderem die Einführung eines Gesetzes zu eingetragenen Partnerschaften vorsah. Die Frist wurde jedoch verpasst. Brüssel warnte, dass ohne konkrete Schritte die Annäherung der Ukraine an die Europäische Union ins Stocken geraten könnte. Einzelne EU-Abgeordnete sprechen bereits von einem Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen. Die ILGA Europe verglich die aktuell Situation in der Ukraine mit Georgien, wo 2024 restriktive LGBTIQ+-Gesetze verabschiedet wurden, während prorussische Kräfte die Wahlen gewannen.

Anzeige

Auch Interessant

Schwules Paar getötet

60 Jahre Haft für Ex-Polizeichef

Polizisten töteten Eldin und Milton in Guatemala. Zwei Täter erhalten je 60 Jahre Haft. Tonaufnahmen halfen, das Verbrechen aufzuklären.
Heated Rivalry im Kino

Romanze auf großer Leinwand

„Heated Rivalry“ kommt im November in britische und US-Kinos. Zugleich erscheint ein weiterer Film mit Hauptdarsteller Connor Storrie.
Letzte Küsse in der Kutsche

Romantik auf Abschiedstour

New York hat das Ende der Pferdekutschen im Central Park beschlossen. Für schwule Paare verschwindet damit ein besonders romantisches Erlebnis.
Schwuler Volleyballstar

Japan erlebt einen Wandel

Japans Volleyballprofi Rui Takahashi spricht über sein Coming-Out, die Angst vor dem Karriereende und die Unterstützung seines Bruders Ran.
Schwere Vorwürfe gegen Graham

Drei schwule Sexarbeiter berichten

Drei Sexarbeiter behaupten in einer neuen Dokumentation, vom verstorbenen US-Senator Lindsey Graham für sexuelle Kontakte bezahlt worden zu sein.
Haiti verschiebt die Wahlen

Zehn Jahre ohne Urnengang

Haitis Wahlen werden erneut verschoben. LGBTIQ+-Aktivisten warnen vor wachsender Unsicherheit und einer politischen Krise ohne absehbares Ende.
Neue Vorwürfe in Turkmenistan

Psychiatrie wird zum Albtraum

Neue Berichte über Zwangseinweisungen und Misshandlungen zeigen die dramatische Lage homosexueller Menschen in Turkmenistan.
Gewalt gegenüber Asexuellen

Studie zeigt starke Diskriminierung

Ein neuer internationaler Bericht dokumentiert Gewalt und Diskriminierung gegen asexuelle Menschen und fordert besseren gesetzlichen Schutz.
Regenbogenfamilien im Fokus

Rund 300 Menschen feiern Vielfalt

Bei der Regenbogenfamilienkonferenz in Mannheim forderten LGBTIQ+-Familien mehr rechtliche Sicherheit, Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung