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Verfolgung im Senegal
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Verfolgung im Senegal Leben unter ständigem Druck, schwule Männer berichten

ms - 03.09.2026 - 11:00 Uhr
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Die schwul-lesbische Gemeinschaft im Senegal lebt nach einer Verschärfung der gesetzlichen Lage in Unsicherheit, auch wenn die Verankerung der heterosexuellen Ehe in der Verfassung überraschend im Juli gestoppt worden war. Trotzdem gelten weiterhin seit härtere Strafen für gleichgeschlechtliche Beziehungen. Das Gesetz bezeichnet diese als „widernatürliche Handlungen“ und sieht nun Haftstrafen von bis zu zehn Jahren vor. Einhergehend kommt es seit diesem Sommer zu einer Welle von Verhaftungen und Hetzjagden. Mehrere Betroffene berichteten jetzt direkt von vor Ort. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Senegal verschärfte die Strafen für gleichgeschlechtliche Beziehungen deutlich.
  • Mehrere Betroffene berichten über dramatische Lage vor Ort.
  • Homosexuelle Menschen erzählen von wachsender Angst vor Verhaftungen und Überwachung.
  • Einige Menschen wurden festgenommen, andere flohen in Nachbar- oder Drittstaaten.

Angst vor Festnahmen

Viele Schwule und Lesben fürchten, ins Visier der Behörden zu geraten. Einer von ihnen ist Latyr, ein Mann in seinen Dreißigern. Aus Sicherheitsgründen möchte er anonym bleiben. Kurz vor einem geplanten Treffen mit Vertretern der französischen Zeitschrift Le Monde in Dakar schrieb er: „Ich weiß nicht, ob ihr mich frei antreffen werdet. Die Gendarmen kommen mir näher. Man kann seinem Schicksal nicht entkommen.“ Latyr erklärte, er wolle seine Erfahrungen öffentlich machen, damit die Welt davon „erfährt“. Gleichzeitig sei das Gespräch unter anonymem Namen auch eine Absicherung gewesen – „für den Fall“, dass ihm seine Freiheit genommen werde.

Nach der Festnahme eines Freundes habe Latyr geglaubt, dass er als Nächster betroffen sein könnte. Er befürchtete, die Behörden könnten ihn über sexuell eindeutige Nachrichten aus dem Jahr 2025 aufspüren. Wie viele Freunde er seit Beginn der neuen Repression verloren habe, könne er nicht mehr genau sagen. Wahrscheinlich seien es seit Februar „etwa zehn“ gewesen. Einige seien in senegalesischen Gefängnissen, andere hätten das Land verlassen und seien nach Gambia oder Marokko geflohen. Die Sorge vor einer Festnahme bestätigte sich in diesem Fall zunächst nicht. Latyr blieb am folgenden Tag weiterhin frei, jedoch äußerst vorsichtig. 

Zwei Leben in einem 

Latyr lebt seit Jahren mit einer Trennung zwischen seinem öffentlichen und privaten Leben. „Seit meiner Kindheit lebe ich meine Homosexualität diskret aus“, sagte er. „Ich habe Glück, ich bin nicht feminin. Niemand kann vermuten, dass ich homosexuell bin, weil ich nie eine unabsichtliche Geste zugelassen habe.“ Doch die permanente Angst hinterlasse Spuren. „Tagsüber habe ich ständig Kopfschmerzen und Herzrasen. Nachts schlafe ich kaum. Ich habe fünf Kilo verloren.“ Sein Alltag habe sich stark verändert: „Außerhalb der Arbeit besteht mein Leben nur noch daraus, in meinem Schlafzimmer Nachrichten zu lesen. Ich gehe nur noch raus, um zu essen oder in die Moschee zu gehen.“

Latyr beschreibt, dass Homosexualität in Senegal nicht erst durch das Gesetz, sondern bereits durch gesellschaftlichen Druck bestraft werde. Seit seiner Jugend habe er gelernt, homophobe Kommentare zu ignorieren und sich nicht zu verraten, bis heute. „Wenn Gespräche über die aktuelle Verhaftungswelle hitziger werden, bleib ich wie früher auch still“, sagte er. Einige Kollegen hätten seine Zurückhaltung inzwischen allerdings bemerkt. „Wenn man in meinem Alter ist und eine stabile Situation hat, werden die Leute misstrauisch. Ich weiß, dass meine Kollegen Fragen haben, aber ich behalte die Kontrolle.“

