AUSGEQUETSCHT Ken Reise alias Julie Voyage plaudert aus dem Nähkästchen
Das mit den Höhnern gedrehtes Video läuft bei jedem FC-Spiel, aber weder das Stadion noch die LANXESS Arena sind ihre einzige Bühne. Kurz gesagt: Ob mit Kostüm oder ohne, die Bühne ist unterm Strich ihr Arbeitgeber. Wo sie überall auftritt, erzählt Ken Reise alias Julie Voyage uns bei ein paar Tassen Kaffee.
Ken, wie unterscheidet sich Julie von dir?
Eigentlich steckt ja der gleiche Kopf dahinter, aber Julie ist vom Humor her deftiger und selbstbewusster. Die haut Sachen raus, die ich nie sagen würde. Julie hat mehr Dampf im Kessel und ist auf jeden Fall bunter.
Wann trat Julie in dein Leben?
Weiberfastnacht 2006. Ich komme aus einer Karnevalsfamilie, Verkleiden war immer lustig. Irgendwann kamen kleinere Auftritte dazu und ein Name musste her. Da bot sich, wenn man Reise heißt, Voyage an.

Ken Reise alias Julie Voyage (© Vvg)
Hattest du Vorbilder?
Sicherlich Liz Fabre und Gaby Lurex, beide aus dem Pulverfass, sowie Sophie Russel aus dem Startreff. Alle hatten Wiedererkennungswert, was mir wichtig ist, deshalb auch mein eigenes Outfit. Man muss auf der Bühne erkennbar sein, das ist man weniger, wenn man in wechselnden Outfits auftritt. Hinzu kamen Live-Gesang und Moderation.
Auf deiner ersten Bühne stehst du als schwuler Mann, was eher außergewöhnlich ist, dick im Karneval. Wie kam es dazu?
Ich glaube, der größte Startschuss kam nach dem Ratschlag von Marita Köllner (dem Fussig Julche), mit eigenen Liedern anzufangen. Da ging es mit Buchungen für die Sitzungen los. Ein großer Vorteil ist sicherlich auch, dass ich die kölsche Sproch beherrsche. Ich habe bis heute weder Klinken geputzt, noch bin ich irgendjemandem in die Fott gekrochen. Ich traf immer die richtigen Wegbegleiter, die mir manche Tür geöffnet haben. Angefangen mit Christoph Kuckelkorn, dem langjährigen Präsidenten und Zugleiter des Festkomitees Kölner Karneval, über Ludwig Sebus, Mottoqueen Marie-Luise Nikuta, Comedienne Ingrid Kühne, bis hin zu den Höhnern, Brings und den Malle-Stars Peter Wackel oder Heino.
Hast du als Ken homophobe oder als Julie frauenfeindliche Kommentare erlebt?
Als Ken nicht, als Julie schon eher. Wenn man als Julie unterwegs ist und auf Menschen aus anderen Kulturkreisen trifft, hört man schon mal negative Dinge. Aber ich habe ein dickes Fell. Dann bekommen die einen Spruch zurück, aber charmant. Ich muss ja nicht noch einen draufsetzen.
Bist du ein Frühaufsteher oder ein Nachtmensch?
Heute bin ich ein Nachtmensch. In meiner Ausbildung als Garten- und Landschaftsbauer, wo ich in Zoos und Tiergärten gearbeitet habe, habe ich auch das Frühaufstehen lernen müssen. Aber das Nachtleben und die Bühne sind mir lieber. Ergo: Wenn ich kann, stehe ich später auf.
Deine zweite Bühne ist dein erstes Soloprogramm.
Eigentlich ist es schon mein drittes Programm, dieses Mal allerdings in der ausverkauften Volksbühne, dem ehemaligen Millowitsch-Theater. Angefangen hat es auf Norderney: Tante Jens, Gott habe ihn selig, hatte dort ein Kneipenkabarett. Als er mich fragte, ob ich Bock hätte, dort aufzutreten, setzte ich mich hin und schrieb mein erstes Programm. Jetzt, zu meinem 20-jährigen, kam es zum ersten großen Solo im Millowitsch-Theater, und ab Mai gehen wir mit dem Programm In der Helmlackiererei auf Tour, in die etwas größeren Städte entlang des Rheins. Und im September trete ich damit auf Malle in der dort stattfindenden Kölner Woche auf.
Eine weitere Deiner Bühnen steht auf vier Rädern.
Ich habe sechs Jahre lang Bustouren gemacht, war teilweise mit fünf Bussen am Wochenende auf Tour. Immer mit einem zweistündigen Lachprogramm, ob die Leute wollten oder nicht. Das war eine gute Lehre. Das hatten ursprünglich Knacki Deuser und Markus Wallpott mit ihrer Lachexpedition initiiert. Da man heute mit Bussen in einer vorgegebenen Zeit, dem zunehmenden Verkehr und den störenden Baustellen nicht mehr durchkommt, bin ich als sogenannte Rummelnutte mit meinem Publikum nur noch per pedes auf Kneipen- und Brauhaustouren unterwegs. Wir trinken überall mit den Leuten Kölsch und ich erkläre ihnen diverse Hotspots oder spezielle Bräuche. Thematiken gibt es ja genug.
Bei Deiner vierten Bühne bist du nicht zu sehen.
Stimmt, aber zu hören: Im Studio von WDR 4 moderiere ich mit Basti Bender verschiedene Sendungen, präsentiere unter anderem Karnevals-Oldies am 11.11. oder meine Sendung Jecke Oldie Kess.
Und deine fünfte Bühne?
Durch Zufall sprach mich 2025 ein Veranstalter an, ob ich nicht Lust hätte, die Kölsche Woche im Bierkönig in der Schinkengasse auf Malle zu moderieren. Er meinte, das wäre etwas für mich, egal ob ich als Ken oder als Julie auftreten würde. Das war zwar eine große Nummer, aber ich hatte Bock. Peter Wackel nahm mich unter seine Fittiche und wir hatten riesigen Spaß, bald geht es in die zweite Runde. Dadurch lockt eine weitere Bühne: Peter Wackel lebt neben Mallorca in Windhoek, Namibia, und wie ich schon von Marie-Luise Nikuta erfahren hatte, gibt es dort eine Karnevalsgesellschaft. Da werde ich dieses Jahr mal vorbeischauen.
Ken Reise alias Julie Voyage (© Vvg)
Wie unterscheiden sich für dich diese unterschiedlichen Bühnen?
Im Karneval und auf Malle kommen die Leute so oder so, weil sie feiern und Spaß haben wollen. Dass Leute kommen, um jemanden ganz persönlich in seinem Soloprogramm zu sehen, der zweieinhalb Stunden für sie Blödsinn macht, ist ganz großartig und für jeden Künstler eine Wertschätzung. Dafür kann man nicht dankbar genug sein.
Apropos: Wertschätzung, das ist auch demnächst unsere Monatsumfrage.
Mich stört, dass man so schnell vergisst. Die ältere Generation hat sich den Arsch aufgerissen, den Weg zu unserem heutigen freien Leben zu ebnen. Das ist heute gar nicht mehr präsent. Mir wird zu wenig wertgeschätzt, heute ist alles grober. Es tut doch keinem weh, mal Danke zu sagen, einem eine Tür aufzuhalten oder freundlich zu sein. Fangen wir doch einfach damit an, nett miteinander umzugehen. Und warum müssen wir zig unterschiedliche Fahnen haben?
Welche Ideale sind dir wichtig?
Auf jeden Fall: Wertschätzung. Herz zeigen. Über sich selbst lachen können. Und Selbstreflexion gehört dazu.
Ich selbst bin privat ein unwahrscheinliches Sensibelchen und nehme mir ganz viel zu Herzen. Ich bin auch nahe am Wasser gebaut. Da reicht eine emotionale Filmszene, schon kullern die Tränchen.
Hat Ken eigentlich seine Barbie gefunden?
Leider nicht. Das ist immer an der Rolle, an der Arbeitszeit und meinem geringen Freizeitkontingent gescheitert. Meine Arbeitszeit beginnt, wenn andere frei haben. Und ich arbeite nicht nur in der Karnevalssession, sondern bin rund um die Uhr, das ganze Jahr, im Dauereinsatz.
Übrigens: Hat man es als Frau im Karneval schwerer?
Das ist leider immer noch so, wie es Marie-Luise jahrelang erleben musste, was mir aber auch Marita Köllner oder Kabarettistin Ingrid Kühne bestätigten. Eigentlich falle ich aber aus der Thematik heraus. Ich bin froh, dass meine Rolle so gut ankommt. Da hat ja Heinz Baumeister in seiner Rolle als Putzfrau von Ründeroth viel Vorarbeit geleistet, was ich sehr zu schätzen weiß. Danke, Heinz.
Du bist Gast einer Bühnen-Talkshow, wem säßest du gerne gegenüber?
Hape Kerkeling. Mein allergrößtes Vorbild. Seine Vielfältigkeit, sein Humor und sein Mut, auch offen die Meinung zu sagen, faszinieren mich. Ich bewundere ihn.
Leider hat Hape abgesagt, nun sitzt du neben Herrn Merz. Was würdest du ihm gerne sagen?
Ich glaube, wir kämen auch sehr gut parat. Er kommt ja nur drei Dörfer entfernt von meinem Elternhaus. Ich würde ihm raten, er müsse endlich mal was präsentieren, was den rechteren Blauen das Wasser abgräbt. (vvg)