Direkt zum Inhalt

Streit um „Sex-Kaiser“ Großbritannien diskutiert über die Sexualität sowie Geschlechtsidentität eines sexfreudigen Kaisers im Römischen Reich

Von ms - 27.11.2023 - 14:00 Uhr
Streit um „Sex-Kaiser“
Foto: IMAGO / Pond5 Images
ANZEIGE
Loading audio player...

Ein skurriler Streitfall sorgt derzeit in der britischen LGBTI*-Community für Aufsehen und hitzige Diskussion, im Mittelpunkt dabei steht der römische Kaiser Marcus Aurelius Antoninus, nach seinem Tod bekannt geworden unter dem Namen „Elagabal“ in Anlehnung an einen, von ihm verehrten Sonnengott. Der Jungspund regierte das Römische Reich gerade einmal vier Jahr lang, bevor er mit nur 18 Jahren im Jahr 222 nach Christus ermordet wurde. Er ging in die Geschichtsbücher als äußerst sexfreudiges Regierungsoberhaupt ein.

Bezeichnung als „Dame“

Elagabal war offenbar mehrfach verheiratet mit Männern und Frauen und für seine sexuelle Promiskuität bekannt, immer wieder ist auch die Rede von ständigen Sex-Orgien zu jeder Tages- und Nachtzeit während seiner Regentschaft. Das führte zu viel Missgunst in den höchsten Kreisen Roms, weswegen man ihn gerne beleidigend als „Dame“ bezeichnete, eine Abwertung, die auf seine schwulen sexuellen Erlebnisse zurückzuführen ist. Elagabal soll daraufhin einmal erwidert haben: „Nenne mich nicht Herr, denn ich bin eine Dame.“ Man könnte es als schwules oder bisexuelles Coming-Out deuten, falls er dies wirklich je gesagt hat. 

War der Kaiser eine Transfrau?

Das North Hertfordshire Museum interpretiert die mögliche Aussage des jungen Kaisers anders und hat daraufhin jetzt angekündigt, Elagabal als Transfrau mit den Pronomen „sie“ zu identifizieren. Ein Sprecher des Museums erklärte, man habe diese Entscheidung aus „Höflichkeit und Respekt“ sowie aus „Sensibilität für die Identifizierung von Pronomen für Menschen in der Vergangenheit“ getroffen. Und weiter: „Wir versuchen, bei der Benennung von Pronomen für Menschen in der Vergangenheit genauso sensibel zu sein wie für Menschen in der Gegenwart.“ Im Rahmen einer Ausstellung zum Thema LGBTI* stellt das Museum auch eine Münze aus Elagabals Regierungszeit aus.

Anerkennung oder Geschichtsfälschung?

Seitdem wird in Großbritannien in wissenschaftlichen Kreisen sowie auch in der LGBTI*-Community heftig darüber gestritten, wie sinnvoll oder realistisch dieser Schritt einzuschätzen ist – für die einen ist eine längst fällige Anerkennung, für die anderen pure Geschichtsfälschung oder sogar Rufschädigung.

Problematisch ist alledem, dass die wenigen Zeugnisse und Überlieferungen aus diesen Jahren sehr ungenau, mehrdeutig und keineswegs sachlich sind. In historischen Aufzeichnungen finden sich so beispielsweise Texte, die erklären, dass Elagabal mit einem ehemaligen Sklaven und späteren Wagenlenker verheiratet gewesen sein soll und offenbar gerne Make-up und Perücken trug. Zudem soll er sich gerne als „Domina“ angesprochen haben lassen.

Schwulen-Bashing in den Geschichtsbüchern?

Mehrere Historiker äußerten sich inzwischen klar kritisch zu der Neudefinition des Kaisers, beispielsweise Andrew Wallace-Hadrill, Professor für Klassische Philologie in Cambridge: „Die Römer hatten nicht unsere Vorstellung von ´trans´ als Kategorie, aber sie benutzten Anschuldigungen über sexuelles Verhalten ´als Frau´ als eine der schlimmsten Beleidigungen gegen Männer.“

So bleibe auch offen, ob Elagabal sich tatsächlich jemals als Frau oder Domina bezeichnet habe, oder ihm der damalige Chronist dies als Ablehnung seiner Homosexualität zuschrieb, um ihn als schwul zu diskreditieren. Das Heikle daran: Genau jener Chronist, auf den die Textpassagen rund um die angeblichen Zitate des Kaisers als „Dame“ und „Domina“ zurückgehen, diente nachweislich Kaiser Severus Alexander  – dem Erzfeind und Nachfolger von Elagabal. Wie glaubhaft können seine Überlieferungen also überhaupt sein? 