Der engagierte und beruflich erfolgreiche Mann lebt noch mit seinen Eltern zusammen, die nichts von seiner sexuellen Orientierung wissen. Sein Leben sei in zwei Bereiche geteilt: die offizielle Welt mit Familie, Arbeit und Moschee sowie sein verborgenes Privatleben in der schwulen Nacht-Szene Dakars. „Ich habe große Liebesgeschichten und große Herzschmerzen erlebt“, so Latyr. „Mit meinen Freunden habe ich immer wieder eine gute Zeit verbracht. Wir tanzten in Clubs, die eigentlich für alle offen waren, aber in denen die meisten Menschen schwul waren. Wir haben gefeiert, als gäbe es kein Morgen.“ Heute sei davon nichts mehr übrig. „Du sprichst morgens mit einem Mann, und am Abend erfährst du, dass er verhaftet wurde.“

Zwischen Glauben und Angst

Wie viele andere Betroffene habe Latyr lange versucht, seine Gefühle mit seinem Glauben zu vereinbaren. Als praktizierender Muslim habe er Schuldgefühle wegen seiner sexuellen Orientierung empfunden. Gleichzeitig sei die Religion für ihn eine wichtige Stütze gewesen. „Seit ich ein Kind bin, ist das Gebet eine Unterstützung. Jeden Tag bitte ich Gott, mich auf den richtigen Weg zu führen. Ich flehe ihn an, mir zu vergeben, meine Reue anzunehmen und mich vor dieser andauernden Jagd zu schützen.“ Doch die Belastung sei manchmal unerträglich gewesen. „Manchmal leide ich so sehr, dass ich, wenn ich hinausgehe, um einen Mann zu treffen, dafür bete, dass mich ein Auto überfährt, damit alles vorbei ist.“ 

Auch andere Gesprächspartner berichteten gegenüber der Zeitung von Selbstmordgedanken, ausgelöst durch gesellschaftliche Ablehnung und Schuldgefühle. Mehrere schilderten zudem körperliche oder sexuelle Gewalt innerhalb ihrer Familien. Ibou Gaye, der heute in Frankreich lebt, entschied sich, seinen echten Namen zu nennen. Als Jugendlicher sei er wegen seines Auftretens angegriffen worden. „Als ich 13 Jahre alt war, nahm mich mein großer Bruder zum Angeln mit aufs Meer. Nach einer Weile fesselte er mich. Er schlug mich und sagte, es solle mich ‚korrigieren‘, sonst würde ich ein schlechter Mensch werden.“ Seit Juli 2024 lebt er in der Region Paris und berichtet über die „Jagd“ auf homosexuelle Menschen in seiner Heimat. 

Der Versuch, sich anzupassen

Gaye stammt aus einer Familie traditioneller Fischer aus Yoff, nordwestlich von Dakar. Schon früh sei er wegen seines Verhaltens aufgefallen. Er habe seine Gestik und sein Auftreten nie vollständig versteckt. „Anders als andere schwule Männer habe ich meine Bewegungen nicht versteckt.“ Ein Freund habe ihn gewarnt: „Schau dir an, wie du gehst und wie du sprichst! Wie du deine Hände bewegst! Das sieht viel zu schwul aus, du bringst dich in Gefahr!“

Später habe Gaye versucht, sich gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen. Er tauschte seine Fischersandalen gegen Turnschuhe, weil diese ihm nach Ansicht eines Cousins einen „männlicheren“ Gang geben sollten. Als Sohn eines Imams besuchte er regelmäßig die Moschee und betete dafür, heterosexuell zu werden. „Ich habe ständig gebetet, um mich zu ändern und um Vergebung zu bitten.“ Nach sechs Monaten habe er diesen Versuch beendet. Die Vorstellung eines traditionellen Familienlebens habe ihn abgeschreckt. „Wo ich herkomme, heiratet ein Mann zwischen 18 und 20 Jahren. Mit etwa 25 nimmt er eine zweite Frau, um mehr Kinder zu bekommen und mit 35 in Rente gehen zu können. Ich erkannte, dass ich dieses Leben nicht wollte.“

Scheinehen und die Angst 

Auch Ndongo, 38 Jahre alt, stand lange unter dem Druck gesellschaftlicher Erwartungen. Beinahe hätte er einer sogenannten „Lavendel-Ehe“ zugestimmt – einer Ehe zwischen Mann und Frau, die dazu dient, eine homosexuelle oder bisexuelle Orientierung zu verbergen und gesellschaftlicher Verfolgung zu entgehen. Der Handwerker berichtete von ständiger Angst und Überwachung. „Der Druck ist zu hoch“, sagte Ndongo. „Vor Kurzem musste ich wegen meiner Angstzustände zum Arzt.“ Seine größte Sorge sei die Reaktion seiner Familie. „Wenn ich erwischt werde, ist es vorbei für mich. Meine Familie würde es niemals akzeptieren.“ 

