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Schwule Liebe unter Soldaten Zärtlichkeit im Schatten des Krieges

Von ms - 20.08.2026 - 13:30 Uhr
Schwule Liebe unter Soldaten
Foto: MUBI
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Der Titel „Coward“ (auf Deutsch „Feigling“) führt zunächst auf eine falsche Spur. Im Zusammenhang mit einem Krieg lässt sich der Begriff schnell mit Soldaten verbinden, die sich dem Kampf entziehen wollen. Lukas Dhont und sein Co-Autor Angelo Tijssens legen den Titel jedoch wesentlich weiter aus – und begeistern ihr Publikum mit einer besonderen schwulen Liebesgeschichte unter Soldaten. Nun sind weitere Details und Bilder publiziert worden. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Lukas Dhonts neuer Film „Coward“ spielt 1916 während des Ersten Weltkriegs.
  • Im Mittelpunkt stehen die belgischen Soldaten Pierre und Francis, gespielt von Emmanuel Macchia und Valentin Campagne.
  • Der Film interessiert sich weniger für militärische Strategien als für Angst, Warten, Erschöpfung und die psychischen Folgen des Krieges.
  • Francis veranstaltet hinter der Front Theater- und Tanzabende, bei denen Soldaten zeitweise in andere Rollen schlüpfen können.
  • Zwischen Francis und Pierre entwickelt sich eine vorsichtige Liebesbeziehung.
  • Der Krieg wird dabei paradoxerweise zu einem Raum, in dem Francis eine Seite seiner Persönlichkeit ausleben kann, für die außerhalb des Ausnahmezustands kaum Platz ist.
  • „Coward“ verbindet Kriegsdrama, Liebesgeschichte und eine ungewöhnlich zärtliche Darstellung männlicher beziehungsweise schwuler Intimität.
  • Der Film wurde beim 79. Filmfestival in Cannes 2026 gefeiert. 

Kriegsfilm ohne Heldenpathos

Im Verlauf des Films stellt sich immer stärker die Frage, wer eigentlich als Feigling gelten kann. Sind es diejenigen, die angesichts des Krieges ums Überleben kämpfen? Sind es Männer, die ihre Gefühle hinter einer Fassade militärischer Härte verbergen? Oder vielleicht jene, die ihre Empfindungen nur deshalb zulassen können, weil der Ausnahmezustand des Krieges ihnen einen geschützten Raum bietet? Dhonts Film spielt im Jahr 1916 und begleitet junge belgische Soldaten im Ersten Weltkrieg. Zwar sind die Schützengräben und die Gewalt des Krieges präsent, doch „Coward“ ist kein klassisches Schlachtengemälde. Militärische Taktik und heroische Kämpfe stehen nicht im Mittelpunkt. Viel wichtiger ist das Warten. In den langen Phasen zwischen den Gefechten werden Angst und Erschöpfung sichtbar. Die Bedrohung liegt nicht nur in den unmittelbaren Kampfhandlungen, sondern auch in der ständigen Erwartung des nächsten Angriffs.

Entdeckung einer anderen Welt

Die Geschichte folgt zunächst Pierre, einem eher zurückhaltenden Soldaten, der von Emmanuel Macchia gespielt wird. An der Front versucht er, sich in die Gruppe einzufügen. Er macht bei den teils derben Späßen seiner Kameraden mit und erledigt seine Aufgaben, ohne besonders aufzufallen. Gleichzeitig wächst seine Faszination für eine Gruppe von Soldaten, die abseits der Front eine eigene kleine Gegenwelt aufgebaut haben.

Besonders Francis zieht Pierre an. Valentin Campagne spielt einen jungen Mann, der Theateraufführungen und Tanzveranstaltungen organisiert. Soldaten, die als nicht fronttauglich eingestuft wurden, schlüpfen dabei in improvisierte Frauenkleider und können für einige Stunden vergessen, in welcher Welt sie eigentlich leben. Was zunächst wie eine bizarre Ablenkung vom Frontalltag erscheinen könnte, erhält in „Coward“ eine wesentlich größere Bedeutung. Für die Männer geht es nicht allein um Unterhaltung. Inmitten einer von Gewalt und Tod geprägten Umgebung entsteht ein Raum für Schönheit, Fantasie und Spiel. Gerade darin liegt für Dhonts Figuren ein Stück zurückgewonnener Freiheit.

