Direkt zum Inhalt

Verbotene Bücher Leser und Fachleute der US-Buchszene befrüchten weitere Radikalisierung im Kampf gegen LGBTIQ+-Werke

Von ms - 11.04.2025 - 15:00 Uhr
Verbotene Bücher
Foto: iStock / Andranik Hakobyan
ANZEIGE
Loading audio player...

In diesen Tagen wird in den USA die National Library Week gefeiert, ein jährliches Festival in vielen Städten der Vereinigten Staaten zu Ehren der Bibliotheken und ihrer Mitarbeiter, ausgerichtet von der American Library Association (ALA). In diesem Jahr gibt es vielerorts nur ein Thema: Die bizarren Verbote rund um Bücher mit LGBTIQ+-Inhalten und die Frage, wie sich die Lage unter Donald Trump als US-Präsident weiter zuspitzen könnte.

Hass der Hardliner 

Dazu veröffentlichte die ALA eine neue Ranking-Liste mit den Top-10-Buchtiteln, die im vergangenen Jahr landesweit am häufigsten verboten worden sind. Ein bisschen Galgenhumor als Mutmacher, sozusagen. Ganz vorne mit dabei sind Bücher mit homosexuellen und queeren Aspekten – wohlgemerkt, keine pornografischen Angebote. Die Spannweite reicht von Ratgebern und Sachbüchern bis hin zu Romanen. Hass-Objekt des Jahres ist das Werk „All Boys Aren´t Blue“ von George M. Johnson, der darin von seiner Jugend als schwarzer queerer Junge erzählt. Während die US-Presse von einem brillanten Text schwärmt, sehen Hardliner und Konservative darin ganz offensichtlich das ultimativ Böse. 

Ein Wort reicht für die Verdammung 

Das besonders Pikante dabei: Die neue Studie von ALA zeigt auf, dass 72 Prozent derjenigen, die sich dafür einsetzen, dass bestimmte Titel auf den Index kommen und aus den Bibliotheken verbannt werden, die Werke selbst gar nicht komplett gelesen haben. Einzelne Seiten, ein Buchtitel oder Hörensagen reichen aus, um die Publikationen zu verbannen. „Diese Gruppen versuchen zu definieren, wer ein akzeptables und gültiges menschliches Wesen im öffentlichen Raum ist und wer nicht“, so Angie Hayden, Mitbegründerin von Read Freely Alabama, einem Verein zur Bekämpfung von Bibliothekszensur, die überdies betont: „Sie finden ein einziges Schimpfwort in einem 300-seitigen Roman und bezeichnen es als unangemessen. Ein Wort reicht aus, um ein Buch fälschlicherweise als Obszönität darzustellen. Offensichtlich versuchen diese Gruppen zu kontrollieren, was die Menschen lesen können, und sie sind bereit, das örtliche Bibliothekspersonal zu verunglimpfen und zu terrorisieren, um dies zu erreichen.“

Über 4.000 Buchtitel in über 40 US-Bundesstaaten stehen inzwischen auf dem Index, weitere folgen. „Die Bewegung, Bücher zu verbieten, ist keine Bewegung von Eltern, sondern eine Bewegung von Parteigängern, die unsere Freiheit, zu lesen und unsere Fähigkeit, frei zu denken, einschränken wollen“, so Deborah Caldwell-Stone, Direktorin des ALA-Büros für geistige Freiheit.

Rotstift bei den Bibliotheken 

Dass es in den nächsten Jahren besser wird, glaubt indes kein Fachmann oder Besucher der Buchmesse. Im Gegenteil: Präsident Trump hat Keith E. Sonderling zum US-Arbeitsminister ernannt, der nun auch für die Bibliotheken zuständig ist. Laut der queeren Organisation GLAAD ist Sonderling auch im Wortsinn ein „Sonderling mit keinerlei Erfahrung oder Fachwissen im Bereich Bibliothekswesen oder Bildung.“ 

Bereits jetzt ist klar, dass in den kommenden Jahren massive finanzielle Kürzungen anstehen werden. Amanda Jones, eine Schulbibliothekarin in Louisiana, warnte deswegen bereits: „Ohne diese Finanzierung werden die Schüler und Studenten in den ländlichsten Gegenden und diejenigen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status am meisten darunter leiden. Die Öffentlichkeit muss aufwachen, bevor unsere Bibliotheken verschwinden.“ Für queere Jugendliche im ländlichen Raum dürfte sich die Lage also weiter zuspitzen. 

Anzeige

Auch Interessant

Sportstars zeigen ihre Liebe

Olympische Vielfalt unter Druck

Mindestens 30 ehemalige Teilnehmer der Olympischen Jugendspiele sind LGBTIQ+. Ihre Geschichten stehen im Kontrast zur Verfolgung Schwuler im Senegal.
120 Jahre Luchino Visconti

Ein Leben voller Widersprüche

Vor 120 Jahren wurde Luchino Visconti geboren. Der schwule Regisseur prägte das Kino mit Filmen über Macht, Liebe und gesellschaftlichen Wandel.
Millionen LGBTIQ+-Schüler

Große Herausforderungen an Schulen

Mehr als elf Millionen Schüler besuchen Deutschlands Schulen, darunter auch rund 2,48 Millionen LGBTIQ+-Jugendliche. Viele erleben Mobbing und Angst.
Streit über US-Volkszählung

Keine Erfassung von LGBTIQ+-Daten

Die US-Regierung will bestimmte Fragen bei der Volkszählung 2030 verbieten. LGBTIQ+-Aspekte sind dabein "unerheblich". Kritiker warnen vor Folgen.
Gerechtigkeit nach 14 Jahren

Gericht stärkt Versammlungsfreiheit

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte jetzt die Ukraine wegen eines Polizeieinsatzes gegen LGBTIQ+-Aktivisten im Jahr 2012.
Hass-Gewalt in Kamerun

Trans* Frau brutal angegriffen

Die Lage für LGBTIQ+-Menschen spitzt sich in Kamerun weiter zu, jetzt wurde eine trans* Frau erneut Opfer brutaler Gewalt.
Russland unter Druck

Škoda droht mit Sponsoring-Aus

Russlands Vorgehen gegen LGBTIQ+-Menschen und der Krieg gegen die Ukraine belasten das Land. Nun wächst auch im Eishockey der Widerstand.
Klage gegen Eliteuniversität

Suizid erschüttert US-Community

Nach dem Suizid einer nicht-binären Person erhebt deren Mutter schwere Vorwürfe gegen die Cornell University. Eine Klage soll Versäumnisse aufklären.
Neue Eskalation in England

Streit um Konversionstherapien

Die britische Opposition kritisiert das geplante Verbot von Konversionstherapien. Die Regierung weist Warnungen vor Eingriffen in die Erziehung zurück