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Vom Chatroom zur Dating-App
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Vom Chatroom zur Dating-App Wie das Internet Cruising verändert

ms - 19.08.2026 - 16:00 Uhr
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Was heute mit wenigen Wischbewegungen auf dem Smartphone möglich ist, war in den 1990er Jahren eine technische Neuerung: Menschen konnten erstmals über das Internet gezielt andere schwule und bisexuelle Männer kennenlernen. Eine große Revolution, die das Cruising- und Datingverhalten der Szene vollständig revolutionierte. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Seit den 1990er Jahren verlagert sich die schwule Kontakt- und Datingkultur zunehmend ins Internet.
  • Gay.com, Gaydar, Manhunt und Romeo gehören zu den frühen Plattformen für schwule und bisexuelle Männer.
  • Mit Grindr verändert sich die Standortsuche per Smartphone und das klassische Cruising grundlegend.
  • Apps wie Scruff, Blued und Sniffies entwickeln unterschiedliche Modelle für Dating, Sex und Community.
  • Gleichzeitig werden Plattformen wie Craigslist und Backpage wegen rechtlicher und gesellschaftlicher Probleme mit Sexanzeigen eingeschränkt oder geschlossen.

Vom Chatroom zum digitalen Treffpunkt

Eine der frühen Plattformen war Gay.com. Mark Elderkin und sein Ehemann Jeff Bennett stießen auf die Seite. Einige Jahre später entwickelte Gay.com ein Java-basiertes Chatsystem mit virtuellen Räumen wie „Berlin 4 Men 18-24“. Neben Chats kamen Mitgliederprofile, Diskussionsforen und redaktionelle Beiträge hinzu. Die Themen waren dabei nicht ausschließlich sexuell. Eine Liste täglicher Chats aus dem Jahr 1998 enthielt etwa „Eltern-Chat“, „Must See TV“, „Vegetarisches Potluck“ und „Chat für bisexuelle Männer“. 2005 stufte die San Jose Mercury News Gay.com als beliebteste Online-Kontaktbörse für schwule Männer in den USA ein.

Auch Craigslist wurde zu einem wichtigen Ort für die Suche nach sexuellen Kontakten. Craig Newmark hatte die Plattform zunächst als E-Mail-Verteiler gegründet, bevor daraus eine Website wurde. Zwischen 2001 und 2009 existierte dort die Rubrik „Erotic Services“, in der auch bezahlter Sex angeboten wurde. 2009 wurde sie in „Adult Services“ umbenannt und stärker kontrolliert. Schließlich wurde auch diese Rubrik abgeschafft. Mehrere Generalstaatsanwälte von US-Bundesstaaten hatten kritisiert, dass die Plattform nicht ausreichend gegen illegale Anzeigen zur Vermittlung von Prostitution vorgehe.

Die Suche nach sexuellen Kontakten verschwand damit allerdings nicht. Nutzer wichen unter anderem auf die Rubrik „Personals“ aus. In der Kategorie „Men Seeking Men“ wurden Abkürzungen verwendet, um sexuelle Vorlieben oder Lebenssituationen zu beschreiben. „BB“ stand beispielsweise für „bareback“, also Sex ohne Kondom. „DL“ bezeichnete „down low“ und damit Männer, die ihre Homosexualität geheim hielten. „PNP“ stand für „Party and Play“ und bezog sich auf Menschen, die gemeinsam Drogen – typischerweise Crystal Meth – konsumieren und Sex haben wollten.

AOL als digitales Badehaus

Auch AOL entwickelte sich zu einem wichtigen Treffpunkt. Das Magazin Salon bezeichnete den Dienst in einem Beitrag als „Badehaus des Internets“. Um das Jahr 2000 waren etwa 20 Prozent der 21 Millionen AOL-Nutzer schwul. Besonders beliebt waren sogenannte M4M-Chaträume, also „Men for Men“. Die Räume waren meist nach Städten sortiert. Auch private Chats und Sofortnachrichten spielten eine wichtige Rolle. Dort wurden unter anderem Nacktfotos ausgetauscht und Treffen vereinbart. Parallel entstanden spezialisierte Plattformen. Squirt.org positionierte sich als sexpositives Netzwerk für schwule und bisexuelle Männer. Neben Nutzerprofilen gab es Camshows, Videos und erotische Texte, sogenannte „Cocktales“. Außerdem wurden Orte genannt, an denen sich Männer zu sexuellen Kontakten treffen konnten – etwa Badehäuser, Rastplätze oder Parks. Inzwischen gibt es auch eine mobile Squirt-App. 

