Direkt zum Inhalt
Sex erst nach dem dritten Date?
ANZEIGE

Sex nur nach dem dritten Date? Schwules Dating: Schreiben, dann treffen, dann verschwinden

ms - 20.08.2026 - 16:00 Uhr
Loading audio player...

Es gibt Fragen, die einen schwulen Mann beim Dating zuverlässig aus der Fassung bringen. „Was suchst du?“ Es geht nicht unkreativer – und trotzdem bringt es die Situation stehts auf den Punkt. Eine harmlose Frage. Vier Wörter. Und doch kann sie einen Chat innerhalb von Sekunden in ein existenzielles Seminar verwandeln. Dating ist digital wunderbar einfach – und trotzdem immer wieder verwirrend, je mehr Apps wir haben. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Schwules Dating ist dank Apps schneller geworden – aber offenbar nicht unbedingt einfacher.
  • Zwischen ONS, Beziehung, Freundschaft und „mal schauen“ verschwimmen die Grenzen.
  • Dating-Sätze wie „Was suchst du?“ oder „Bin für alles offen“ können erstaunlich viel und gleichzeitig gar nichts bedeuten.
  • Sexualität wird heute offener besprochen – und trotzdem bleibt die Frage: Was wollen wir eigentlich voneinander?
  • Zwischen Sex und Liebe liegt inzwischen vor allem eines: eine ziemlich große Auswahl an Kommunikationsmöglichkeiten.

Unverbindlichkeit al dente 

Was also sucht der Mann im digitalen Dunkel gegenüber? Liebe? Sex? Beziehung? Freundschaft? Freundschaft plus? Eine offene Beziehung? Monogamie? Etwas Unverbindliches? Etwas Verbindliches, aber bitte ohne Druck? Doch Druck, aber dominant bitte? Oder einfach jemanden, mit dem man am Sonntag Kaffee trinken kann, ohne anschließend gemeinsam eine Steuererklärung abgeben zu müssen? Die Möglichkeiten sind zahlreich. Die Antwort meistens: „Mal schauen.“ Man ist reif für mehr, doch es bleibt bei Unverbindlichkeit al dente sozusagen. 

Unschlüssig vor dem Bildschirm 

Die Dating-App hat alles schneller gemacht. Schwule Männer haben beim Kennenlernen heute einen entscheidenden Vorteil: Die Auswahl ist nur einen Wisch entfernt. Das ist gleichzeitig das Problem. Dating-Apps haben die Partnersuche revolutioniert. Wer früher vielleicht Monate warten musste, bis ein anderer schwuler Mann im eigenen Umfeld auftauchte, kann heute innerhalb weniger Minuten Menschen kennenlernen. Das ist praktisch. Es ist aber auch ein bisschen so, als würde man hungrig einen Supermarkt betreten und feststellen, dass es 37 Sorten Joghurt gibt. Nach einer halben Stunde weiß man nicht mehr, was man eigentlich wollte. 

Das Smartphone macht Begegnungen möglich, die früher schwierig oder unmöglich gewesen wären. Gleichzeitig erzeugt die schiere Auswahl ein neues Phänomen: Warum bei einem Menschen bleiben, wenn theoretisch noch 500 weitere auf dem Bildschirm warten? Der nächste Mann könnte schließlich noch besser passen. Oder größer sein. Oder jünger. Oder interessanter. Oder einfach schneller antworten. „Was suchst du?“ – die gefährlichste Frage des Internets. 

Nichts Festes, mal schauen 

Besonders faszinierend ist die Sprache des schwulen Datings. „Bin offen für alles.“ Das klingt großzügig. Es kann aber alles bedeuten. „Nichts Festes.“ Kann heißen: Ich möchte wirklich keine Beziehung. Oder: Ich möchte keine Beziehung, bis der richtige Mann auftaucht. „Mal schauen.“ Kann heißen: Ich habe keine Ahnung. Oder: Ich habe eine ziemlich genaue Ahnung, möchte sie aber noch nicht verraten. Und dann gibt es den Klassiker: „Bin eigentlich nicht so der Dating-Typ.“ Das ist ungefähr so eindeutig wie die Wettervorhersage „Es könnte eventuell regnen“.

