Strafandrohung entfällt vorerst Türkei: Gesetzesverschärfungen gegen Queere ausgesetzt
Nach Monaten angespannter Debatten und wachsender Unsicherheit innerhalb der queeren Community hat das türkische Parlament überraschend entschieden: Die geplanten Gesetzesverschärfungen gegen queere Menschen werden vorerst nicht weiterverfolgt. Das elfte Reformpaket der Regierung, das ursprünglich Strafrechtsänderungen zur Kriminalisierung von LGBTIQ+-Personen enthielt, wurde ohne die umstrittenen Passagen eingebracht. Damit wurde eine unmittelbare Gefahr der strafrechtlichen Verfolgung queerer Personen in der Türkei abgewendet, zumindest für den Moment.
Reformdruck und gesellschaftliche Fronten
Seit Februar hatte die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan kontinuierlich Stimmung gegen queere Personen gemacht. Erdogan erklärte 2025 zum „Jahr der Familie“ und stilisierte die queere Community zur Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die nun zurückgestellten Gesetzesentwürfe hätten weitreichende Konsequenzen gehabt: Geplant waren Freiheitsstrafen für gleichgeschlechtliche Verlobungen und Hochzeiten. Sogar mit bis zu vier Jahren Haft hätte gerechnet werden müssen. Besonders drastisch war das so genannte „Propaganda-Gesetz“, das bereits das Eintreten für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt kriminalisiert hätte.
Auch für trans* Personen waren einschneidende Einschränkungen vorgesehen: Das Mindestalter für geschlechtsangleichende Maßnahmen sollte auf 25 Jahre steigen, medizinische Behandlungen wären deutlich stärker reglementiert worden – eine Entwicklung, die internationale Menschenrechtsorganisationen auf den Plan rief.
Gesellschaftlicher Widerstand und politische Alternativen
Proteste, öffentliche Debatten und internationale Kritik haben entscheidend zur Abkehr vom geplanten Gesetzespaket beigetragen. Menschenrechtsorganisationen, Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler sowie queere Verbände hatten sich landesweit vernetzt und vehement gegen die Reform mobilisiert. Die größte Oppositionspartei CHP bekräftigte zuletzt ihren Willen, Diskriminierung jeder Art, insbesondere aufgrund von Geschlecht, geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung, abzubauen.
„Dieses Gesetz hätte ein Klima der Angst geschafft und queere Menschen weiter an den Rand gedrängt. Der gemeinsame Widerstand zeigt, dass auch in schwierigen Zeiten Solidarität Rückhalt gibt.“ – Vertreterin von KaosGL, LGBTI+-Organisation
Ein unsicherer Weg in die Zukunft
Der vorläufige Rückzug der repressiven Gesetzespläne bedeutet eine Atempause für die queere Community, jedoch keine endgültige Entwarnung. In den vergangenen Jahren nahm die Verfolgung queerer Menschen in der Türkei zu, Prides wurden verboten, Künstlerinnen und Aktivistinnen müssen weiterhin Repressionen fürchten. Während die aktuelle Verschärfung abgewendet wurde, bleibt die gesellschaftliche und politische Lage fragil. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Zivilgesellschaft ihren Einfluss weiter auszubauen vermag oder ob neue Versuche der Einschränkung folgen. Die Frage bleibt: Wie nachhaltig ist dieser Sieg der Protestbewegung in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft?