Suizide in der EU Deutschland mit höchsten Fallzahlen, LGBTIQ+ im Fokus
In der Europäischen Union ist die Zahl der Suizide 2023 erneut leicht zurückgegangen. Nach aktuellen Daten von Eurostat starben 48.370 Menschen durch Suizid. Das entspricht einer standardisierten Sterberate von 10,4 Todesfällen je 100.000 Einwohner. 2022 hatte die Rate noch bei 10,6 gelegen, 2013 waren es 12,2. Deutschland macht rund ein Fünftel aller Suizide in Europa aus – besonders betroffen sind zudem LGBTIQ+-Menschen.
Das Wichtigste im Überblick
- 2023 starben in der EU 48.370 Menschen durch Suizid.
- Die standardisierte Suizidrate sank leicht auf 10,4 Fälle je 100.000 Einwohner.
- Deutschland verzeichnete mit 10.383 Fällen die höchste absolute Zahl innerhalb der EU.
- Gemessen an der Bevölkerungszahl lag Litauen mit 18,8 Suiziden je 100.000 Einwohner an der Spitze, gefolgt von Slowenien und Ungarn.
- Männer waren 2023 deutlich häufiger betroffen: Auf 100.000 Männer kamen 16,9 Suizide, bei Frauen waren es 5,0.
- Bei LGBTIQ+-Menschen ist das Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche deutlich erhöht.
- Für homosexuelle und queere Menschen lag die Suizidrate zwei bis viermal so hoch wie bei heterosexuellen Menschen.
Einsamer Spitzenreiter Deutschland
Bei den absoluten Zahlen liegt Deutschland deutlich vorn. 2023 wurden hier 10.383 Suizide registriert. Damit entfiel mehr als ein Fünftel der insgesamt 48.370 Fälle in der EU auf Deutschland. Es folgten Frankreich mit rund 8.900 Fällen, Polen mit rund 4.600 und Spanien mit knapp mehr als 4.000. Italien kam auf fast 3.800 Fälle. Am anderen Ende der Statistik standen Länder mit deutlich geringeren absoluten Zahlen. Auf Malta wurden 31 Suizide registriert, auf Zypern 35, in Luxemburg 45 und in Island 49. Die absoluten Werte sagen allerdings wenig über das individuelle Risiko in den einzelnen Ländern aus. Wird die Zahl der Suizide auf die jeweilige Bevölkerung bezogen, ergibt sich ein anderes Bild.
Die höchsten standardisierten Raten verzeichneten dann Litauen mit 18,8 Fällen je 100.000 Einwohner, Slowenien mit 16,4 und Ungarn mit 16,1. Besonders niedrig waren die Raten in Zypern mit 3,5, Griechenland mit 4,3 und Malta mit 5,5 Fällen je 100.000 Einwohner. Die Suizidpräventionsorganisation Samaritans warnt davor, Suizide auf einen einzelnen Auslöser zurückzuführen. „Suizid ist ein komplexes Phänomen, und meist gibt es nicht nur ein einziges Ereignis oder einen Faktor, der einen Menschen dazu bringt, sich das Leben zu nehmen. In der Regel wirken viele verschiedene Faktoren zusammen und verstärken das Risiko. Eine Kombination individueller, gemeinschaftlicher und gesellschaftlicher Einflüsse trägt zum Suizidrisiko bei.“
Männer wesentlich häufiger betroffen
Besonders deutlich ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen. 2023 kamen in der EU auf 100.000 Männer 16,9 Suizide. Bei Frauen waren es 5,0. Männer machten damit 76,4 Prozent aller Suizidtoten aus. Der Anteil reichte von 70,2 Prozent in den Niederlanden bis zu 90,3 Prozent in Malta. Eine eindeutige Erklärung dafür, weshalb Männer deutlich häufiger durch Suizid sterben, gibt es nicht. Nach Angaben von Samaritans spielen jedoch unterschiedliche Risikofaktoren und gesellschaftliche Erwartungen eine Rolle. Männer sprechen demnach seltener über suizidale Gedanken oder suchen seltener Hilfe. Auch Trennungen und Scheidungen erhöhen das Risiko bei Männern stärker. „Andere Risikofaktoren treten dagegen häufiger bei einem Geschlecht auf – so neigen Frauen eher zu Selbstverletzungen als Männer“, ergänzt die Organisation. Auch das Alter ist ein wichtiger Faktor. Eurostat registrierte 2023 bei Menschen ab 65 Jahren eine Suizidrate von 17,3 je 100.000 Einwohner. Bei Kindern unter 15 Jahren lag sie dagegen bei 0,2. In nahezu allen Altersgruppen war die Rate der Männer höher als die der Frauen.
LGBTIQ+-Menschen besonders gefährdet
Auch sexuelle und geschlechtliche Minderheiten sind überdurchschnittlich häufig von Suizidalität betroffen. Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit zu LGBTIQ+-Menschen fasste 20 systematische Reviews mit insgesamt mehr als 5,1 Millionen Menschen zusammen. Darin waren Suizidalität und psychische Erkrankungen bei LGBTIQ+-Menschen häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Eine weitere Meta-Analyse von 50 Studien mit mehr als 3,8 Millionen Vergleichspersonen und rund 87.000 LGBTIQ+-Menschen ermittelte für Suizidversuche ein 4,36-fach höheres Risiko.
Für die tatsächlichen Suizidtodesfälle gibt es weniger vergleichbare Daten, weil Eurostat die EU-Suizidstatistik nicht nach sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität aufschlüsselt. Amtliche Daten aus England und der Schweiz zeigen jedoch ebenfalls einen deutlichen Unterschied, auch hier gibt es signifikant höhere Suizidraten um das Zwei- bis Vierfache unter LGBTIQ+-Menschen, insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Als Gründe für die höhere Belastung nennen Forschungsarbeiten unter anderem Diskriminierung, Stigmatisierung, Ausgrenzung, Mobbing und andere Formen sozialer Belastung. Eine erhöhte Suizidalität lässt sich dabei nicht mit der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität an sich erklären. Vielmehr weisen die Forschungsergebnisse auf die Bedeutung der sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen hin.
EU setzt auf Prävention
Die Europäische Kommission hat ihr Engagement für psychische Gesundheit seit Juni 2023 verstärkt. Dabei verweist sie auch auf den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und „sozialer und wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit“. Für die Suizidprävention setzt die EU auf verschiedene Programme im Bereich der psychischen Gesundheit. Unterstützt werden die Mitgliedstaaten unter anderem durch Fortbildungen für Lehrkräfte, Peer-Support-Modelle sowie Instrumente, mit denen psychische Belastungen frühzeitig erkannt und entsprechende Hilfen eingeleitet werden sollen.
Hier gibt es Hilfe
Die Berichterstattung über Suizid ist ein überaus sensibles Thema. Wir möchten es in KEINSTER Weise glorifizieren oder romantisieren. Viele Menschen, die durch Suizid sterben, leiden an einer psychischen Erkrankung. Wenn es dir nicht gut geht oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen du dich melden kannst. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.
Mit Beratung steht dir auch der Coming Out Day Verein via Messenger, E-Mail und Videochat unter www.coming-out-day.de sowie www.comingoutundso.de zur Seite. Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen findest du unter: www.telefonseelsorge.de