Ausgequetscht Travestie verkehrt
dahinter stehen die Künstlerinnen Jutta und Hilde. Sie agieren seit über 35 Jahren in Männerkleidern auf der Bühne und parodieren bekannte männliche Ikonen.
Fangen wir mal mit einem Joke an: Was ist grundsätzlich an Travestie verkehrt?
Jutta: Normalerweise denkt jeder bei dem Wort Travestie zuerst daran, dass sich Männer in wunderschöne Frauen verwandeln – sei es in Superstars wie Cher, Tina Turner oder Whitney Houston oder in eine selbsterdachte Kunstfigur – um in dieser Rolle Leute zu unterhalten. In unserem Fall ist es umgekehrt, dass wir uns als Frauen in verschiedene bekannte Männer verwandeln. Das ist eigentlich selten und soweit ich weiß, sind wir da wohl so ziemlich die Einzigen auf dem Gebiet
Hilde: Hella von Sinnen hat mal in den 80ern verschiedene Sketche gemacht, auch zusammen mit dem beliebten Dirk Bach, wo sie einfach die Geschlechterrollen vertauscht haben.
Wie und wann habt ihr euch kennen gelernt und wie hat es mit der „Travestie“ angefangen?
Jutta: Kenngelernt haben wir uns über eine gemeinsame Freundin. Dann waren wir sieben Jahre lang ein Paar und nach unserer Trennung und einer kleinen „Verschnaufpause“ haben wir unsere ehemalige Beziehung in eine wirklich gute Freundschaft verwandelt.
Hilde: Wir kennen uns gut und verstehen uns blendend – mittlerweile auch mit anderen Partnerinnen – und jede kann sich auf die andere 100%ig verlassen.
Jutta: Mit der Travestie hat es in den 80ern angefangen; damals habe ich oft den „Star-Treff" besucht, wo sich die Jungs Fummel anziehen und eine heiße Show abziehen. Da habe ich gedacht, dass muss doch auch umgekehrt funktionieren. Ich habe das Hilde erzählt und wir haben überlegt, wen wir parodieren könnten und haben es dann in der damaligen Frauenbar „Candida“ ausprobiert. Die ersten Auftritte waren inszeniert von den damaligen Besitzerinnen. Da waren wir fünf Frauen. Erst zwei Jahre später haben Hilde und ich uns wieder zusammengesetzt und zu zweit weitergemacht.
Hilde: Ich stand anfangs sehr skeptisch der Sache gegenüber. Als Jutta mich dann aber überredet hatte und ich auf der Bühne stand, war ich begeistert und hatte sozusagen Blut geleckt. Dann haben wir monatlich ein Mal dort auf der Bühne gestanden und den Leuten hat es gefallen.
Drag-Queens wie Pam, Catherine und Bambi haben ihre Rolle und einen persönlichen Charakter; ihr wechselt die Charaktere?
Jutta: Hildes erste Nummer war Peter Alexander, meine war Dean Martin - oder war es Heinz Erhard? Damals wie heute haben wir aber auch vereinzelte Frauenrollen im Programm. Es ist in beiden Fällen erst gut, wenn es kippt: Der Zuschauer muss verwirrt sein und überlegen, ob er jetzt eine Frau oder einen Mann vor sich hat. Das Motto hieß damals immer „Mann oder Frau, wer weiß das schon genau“!
Uns erinnert das sehr an „Victor/Victoria“ wo Julie Andrews einen Mann spielt der wiederum eine Frau spielt“. Habt ihr im Gegensatz zu den männlichen Drag-Queens einen Vorteil?
Hilde: Wir haben beim Schminken weniger Aufwand, schon allein weil wir uns vorher nicht rasieren müssen. Was viel wichtiger ist: Wir müssen nicht den ganzen Abend auf High Heels herumlaufen. Und da wo sich die Männer Pölsterchen in den BH stecken, binden wir uns lediglich den Busen mit einem Nierengurt ab.
Nach welchen Kriterien sucht ihr euere Rollen aus?
Jutta: Jede überlegt sich wo die Reise rollenmäßig hingehen soll. Danach treffen wir uns zum Brainstorming und schauen wie wir die Nummern ausfeilen. Was ist der typische Charakter, die Gestik, die Mimik der Person? Wie kleidet sie sich? Wie bewegt sie sich? Die Rolle ist erst gut, wenn man die Person auch ohne Kostüm erkennen kann. Was ist der typische Charakter der Person? Wie kleidet sie sich kleidungsmäßig? Wie bewegt sie sich? Die Rolle ist erst gut, wenn man die Person auch ohne Kostüm erkennen kann.
Hilde: Es ist schwierig prägnante Personen zu finden, es gibt zu viele Eintagsfliegen, die zu flach rüberkommen und sich zum Parodieren nicht anbieten. Da haben es die Drag-Queens einfacher.
Welche Prominenten haben es denn in euer Programm geschafft?
Jutta: In unseren Programmen treten auf: Dieter Thomas Kuhn, Howard Carpendale, Adriano Celentano, Freddie Mercury, Heinz Erhardt, Herbert Grönemeyer, Justin Bieber, Luciano Pavarotti, Marius Müller-Westernhagen, Peter Alexander, Placido Domingo, Wolle Petry. Als Duos sind u.a. dabei: Die Blues-Brothers, Tokio Hotel, Freddie Mercury und Montserrat Caballé sowie Fanta Vier; allerdings reduziert auf Fanta Zwei. Unsere Abschlussnummer ist Miss Piggy & Kermit.