Dabei ist Kommunikation über Sexualität und Beziehungen heute offener geworden. Begriffe wie ONS, FWB, Situationship oder offene Beziehung sind längst Teil des alltäglichen Vokabulars vieler schwuler Männer. Paradoxerweise macht die größere sprachliche Auswahl die Sache nicht immer klarer. Man kann heute sehr präzise sagen, dass man etwas Unverbindliches sucht – und trotzdem nicht wissen, was genau das bedeutet, wenn man sich tatsächlich sympathisch findet. Und dazwischen tummeln sich noch Moralapostel, die Männer mit einer offenen Beziehung direkt anfeinden, obwohl das schlicht nicht ihre Angelegenheit ist. Schwule Dating-Apps sind kein Beichtstuhl – es sei denn, es wird lustvoll konterkariert. 

Eine Nacht – oder mehr? 

Früher war Sex das Ziel. Heute ist er eine Option. Das Verhältnis zu Sex hat sich ebenfalls verändert. Für viele schwule Männer gehört Sexualität selbstverständlich zum Dating dazu. Ein erstes Treffen muss nicht zwangsläufig wochenlange romantische Vorarbeit bedeuten – das haben wir bis heute vielen heterosexuellen Dates voraus und werden nicht selten genau dafür auch heimlich, still und leise oftmals beneidet. Zwei Menschen können sich attraktiv finden, Sex haben und anschließend feststellen, dass sie sich trotzdem gerne wiedersehen. Oder eben nicht.

Das Entscheidende ist: Sex muss nicht automatisch eine Geschichte erzählen. Ein Kuss ist kein Eheversprechen. Eine Nacht ist keine Beziehung. Und eine Nachricht am nächsten Morgen mit „War schön gestern“ bedeutet nicht zwangsläufig, dass gerade der gemeinsame Lebensabend geplant wird. Das klingt eigentlich befreiend. Und ist es meistens auch. Nur leider hat der Mensch eine gewisse Neigung, in Dinge Bedeutungen hineinzulesen. Auch schwule Jungs. 

Digitale Stille statt Kommunikation

Aus „Gute Nacht“ mit Küsschen-Smiley wird dann schnell eine Beziehungsanalyse. Aus drei Stunden Funkstille eine Krise. Aus einem Punkt am Ende einer Nachricht eine Charakterstudie. Und aus „Bis bald“ die große Frage: Wie bald ist bald? Besonders schmerzhaft wird Dating, wenn die Kommunikation plötzlich endet. Ghosting gehört inzwischen fast selbstverständlich zum digitalen Kennenlernen. Man schreibt, flirtet, trifft sich – und dann: nichts. Keine Erklärung. Kein „Ich glaube, das passt für mich nicht“. Nicht einmal ein höfliches „Danke für deine Zeit“. Nur digitale Stille. Das ist besonders absurd, weil eine Dating-App eigentlich genau das Gegenteil verspricht: Kommunikation.

Man hat theoretisch jederzeit die Möglichkeit, mit einem anderen Menschen zu sprechen. Und trotzdem scheint es manchmal einfacher, einen Kontakt vollständig verschwinden zu lassen, als einen einzigen ehrlichen Satz zu schreiben. Vielleicht liegt darin eine der größten Veränderungen des modernen Datings: Menschen sind jederzeit erreichbar – und gleichzeitig erstaunlich schwer zu erreichen.

Wann ist Sex zu früh?

Natürlich gibt es auch die alte Frage: Wann sollte man miteinander schlafen? Ja, einige Männer werden beim Lesen dieser Zeilen jetzt lachen. Gibt es sowas, zu früh?! Die Antwort ist dabei erstaunlich einfach: Sex nur dann, wenn beide es möchten. Nicht nach dem dritten Date. Nicht erst nach dem zehnten. Nicht erst nach dem Kennenlernen der Eltern. Und auch nicht, weil irgendein Dating-Ratgeber behauptet, dass eine bestimmte Anzahl von Treffen strategisch besonders klug sei. Wir können heiraten, aber wir müssen ja nicht jeden Blödsinn der Heterosexuellen mitmachen, oder? 

Schwule Männer mussten sich ohnehin lange genug mit gesellschaftlichen Vorstellungen darüber auseinandersetzen, wie Sexualität angeblich auszusehen hat. Sex kann also sehr gut beim ersten Treffen stattfinden. Er kann nach Monaten stattfinden. Er kann aus einer Beziehung entstehen oder einer Beziehung vorausgehen. Er kann einmalig bleiben oder der Beginn von etwas Neuem sein. Die entscheidende Frage ist nicht, wann man Sex hat. Sondern ob beide wissen, worauf sie sich einlassen – und ob sie das auch wollen. Die eigentliche Revolution ist vielleicht das Reden.

