Tip Toe bei HBO Wenn Nachbarn zu Feinden werden
Eine englische Vorstadtsiedlung, zwei Nachbarn und ein Konflikt, der schließlich in einem Hassverbrechen endet: Darum geht es in der Miniserie „Tip Toe“, die ab heute bei HBO Max zu sehen ist. In den Hauptrollen spielen Alan Cumming und David Morrissey. Der Einstieg ist drastisch. Gleich zu Beginn hängt ein Mann mit einer Schlinge um den Hals an einem Laternenpfahl. Wie es zu dieser Situation kommt, erzählt die fünfteilige Serie anschließend in Rückblenden. In Großbritannien sorgte das neue Meisterwerk von Queer-as-Folk-Schöpfer Russell T Davies für aufgewühlte Debatten.
Das Wichtigste im Überblick
- Die fünfteilige Miniserie „Tip Toe“ startet am 13. August bei HBO Max.
- Im Mittelpunkt stehen die Nachbarn Leo (Alan Cumming) und Clive (David Morrissey), deren Verhältnis eskaliert.
- Clive hat sich im Internet radikalisiert und entwickelt zunehmend feindselige Einstellungen gegenüber Schwulen und trans* Menschen.
- Auch Clives Söhne George und Saul stehen im Zentrum der Handlung: Der eine ringt mit seiner Sexualität, der andere verdient Geld mit Porno-Inhalten.
- Serienschöpfer Russell T Davies thematisiert einen gesellschaftlichen Backlash gegen LGBTIQ+-Menschen.
- Davies hatte mit „Queer as Folk“ bereits 1999 eine wegweisende Serie über schwules Leben geschaffen.
- Der damalige Optimismus ist in „Tip Toe“ weitgehend verschwunden.
- In Großbritannien wurde die Serie von Kritikern überwiegend positiv aufgenommen.
- Das Ende löste im Vereinigten Königreich eine kontroverse Debatte über den Zustand der Gesellschaft aus.
Tödlicher Nachbarschaftskonflikt
Im Zentrum stehen Leo und Clive. Seit fast 15 Jahren wohnen die beiden nebeneinander in Reihenhäusern – Tür an Tür und mit entsprechend wenig Abstand zueinander. Lange scheint die Nachbarschaft zu funktionieren. Doch eines Tages kippt das Verhältnis. Aus einem Konflikt entwickelt sich ein Klima aus Misstrauen, Vorurteilen und gegenseitiger Abneigung. Clive, ein Elektriker, hat sich zunehmend über das Internet radikalisiert. Er hält den Brexit für einen nicht konsequent durchgezogenen Betrug und die Corona-Pandemie für eine Verschwörung. Schwule betrachtet er als übergriffig, trans* Menschen insbesondere als Gefahr für Kinder und Jugendliche.
Sein Nachbar Leo führt dagegen eine queere Bar in Manchesters berühmter Canal Street. Doch auch Leo trägt seinen Teil zu den Missverständnissen bei. Seine Kommunikation mit Clive ist häufig ironisch und setzt offenbar ein Verständnis voraus, das der Nachbar nicht besitzt. Besonders kritisch wird Clives Haltung gegenüber Leo, als es um dessen Söhne geht. George ist schüchtern, Saul deutlich selbstbewusster. Beide sind attraktiv und werden damit aus Sicht ihres Vaters zunehmend zum Anlass für dessen Misstrauen gegenüber dem schwulen Nachbarn.
Zwei Söhne, zwei Lebenswege
Im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass die beiden jungen Männer selbst mit ihrer Sexualität und ihrem Verhältnis zu Öffentlichkeit und Intimität kämpfen. Der Teenager George lebt heimlich schwul. Er hat Schwierigkeiten mit dem Gedanken an ein Coming-Out und bewegt sich zugleich auf Dating-Apps. Sein Bruder Saul ist bereits Mitte 20. Er verdient Geld über eine Porno-Plattform und produziert dafür explizite Inhalte, unter anderem mit Aufnahmen, die ihn bei der Masturbation zeigen. Während seine Söhne mit ihren eigenen Lebensentwürfen umgehen müssen, gerät Clives Leben ebenfalls aus den Fugen. Seine Ehe steckt in einer schweren Krise, und auch beruflich läuft es für ihn schlecht.
Gehen auf Zehenspitzen
Serienschöpfer Russell T Davies sieht den eigentlichen Kern der Geschichte allerdings in einer Figur, die bereits in der ersten Folge einen entscheidenden Gedanken formuliert: Melba. Die ehemalige Dragqueen wird von Paul Rhys gespielt. Die Figur trägt roten Lippenstift und blickt auf eine Zeit zurück, in der sie sich als schwuler Mann selbstbewusster und angstfreier durch die Welt bewegt habe. Heute sei das anders. Melba hält sich lieber zurück – vorsichtshalber. Im Original sagt die Figur: „Früher bin ich einfach in einen Raum gegangen und habe ‚Ta-da!‘ gerufen. Heute schleiche ich auf Zehenspitzen hinein – nur für alle Fälle.“(„I used to walk into a room and just go "Ta-da"! Now i tiptoe, just in case“.) Genau daraus leitet sich der Titel der Serie ab: „Tip Toe“ steht für das vorsichtige Gehen auf Zehenspitzen.