Gibt es einen Wunsch-Promi den ihr noch gerne parodieren würdet?
Hilde: Ja, Robbie Williams
Jutta: Und ich gerne Elvis Presley.
Käme auch ein Donald Trump mit „This is not America!“ in Frage?
Hilde: Das haben wir schon vor paar Jahren gemacht: Da war Jutta Donald Trump und ich war Hillary Clinton. Dazu hatten wir uns den Song von Roland Kaiser und Maite Kelly „Warum hast du nicht Nein gesagt?“ ausgesucht
Wie macht ihr das mit dem Umziehen, besonders, wenn ihr als Duo auftretet?
Jutta: Wir haben mit Susanne Jens eine supertolle Person bei uns, die als „Dritte im Team“ auftritt: Swantje van Curacao verkürzt als schrille holländische Moderatorin die Zeit der Kostümwechsel und erzählt lustige Stories. Bei Solonummern zieht die eine sich um, während die andere ihren Auftritt durchführt. Das hat sich gut eingespielt und klappt hervorragend. Außerdem sind immer helfende Hände backstage dabei, die uns bei An- Aus- und Umziehen behilflich sind. Das hilft uns ungemein und dafür sind wir immer sehr dankbar, denn das Dress-Changing erfordert Schnelligkeit.
Wo kann man euch live erleben?
Jutta: Wir sind eigentlich Lokalpatrioten und treten hauptsächlich im Kölner Raum auf. Sind aber auch schon in Düsseldorf aufgetreten und bei einem CSD in NRW. Neben der Theaterbühne unterhalten wir auf Nachfrage auch gerne auf bei Firmen-, Geburtstags-, Hochzeits- oder Weihnachtsfeiern. Allerdings nur an Wochenenden, da wir tagsüber einen sozialen Beruf haben. Würden wir das öfters machen, würden sich unsere Frauen wahrscheinlich beschweren und die Notbremse ziehen.
Hilde: Käme allerdings eine Anfrage für einem Kreuzfahrtschiff, würden wir wahrscheinlich nicht nein sagen.
Drag-Queens sehen immer phantastisch aus, wie wichtig ist euch das äußere Erscheinungsbild?
Hilde: Spielt sicherlich eine Rolle, aber unser Fokus liegt auf Gestik und Mimik. Und der Inhalt des Liedes muss Spielraum für gezielte, etwas schlüpfrige Gesten bieten. Wie zum Beispiel Peter Alexanders Lied „Komm und bedien dich bei mir“
Oder Rolands „Manchmal möchte ich schon mit dir ...“ Gibt es eine Kooperation zwischen Drag-Queens und Drag-Kings?
Jutta: Ich habe schon mal mit der großartigen Swannee Feels auf der Bühne gestanden und ein Duett gemacht, das wollen wir demnächst noch einmal planen.
Gab es auch schon mal eine Panne?
Jutta: Einmal trug ich als Miss Piggy neben einer Boa und einem Cape einen schwarzen Body – und die haben Druckknöpfe im Schritt. Mitten im Auftritt sprangen die Knöpfe – soll ich noch weitererzählen? Ich musste darüber selbst so lachen und das übertrug sich sofort auf das Publikum. Ein anderes Mal standen wir wie Anke Engelke und Bastian Pastewka als Schlagerpaar Marianne und Michael auf der Bühne. Hilde hatte uns dafür ein künstliches, strahlendweißes Gebiss besorgt, was wir vorher nicht eingesetzt hatten. Als wir uns damit sahen bekamen wir einen Lachflash.
Hilde: Und mir sind mal die Zähne von Freddy Mercury aus dem Mund gerutscht. Auch ein Lacher.
Pflegt ihr den Kontakt zu LGBTIQ+-Community?
Hilde: Ich weniger, was einfach daran liegt, das ich in einem kleineren Ort wohne und daher weniger Gelegenheit habe.
Jutta: Ich gehe diversen Events in Köln und gehe auch szenemäßig ein Bier trinken. Aber meistens trifft man sich doch im privaten Kreis.
Registriert ihr, dass sich die Zeiten für uns leider in eine schlechte Richtung bewegt?
Hilde: Natürlich. Und das, was ich in den Medien mitbekomme, finde ich erschreckend. Persönlich habe ich bisher aber noch keine negativen Dinge erlebt
Jutta: Wenn ich abends mit meiner Frau durch die Stadt laufe, haben wir schon manchmal Bedenken Hand-in-Hand zu gehen. Vor Jahren war dies nie ein Problem; heute werden wir manchmal blöd angesehen.
Das Spiel mit den Geschlechtern – auf der Bühne Comedy und Unterhaltung – im echten Leben gar nicht lustig. Habt ihr eine Botschaft an die, die ihre Identität noch nicht gefunden haben?
Hilde: In diesen Zeiten gehört viel Kraft und Mut dazu, zu dem zu stehen, was ich innerlich fühle und nicht zu dem, wie ich äußerlich aussehe. Man braucht eine Vertrauensperson, gute Freunde und am besten unterstützende Eltern denen man sich anvertrauen kann.
Jutta: Und dann sollte man offen und ehrlich die Ängste ansprechen, die man mit sich rumträgt. Aber die erste Schwelle zu überschreiten erfordert sehr viel Mut und Kraft.