Ehrlichkeit ohne Krise 

Vielleicht braucht schwules Dating deshalb weniger neue Regeln und mehr ehrliche Gespräche. Was suchst du? Was möchtest du? Was möchtest du nicht? Was bedeutet Sex für dich? Und vor allem: Was passiert, wenn einer von beiden plötzlich mehr empfindet? Das bedarf allerdings auch der Entspanntheit auf beiden Seiten, eine Abfuhr auch stressfrei zu akzeptieren. Oder es auch vollkommen in Ordnung zu finden, wenn das Gegenüber heute doch keine Lust hat. Ghosting entsteht bei vielen Männern nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Erfahrung. Das klingt alles weniger sexy als ein spontanes Treffen um Mitternacht. Ist aber möglicherweise deutlich hilfreicher. Denn am Ende ist Dating trotz aller Apps, Begriffe und Möglichkeiten erstaunlich altmodisch geblieben: Zwei Menschen treffen aufeinander. Sie finden sich attraktiv oder interessant. Sie hoffen auf etwas. Sie haben Angst vor Zurückweisung. Sie interpretieren Nachrichten. Sie warten auf Antworten. 

Und manchmal haben sie Sex. Manchmal verlieben sie sich. Manchmal machen sie beides. Und manchmal stellen sie nach drei Dates fest, dass sie sich zwar körperlich großartig verstehen, aber gemeinsam ungefähr so gut funktionieren wie WLAN im deutschen ICE. Auch das gehört dazu. Vielleicht ist die neue schwule Geduld deshalb gar keine Geduld beim Sex. Vielleicht ist es die wahre Geduld, einen Menschen kennenzulernen, ohne sofort wissen zu müssen, was daraus wird. Denn manchmal ist „Mal schauen“ tatsächlich keine Ausrede. Manchmal ist es einfach die ehrlichste Antwort, die zwei Menschen einander geben können.

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Heated Rivalry ist real!

Geständnis eines schwulen Wrestlers

Der schwule Wrestler Anthony Bowens betonte jetzt: Die Hit-Serie „Heated Rivalry“ liefert eine besonders realistische Darstellung des Profisports ab.
NASA-Test auf Heterosexualität

Verdrängtes Kapitel der Raumfahrt

Die NASA verlangte einst von Astronauten ein enges Ideal von Männlichkeit, Homosexualität war da lange Zeit ein Tabu.
Rugby-Spieler Kyle Loughman

Kampf gegen Homophobie

Nach schwierigen Erfahrungen mit Homophobie findet Profisportler Kyle Loughman über inklusives Rugby nun zurück zu Sport, Familie und Gemeinschaft.
Suche nach Puppy-Botschafter

Mr. Puppy in den Niederlanden

In den Niederlanden wird ein neuer Puppy-Botschafter gesucht – der Wettbewerb ist fest in der schwulen Szene und ihrer Geschichte verankert.
Staffel 3 von The Last Of Us

Abby rückt ins Zentrum der Story

Die dritte Staffel von „The Last of Us“ erzählt die Story nun stärker aus Abbys Sicht und verschiebt die erfolgreiche Serie in Richtung Kriegsdrama.
Schwule Liebe unter Soldaten

"Coward“ begeisterte in Cannes

Lukas Dhonts „Coward“ erzählt vom Ersten Weltkrieg – und von zwei Soldaten, die zwischen Angst, Freiheit und Zuneigung ihren eigenen Weg suchen.
Ex-HNO-Arzt festgenommen

Brutaler Missbrauch von Patienten?

Ein 76-jähriger HNO-Arzt aus Frankfurt sitzt wegen des Verdachts auf schwere sexuelle Nötigung und Körperverletzung von Männern in Untersuchungshaft.
Pride-Farben auf Island

Streit entzweit die Bevölkerung

In Island wird die Nationalflagge zum politischen Streitpunkt – zwischen Pride-Symbolik, Rechtsextremismus und dem Wunsch nach Einheit.
Neue Studie untersucht Väter

Väterzeit kann psychisch entlasten

Gute Nachrichten für schwule Väter: Eine neue Studie zeigt, dass eine Elternzeit bei Vätern mit einem geringeren Depressionsrisiko verbunden ist.