Tilly Prozess in Russland Farce um Karnevalswagen geht weiter
In der russischen Hauptstadt Moskau wird heute der Gerichtsprozess gegen den Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly fortgesetzt. Das Verfahren war im Dezember kurz nach Beginn vertagt worden, da die Pflichtverteidigerin nicht erschienen war. Nach Angaben Tillys wird er selbst an dem heutigen Verhandlungstermin nicht teilnehmen.
Zehn Jahre Haft möglich
Den Ermittlungen zufolge wird dem Künstler vorgeworfen, russische Staatsorgane verunglimpft zu haben. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm eine Geldstrafe oder eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren. Die entsprechende Rechtsvorschrift wurde von der russischen Justiz in den vergangenen Jahren wiederholt eingesetzt, um gegen Kritikerinnen und Kritiker vorzugehen.
Auslöser des Verfahrens sind Darstellungen auf Karnevalswagen, mit denen Tilly den russischen Präsidenten Wladimir Putin immer wieder wegen des Krieges gegen die Ukraine oder wegen seiner Einstellung zu Homosexuellen und queeren Menschen kritisiert hatte. Auf einem Motivwagen des Düsseldorfer Rosenmontagszugs waren unter anderem Putin und der frühere US-Präsident Donald Trump dargestellt, die einen als „Hitler-Stalin-Pakt 2.0“ bezeichneten Handschlag vollziehen – dargestellt als Abkommen zulasten der Ukraine. Ein anderes Mal sah man Putin in einer blutgefüllten Badewanne sitzen oder sich die Ukraine mit dem Schriftzug „Erstick dran!!!“ einverleiben. Bereits 2014 protestierte Tilly mit einem Wagen gegen die Homophobie von Kirche und Staat in Russland und zeigte dabei Putin und Patriarch Kyrill I. bei einem Blowjob.
Humor tut weh
Tilly selbst hatte bereits im Dezember gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erklärt: „Humor tut anscheinend doch weh.“ Das Verfahren halte er insgesamt für absurd – zu ähnlichen Einschätzungen kamen sowohl deutsche Politiker und Politikerinnen wie auch die internationale Presse. „Wer ernsthaft Karnevalswagen kriminalisiert, offenbart vor allem eines: Angst. In freien Gesellschaften wird Widerspruch ausgehalten – autoritäre Systeme bekämpfen ihn“, so die stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin aus Nordrhein-Westfalen, Mona Neubaur. Der Prozess wird indes unbeirrt fortgesetzt, wann mit einer Entscheidung des Gerichts zu rechnen ist, blieb zunächst offen, ein Schuldspruch gilt als sicher.