Dazu würde auch die Art von Elagabals Ermordung passen – der junge Kaiser war im März 222 mitsamt seiner Mutter von Soldaten ermordet, geschändet und anschließend in den Tiber geworfen worden. Der römische Senat beschloss kurz darauf die „Verdammung des Andenkens“ von Elagabal.

„Das meiste davon hängt mit der aristokratischen und senatorischen Verachtung für die orientalische Herkunft und den Glauben des Kaisers zusammen. Was die Transsexualität betrifft, so wurde sie von den Römern natürlich nie als Kategorie angesehen. Aber es ist nach wie vor so, dass in Zeiten von Schwierigkeiten und Krisen sogenannte Übertreter der Sexualnormen zum Sündenbock gemacht wurden“, erklärt so der Klassizist Prof. Christian Laes von der University of Manchester.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

WDRFast ausgestorben: Schwule Pinguine werden ElternDER STANDARDVerhetzungsprozess um "Dachau" und "Mauthausen" gegen lautstarken UneinsichtigenDie Presse„Vor Scham im Boden versinken“: Audi-Chef Döllner erntet harsche Kritik für Auftritt bei Trump-WahlkampfSüddeutsche ZeitungNews-Überblick: Das sind die Nachrichten des TagesAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Welche Rolle sollten politische Forderungen auf CSDs spielen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Viel Stoff, bequemer Halt

Schwule Jungs, lockere Hosen

Zum Tag der Boxershorts wird es luftig: Warum schwule Männer auf lockeren und besonders elastischen Stoff stehen und weshalb das mehr Erotik bedeutet.
Wünsche der Glee-Fans

Viel Liebe und neue Songs

Das „Glee“-Reboot sorgt für Vorfreude: Fans wünschen sich Hits von Chappell Roan, Troye Sivan und Sabrina Carpenter – samt chaotischer Geschichten.
Grusel trifft Glamour

Halloween wird schwul

Von Madonna bis „Heated Rivalry“: Diese Halloween-Kostüme bringen schwulen Glamour, viel nackte Haut und reichlich Selbstironie auf die Party.
Eine Frage der Größe

Doku sorgt für Debatten

Die Dokumentation „Manhood“ zeigt Männer, die für einen größeren Penis viel Geld ausgeben und sorgt damit aktuell für viele Debatten.
Abschied von Walter Koenig

Trauer um Star-Trek-Legende

Der „Star Trek“-Schauspieler Walter Koenig ist mit 90 Jahren gestorben. Für die Community bleibt seine Freundschaft mit George Takei in Erinnerung.
LGBTIQ+-Kino erobert Rom

Community-Filme feiern Erfolge

Das Filmfestival in Rom feiert einen starken Jahrgang des LGBTIQ+-Kinos. Gleich mehrere LGBTIQ-Filme sorgen international für Aufmerksamkeit.
Pflastersteine als Protest

25.000 Dollar für den Pride

Aus einem entfernten Regenbogen-Zebrastreifen in Miami Beach wird ein Zeichen des Widerstands: Eine Dragqueen sammelte damit Geld für Pride-Feste.
Mika Brunold auf Erfolgskurs

Coming-Out beflügelt Tennisprofi

Der Schweizer Tennisprofi Mika Brunold feiert mit 22 Jahren seinen Durchbruch. Sein Coming-Out hat ihm geholfen, selbstbewusster zu spielen.
Tom DeSimone ist tot

Schwuler Filmpionier gestorben

Der US-Regisseur Tom DeSimone ist mit 87 Jahren gestorben. Er prägte den schwulen Pornofilm und machte später mit Horror- und Kultfilmen Karriere.