Schon als Kind habe er Ausgrenzung erlebt. „Ich blieb lieber bei den Mädchen, anstatt mit den Jungen Fußball zu spielen. Deshalb haben sie mich beleidigt, aber ich verstand nicht warum.“ Später begann er eine Beziehung mit einer Frau. Nach sechs gemeinsamen Jahren beendete er die Beziehung kurz vor der Hochzeit und verließ seine Heimatstadt. „Ich stellte mir das katastrophale Leben vor, das ich führen würde, und die Qual, die ich dieser Frau zufügen würde, die nie um all das gebeten hatte. Ich konnte es nicht ertragen, also ließ ich alles hinter mir.“

Eine bedrohte Gemeinschaft

In Dakar entdeckte Ndongo eine verborgene schwule Szene. Treffen in privaten Wohnungen ermöglichten Freundschaften und Beziehungen, blieben aber mit Risiken verbunden, unter anderem infizierte er sich mit HIV. „Viele von uns haben heute Angst, in die Klinik oder ins Krankenhaus zu gehen. Wir fragen uns, ob wir verhaftet werden, weil man uns beschuldigt, HIV übertragen zu haben.“ Für Ndongo steht der Senegal heute an einem Wendepunkt. Während er nie die Möglichkeit gehabt habe, offen und friedlich als homosexueller Mann zu leben, habe sich die gesellschaftliche Stimmung zuletzt weiter verschärft. „In Senegal hat man Homosexualität zur größten Sünde gemacht. Und trotzdem gibt es andere Vergehen, die genauso schwerwiegend sind.“

Er kritisierte auch die Behauptung einiger Politiker und Aktivisten, Homosexualität sei ein Einfluss des Westens. „Ich bin weit entfernt von der Hauptstadt und von weißen Menschen aufgewachsen, bis ich 30 war. Wie hätten sie mich beeinflussen können?“ Er verweist stattdessen auf die traditionelle Figur der „goor-jigéen“. Der Begriff stammt aus den Wolof-Wörtern „goor“ (Mann) und „jigéen“ (Frau). Gemeint waren Männer, die Kleidung trugen oder Verhaltensweisen annahmen, die mit Frauen verbunden wurden. Einige von ihnen waren homosexuell und hatten in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen lange eine akzeptierte Rolle. „Sie wurden bei unseren Zeremonien gefeiert. Sie unterhielten uns mit ihren Gesten und schockierten niemanden.“

Wandel durch konservative Bewegungen

Während LGBTIQ+-Menschen ab den 1990er Jahren in Europa und Nordamerika für mehr Rechte kämpften, gewann in mehreren afrikanischen Ländern eine stärker homophobe Rhetorik an Einfluss. Auch im Senegal spielten religiös-konservative Stimmen eine größere Rolle. In den 2000er Jahren verstärkte die Öffnung der Medienlandschaft die Präsenz konservativer Prediger, die traditionelle Vorstellungen von Gesellschaft und Moral verbreiteten.

Die Forscherin Ndèye Gning schrieb 2013 in ihrer Arbeit über gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Männern in Senegal, dass diese Entwicklung die Sichtbarkeit solcher Stimmen verstärkt habe. Eine zentrale Rolle spielte die Organisation Jamra, die 1983 gegründet wurde und ursprünglich gegen Drogen, Prostitution und HIV kämpfte. Später richtete sie ihren Fokus zunehmend gegen eine vermeintliche „LGBT-Lobby“. Mitbegründer Mame Makhtar Guèye erklärte unter anderem: „Diese Gotteslästerer bedrohen die öffentliche Ordnung!“, so Guèye. Der Extremist richtet seinen Fokus inzwischen auch auf lesbische Frauen, nachdem lange Zeit der Fokus nur auf schwule Männer gelegen hatte. Einige der Interviewpartner wollen bleiben und kämpfen, andere wie Latyr trotz seiner beruflich guten Situation den Senegal verlassen. Besonders die Situation seiner inhaftierten Freunde belastet ihn. „Was wird aus ihnen, wenn sie freigelassen werden? Sie werden ihr Leben nicht zurückbekommen und sich nicht wieder in die Gesellschaft integrieren können. Nur wenige werden die Möglichkeit haben zu gehen.“

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