Profile werden zum Standard

Ende der 1990er Jahre entstanden weitere Plattformen. Gaydar wurde von dem schwulen Paar Gary Frisch und Henry Badenhorst gegründet. Anlass war der erfolglose Versuch, einem Freund bei der Partnersuche zu helfen. Badenhorst sagte: „Wir haben ihn auf Excite, einer Suchmaschine, gesetzt, die einen Dating-Bereich hatte, in dem man ein Foto hochladen konnte. Aber es dauerte zwei Wochen, bis er eine Antwort bekam. Deshalb sagten wir uns, dass wir sicher etwas speziell für den schwulen Markt entwickeln könnten.“ Gaydar setzte dabei auf eigene Webseiten für jedes Mitglied – sogenannte Profile. Diese Funktion wurde später zu einem grundlegenden Bestandteil des Online-Datings.

Mit Recon entstand außerdem eine Plattform speziell für schwule und bisexuelle Männer mit Interesse an Fetischkultur. Dazu gehörten unter anderem Leder, Gummi, BDSM und andere Formen von Kink. 2010 kam eine App hinzu, die mithilfe von GPS Männer in der Umgebung anzeigen konnte. Recon veranstaltete zudem internationale Fetisch-Events, unter anderem in Berlin, Paris, London und Chicago.

Dating trotz Verbot

In Asien entstand mit Fridae ein weiteres wichtiges Portal. Der Wissenschaftler Stuart Koe gründete die Website mit dem erklärten Ziel „Empowering Gay Asia“. Obwohl Koe aus Singapur stammt, wurde Fridae als Website mit Sitz in Hongkong registriert. Damit sollte eine stärkere Kontrolle durch die singapurische Regierung vermieden werden, denn Homosexualität war dort zu dieser Zeit illegal. Fridae bot neben Dating- und Kontaktmöglichkeiten auch Informationen zu HIV, schwulen Themen, Werbung und Community-Arbeit. 2015 wurde die Plattform von DragonStack übernommen.

In den USA gründeten Jonathan Crutchley und Larry Basile Manhunt.net. Beide waren zunächst im Bereich schwuler Telefon-Chatlines tätig. Als das Geschäft im Jahr 2000 schwächer wurde, wechselten sie ins Internet. Bis 2002 hatten sich bereits 10.000 Männer aus dem Großraum Boston bei Manhunt registriert. Im selben Jahr wurde ein kostenpflichtiges Angebot eingeführt und die Plattform auf weitere US-Städte ausgeweitet.

GayRomeo wird zum EU-Phänomen

Auch in Deutschland entwickelte sich 2002 in Berlin eine eigene Plattform: Jens Schmidt gründete GayRomeo, zuvor bestand „digitales Dating“ für Schwule oftmals aus den Erotikangeboten im Teletext. Das Romeo-Angebot wurde daher schnell zu einer wichtigen Dating- und Kontaktseite für schwule und bisexuelle Männer. Später expandierte GayRomeo nach Europa und in weitere Teile der Welt. 2011 wurde die Plattform wegen der Zensur des Wortes „Gay“ in mehreren Ländern in PlanetRomeo umbenannt. 2021 folgte die Umbenennung in Romeo.com. Auch Adam4Adam richtete sich an schwule und bisexuelle Männer und kombinierte sexuelle Kontakte mit Dating und Freundschaften. Später arbeitete die Plattform mit Organisationen zusammen, die sich für LGBTIQ+-Rechte und Gesundheitsaufklärung einsetzten. Themen waren unter anderem Safer Sex, psychische Gesundheit und HIV. 2005 führte die San Jose Mercury News Adam4Adam als zweitbeliebteste Online-Kontaktbörse für schwule Männer in den USA – hinter Gay.com.

Mehr als nur zwei Geschlechter

Mit OkCupid veränderte sich nicht nur die Partnersuche, sondern auch die Darstellung von Geschlecht und sexueller Orientierung. Die Plattform startete zunächst als Dating-Angebot und wurde bis 2012 zu einer bedeutenden Dating-App. 2014 führte OkCupid 22 Geschlechts- und 13 Orientierungsoptionen ein. Dazu gehörten etwa „pangender“, „homoflexible“ und „Two Spirit“. Nach einer Zusammenarbeit mit der Human Rights Campaign bot die Plattform bis 2021 insgesamt 60 verschiedene Identifikationsmöglichkeiten an. Parallel dazu entstand mit Backpage.com eine weitere große Kleinanzeigenplattform mit Rubriken wie „Personals“ und „Adult Services“. Auch viele LGBTIQ+-Sexarbeiter nutzten das Angebot. 2018 beschlagnahmten US-Behörden die Website und schlossen sie im Zuge von Ermittlungen gegen Zwangsprostitution und die Ausbeutung von Kindern.