Angst vor dem Rückschritt
Melbas Aussage beschreibt zugleich ein zentrales Thema der Serie: das Gefühl vieler homosexueller und queerer Menschen, dass eine einst selbstverständlich gewordene Sicherheit wieder verloren gehen könnte. Gesellschaftliche Vorurteile, zunehmende Feindseligkeit, Hass im Internet und die Angst vor körperlicher Gewalt können dazu führen, dass Menschen vorsichtiger werden. Sichtbarkeit, die über Jahre erkämpft wurde, könnte dadurch wieder abnehmen.
Die Serie verbindet diese Entwicklung mit realen gesellschaftlichen Debatten und verweist auch auf Gewalt gegen LGBTIQ+-Menschen. Melba stellt sich die Frage, wie die Welt aussehen würde, wenn er im Jahr 1996 nach der Situation 2026 gefragt worden wäre. Er hätte sich eine glänzende Zukunft vorgestellt. Stattdessen sieht er wachsende Homophobie, Bösartigkeit und Verachtung. „Wir schreiten zurück... es ist ein Sturm, eine Flutwelle, ein gewaltiger Tsunami, wir sind mittendrin.“ Die Aussage steht sinnbildlich für den gesellschaftlichen Backlash, den Davies in seiner Serie beschreibt.
Kein Optimismus wie bei „Queer as Folk“
Russell T Davies kennt die Geschichte von schwulen Fernsehserien wie kaum ein anderer. Vor mehr als 25 Jahren schuf der heute 63-Jährige „Queer as Folk“, eine Serie, die das schwule Leben in den Mittelpunkt rückte und damals als bahnbrechend galt. Die Geschichte spielte ebenfalls in Manchester. Später entstand ein US-Remake, das in Pittsburgh angesiedelt war. Im Mittelpunkt standen verschiedene Probleme und Lebenssituationen einer Gruppe junger schwuler Männer. Die Grundstimmung von „Queer as Folk“ war jedoch eine andere als in „Tip Toe“. Damals dominierte die Hoffnung, dass sich die Gesellschaft mit der Zeit weiter liberalisieren würde. In „Tip Toe“ ist von diesem Optimismus kaum noch etwas übrig.
Leo selbst glaubt zunächst, dass der aktuelle Backlash gegen queere Menschen nur eine vorübergehende Entwicklung ist. Das gesellschaftliche Pendel werde eben immer wieder in die andere Richtung ausschlagen, sagt er. Melba widerspricht dieser Einschätzung. Der langjährige Freund und Stammgast von Leos Bar entwickelt eine deutlich düsterere Theorie. Seiner Ansicht nach hätten die Gegner queerer Menschen geduldig gewartet. Sie hätten zugelassen, dass sich immer mehr Menschen outeten und offen lebten. Nun seien diese Menschen sichtbar und damit leichter angreifbar.
Auch die Politik des US-Präsidenten wird thematisiert, ohne dass sein Name genannt wird. Melba macht dessen politische Rhetorik dafür mitverantwortlich, dass Gegner nicht-heterosexueller Menschen sich heute offener gegen diese wenden. „Sie haben uns schon immer gehasst, nur jetzt müssen sie nicht mehr so tun, als wäre es anders.“ Damit verbindet die Serie die persönliche Geschichte der beiden Nachbarn mit einer größeren politischen und gesellschaftlichen Entwicklung.
Radikalisierung und Sichtbarkeit
Die Stärke von „Tip Toe“ liegt dabei nicht allein im klassischen Konflikt zwischen einem schwulen Mann und seinem homophoben Nachbarn. Die Serie zeigt mehrere Generationen und unterschiedliche Formen des Umgangs mit Sexualität. George steht für einen jungen Menschen, der seine Homosexualität noch nicht offen leben kann und mit den Möglichkeiten und Gefahren digitaler Datingwelten konfrontiert ist. Saul wiederum geht deutlich offensiver mit Sexualität um und macht seine freizügigen Auftritte sogar zu einer Einnahmequelle. Clive erlebt diese Entwicklungen aus der Perspektive eines Mannes, dessen eigene Lebenssituation zunehmend instabil wird und der sich in digitalen Echokammern immer stärker radikalisiert. Leo wiederum verkörpert eine Generation, die sich ihre Sichtbarkeit erkämpft hat und nun mit der Frage konfrontiert wird, ob diese Errungenschaften tatsächlich dauerhaft gesichert sind.
Die fünfteilige Miniserie startet am 13. August. An diesem Tag werden die ersten drei Folgen veröffentlicht. Folge vier folgt am 20. August, die fünfte und letzte Episode am 27. August. Die Hauptrollen übernehmen Alan Cumming und David Morrissey. In Großbritannien wurde „Tip Toe“ beim öffentlich-rechtlichen Channel 4 ausgestrahlt. Die Kritiker nahmen die Produktion überwiegend positiv auf. Für Diskussionen sorgte insbesondere das Ende der Serie. In Großbritannien wurde kontrovers darüber debattiert, ob die gesellschaftliche Situation für queere und homosexuelle Menschen tatsächlich so düster ist, wie sie „Tip Toe“ darstellt.