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Pride-Start beim CSD Nürnberg

Pride-Start beim CSD Nürnberg Verstärktes Sicherheitskonzept für Pride-Weeks und Parade

ms - 24.07.2025 - 10:00 Uhr
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Heute starten in Nürnberg die Pride-Weeks, dessen Höhepunkte inklusive der Pride-Parade am zweiten Augustwochenende stattfinden. Erwartet werden mehr als 13.000 Menschen in der Stadt mit der prägnanten Kaiserburg. Doch seit den jüngsten Vorkommnissen in Regensburg hat das CSD-Team das Sicherheitskonzept noch einmal verstärkt

Im Juli musste in der rund 110 Kilometer entfernten Domstadt die Pride-Parade inklusive Demonstrationszug kurzfristig aufgrund einer „abstrakten Bedrohungslage“ abgesagt werden, die Kundgebung selbst fand allerdings wie geplant statt. In Bayern haben zudem die Fälle von Hasskriminalität massiv zugenommen, teilweise verdoppelten sich zuletzt die Fallzahlen binnen eines Jahres. SCHWULISSIMO fragte bei CSD-Vorstandsvorsitzenden Bastian Brauwer nach, wie die Lage aktuell in Nürnberg aussieht. 

Die jüngsten Ereignisse in Regensburg schocken noch immer viele in der bayerischen Community. Wie schätzt Ihr die Gefahrenlage aktuell ein – sowohl beim CSD Nürnberg wie auch generell in Bayern? 

Aktuell sehen wir für den CSD Nürnberg keine erhöhte Gefährdungslage. Wir stehen in engem Austausch mit den Sicherheitsbehörden und nehmen jede Lagebewertung sehr ernst. Gleichzeitig beobachten wir natürlich die gesamtgesellschaftliche Entwicklung mit Sorge – deutschlandweit nimmt der Druck auf queere Veranstaltungen zu.

Erlebt Ihr verstärkt im Vorfeld auch Angriffe, beispielsweise in den sozialen Medien? 

Gerade auf Plattformen wie Facebook werden wir seit Jahren regelmäßig Ziel massiver Anfeindungen und Beleidigungen. Diese richten sich oft geballt gegen einzelne Posts, was darauf hindeutet, dass bestimmte Inhalte gezielt in rechten Netzwerken verbreitet werden. Die Kommentare sind häufig menschenverachtend, queerfeindlich und enthemmter geworden.

Der Nürnberg Pride will mit einem verstärkten Sicherheitskonzept die CSD-Teilnehmer in diesem Jahr schützen. Wie gestaltet sich hier die Zusammenarbeit mit der Polizei?

Die Zusammenarbeit mit der Polizei sowie dem Ordnungsamt der Stadt Nürnberg ist seit vielen Jahren sehr konstruktiv und verlässlich. Alle Beteiligten haben das gemeinsame Ziel, für einen sicheren und kraftvollen CSD zu sorgen. Die Gespräche verlaufen auf Augenhöhe, mit gegenseitigem Vertrauen.

Die Gefährdungen für CSDs in Deutschland gehen derzeit sowohl von Rechtsextremisten wie Islamisten aus, beide Gruppen lehnen laut dem jüngsten Verfassungsschutzbericht queeres Leben konsequent ab. Wo seht Ihr da die größere Gefahr? Und haben sich dich die Gruppen zuletzt aus eurer Einschätzung heraus noch mehr radikalisiert?

Radikale Kräfte aller Art profitieren von einer aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung – besonders Rechtsextreme nutzen sie, um gezielt gegen queeres Leben zu hetzen. Das Weltbild queerer Menschen steht für Offenheit und Vielfalt – und ist damit das komplette Gegenmodell zu den rückwärtsgewandten Ideologien dieser Gruppen. Wir sehen darin die größte Bedrohung, gerade weil sie tief in gesellschaftliche Strukturen einzudringen versuchen.

Noch ein Blick zum Verfassungsschutzbericht: Die Daten zeigen auf, dass vor allem junge Menschen sich immer stärker radikalisieren und gegen LGBTIQ+ aufstacheln lassen. Diese sind dabei außerdem immer gewaltbereiter. Erlebt Ihr hier auch in puncto Gewaltbereitschaft Unterschiede im Vergleich zu den letzten Jahren? 

Glücklicherweise haben wir in Nürnberg bisher keine direkten gewalttätigen Vorfälle erlebt. Dennoch hören wir von anderen CSDs von besorgniserregenden Entwicklungen. Wir nehmen diese Hinweise sehr ernst und beobachten die zunehmende Gewaltbereitschaft mit Sorge – besonders, wenn junge Menschen anfällig für radikale Narrative werden.

Sicherheit muss auch finanziert werden, das ist besonders schwierig, seitdem CSD-Sponsorengelder vielerorts zurückgefahren werden oder ganz ausbleiben. Wie blickt Ihr hier auf die kommenden Jahr?

Natürlich spüren auch wir die zunehmende finanzielle Anspannung. Bislang konnten wir jedoch auf ein stabiles Unterstützungsnetz in Nürnberg bauen. Sollte sich das ändern, werden wir sehr genau hinschauen, wo wir einsparen – aber bei der Sicherheit gibt es keinen Spielraum. Diese hat immer Priorität.

Könnt Ihr trotzdem verstehen, wenn einige LGBTIQ+-Menschen in diesem Jahr nicht zu einem CSD gehen wollen, schlicht aus Angst vor Gewalt und Angriffen? Was würdet Ihr hier gerne erwidern? 

Ja, wir können diese Sorgen absolut nachvollziehen – Angst ist real und individuell. Gleichzeitig gilt: Wenn wir uns zurückziehen, überlassen wir den Raum denen, die uns zum Schweigen bringen wollen. Lasst uns deshalb gemeinsam sichtbar bleiben. Niemand muss allein gehen – vernetzt euch, kommt in Gruppen, bringt Allys mit. Hört auf die Empfehlungen der Veranstaltenden – sie stehen im engen Austausch mit der Polizei. Und manchmal gibt es sogar spezielle Schutzmaßnahmen wie gesicherte Züge, um Teilhabe für alle zu ermöglichen.

Das Motto des CSD in diesem Jahr ist „Nie wieder still!“. Wie realistisch schätzt Ihr die Gefahren ein, dass wir als Community wieder still werden oder zum Schweigen gebracht werden sollen – sei es durch neue queerfeindliche Gesetze oder schlicht deswegen, weil unsere Belange politisch nicht mehr oder weniger gehört werden?

Es gab in der Vergangenheit viele Zeiten, in denen queere Menschen noch stärker marginalisiert waren – und trotzdem haben sie ihre Stimme erhoben. Dieses Erbe verpflichtet uns. Auch wenn politische Rückschritte drohen oder Repräsentanz schwindet: Wir werden nicht still sein. Das Motto ist nicht nur eine Erinnerung – es ist ein klares Versprechen.

Bastian, vielen Dank für das Gespräch.

 

CSD NÜRNBERG PRIDE
Pride-Weeks 24.7. – 10.8.
Demo & Party 9.8. | CSD Finale 9.+10.8.
Mehr unter: csd-nuernberg.de 
Instagram/Facebook @ csdnuernberg

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