Cruising auf dem Smartphone

Einen entscheidenden Wandel leitete 2009 Grindr ein. Joel Simkhai gründete die App, die Standortdaten des iPhones nutzte, um Männern sexuelle Kontakte in ihrer unmittelbaren Umgebung anzuzeigen. Damit verband Grindr Dating und Sex erstmals mit Geolokalisierung auf dem Smartphone. Das veränderte die schwule Hookup-Kultur: Das Prinzip des klassischen Cruisings wurde mit digitaler Technologie kombiniert. Die Nutzer konnten nach sogenannten „Tribes“ suchen, darunter „Bears“, „Twinks“ und „Jocks“. Das Grindr-Raster ordnete Männer nach ihrer Entfernung zum eigenen Standort an. Häufig waren dort gesichtslose Fotos zu sehen – ein Element, das an die Anonymität des traditionellen Cruisings erinnerte. Grindr beschrieb seine Mission so: „Wir wollen die globale Gayborhood in deiner Hosentasche sein, sodass die Community, Unterstützung und Möglichkeiten, die uns voranbringen, immer nur einen Fingertipp entfernt sind.“ 2022 ging Grindr an die Börse. 

Videochat, Wischen und neue Zielgruppen

Mit Chatroulette entstand ein weiterer neuer digitaler Raum. Der damals 17-jährige Moskauer Schüler Andrey Ternovskiy gründete die Plattform, die anonyme Videochats mit Menschen aus aller Welt ermöglichte. Schon bald nutzten Männer Chatroulette auch für Cybersex und gegenseitige Masturbation. 2010 folgte SCRUFF, gegründet von Johnny Skandros und Eric Silverberg. Die App positionierte sich als Konkurrenz zu Grindr und richtete sich an LGBTIQ+-Männer. Mit der Version SCRUFF 4 führte die Plattform 2013 neue Funktionen ein und gehörte zu den ersten sozialen Apps, die ein Profil und eine Suchfunktion für eine trans* Community anboten. Tinder, gegründet von Sean Rad und Justin Mateen, brachte anschließend ein besonders prägendes Bedienprinzip hervor: Nutzer konnten interessante Profile nach rechts und uninteressante nach links wischen.

Blued scheitert an China 

Ma Baoli gründete Blued, Chinas erste schwule Dating-App. Sie entstand aus dem LGBTIQ+-orientierten Onlineforum Danlan.org, das er bereits in den 2000er Jahren aufgebaut hatte. Blued expandierte später international. Der chinesische Heimatmarkt wurde jedoch zunehmend schwieriger – unter anderem wegen staatlicher Eingriffe in LGBTIQ+-Medien und der Konkurrenz durch neuere Apps. Im vergangenen Jahr entfernte Apple Blued aus dem chinesischen App Store. Zur Begründung hieß es, die Entscheidung sei „auf Anordnung“ der chinesischen Cyberspace Administration erfolgt.

Sniffies und das Cruising-Prinzip

Mit Sniffies entstand eine Plattform, die das klassische Cruising besonders direkt ins Digitale überträgt. Eine ständig aktualisierte GPS-Karte soll Männern helfen, kurzfristige sexuelle Kontakte zu finden. Sniffies bezeichnet sich selbst als „kartenbasierte App für schwule, bisexuelle, trans* und neugierige Cruiser“. Für die Nutzung ist weder ein Benutzerkonto noch eine E-Mail-Adresse erforderlich. Nutzer können andere zu privaten Sexpartys einladen oder sie darüber informieren, dass sie sich an öffentlichen Orten wie Parks oder Fitnessstudios aufhalten. Auch Nacktfotos können als Profilbilder verwendet werden. Sie erscheinen anschließend auf der interaktiven Karte, die bei der Suche nach Kontakten genutzt wird.

DoubleList und Archer

Nachdem Craigslist seinen Bereich „Personals“ entfernt hatte, entstand DoubleList als Alternative. Die Website richtet sich an Menschen, die Dates oder sexuelle Kontakte suchen. Zusätzlich gibt es verschiedene Kategorien, über die LGBTIQ+-Menschen miteinander in Kontakt treten können. Zuletzt brachte die Match Group Archer auf den Markt. Die App sollte eine „social-first“-Dating-Erfahrung für schwule, bisexuelle und queere Männer schaffen. Dafür kombinierte sie klassische Dating-Funktionen mit Elementen sozialer Netzwerke. Im ersten Jahr wurde Archer mehr als 685.000 Mal heruntergeladen. Der Erfolg war allerdings nicht von Dauer: Nur drei Jahre nach der Gründung kündigte der Leiter für Markenmarketing und Kommunikation an, dass die App eingestellt werden soll. Vom anonymen Chatroom bis zur GPS-Karte auf dem Smartphone hat sich die digitale schwule Kontaktkultur damit innerhalb von rund drei Jahrzehnten grundlegend verändert.

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