Zwischen Verkleidung und Verlangen

Aus der Begegnung zwischen Francis und Pierre entwickelt sich allmählich eine Beziehung. Die beiden nähern sich einander vorsichtig, beobachten und ertasten ihre Gefühle. Die Liebesgeschichte bleibt dabei eng mit der Ausnahmesituation des Krieges verbunden. Kameramann Frank van den Eeden findet für diese Momente Bilder, die eine ausgeprägte Sinnlichkeit entwickeln. Besonders auffällig ist die Zärtlichkeit, mit der der Film die späteren Liebesszenen zwischen den beiden Männern zeigt.

Damit setzt „Coward“ einen Kontrapunkt zur Brutalität des Krieges. Der Film stellt dem zerstörerischen Alltag der Front eine Form von Intimität gegenüber, die im schwulen Kino nach wie vor vergleichsweise selten so selbstverständlich und behutsam inszeniert wird. Doch die Beziehung zwischen Francis und Pierre bleibt nicht ohne Spannungen. Denn beide verbinden mit ihrer Nähe unterschiedliche Vorstellungen.

Freiheit nach dem Krieg

Francis geht zunächst entschlossen auf Pierre zu. Gleichzeitig stellt sich bald die Frage, was aus ihrer Beziehung werden soll, wenn der Krieg vorbei ist. Francis scheint sich für dieses Danach nur begrenzt zu interessieren. Mehrfach wird deutlich, dass gerade der Krieg ihm eine Möglichkeit eröffnet, die es unter normalen Umständen nicht gäbe. Er kann Theater spielen, Kostüme entwerfen, Musik machen und sich verkleiden. Vor allem aber kann er eine Seite seiner Persönlichkeit zeigen, die außerhalb dieses Ausnahmezustands keinen selbstverständlichen Platz hätte.

Der Krieg ist für Francis damit zugleich Gefängnis und Freiraum. Er zerstört Leben und Körper – schafft für ihn aber paradoxerweise eine Situation, in der er seine eigene Identität offener leben kann. Diese widersprüchliche Figur wird von Valentin Campagne mit großer Präsenz verkörpert. Francis besitzt Lebensfreude, Einfallsreichtum und Charme. Gleichzeitig bleibt hinter seiner Energie eine schwer greifbare Melancholie sichtbar. Emmanuel Macchia setzt diesem temperamentvollen Charakter eine beinahe stoische Körperlichkeit entgegen. Gerade aus dem Gegensatz der beiden Darsteller entsteht eine Spannung, die den Film über weite Strecken trägt.

Zärtlichkeit als Gegenentwurf zur Gewalt

Lukas Dhont hat mit „Coward“ seinen bislang beeindruckendsten Film geschaffen. Seine Geschichte zeigt den Krieg nicht primär als Abfolge von Schlachten, sondern als Zustand, in dem sich Menschen verändern und unter extremen Bedingungen nach Nähe und Freiheit suchen. Gerade die Verbindung von Brutalität und Zärtlichkeit macht den Film ungewöhnlich. Wo die militärische Welt Härte verlangt, setzen Pierre und Francis andere Formen der Begegnung entgegen. Und so erhält auch der Titel „Coward“ eine zusätzliche Bedeutung: Vielleicht geht es weniger darum, wer im Krieg mutig oder feige ist, als um die Frage, welchen Mut es braucht, die eigene Verletzlichkeit zuzulassen. Beim Filmfestival in Cannes wurde der Film bereits enthusiatisch gefeiert. In den USA und Kanada erscheint der Film Ende Dezember in den Kinos, ein deutscher Kinostart steht noch nicht fest, könnte aber zeitnah zum internationalen Termin fokussiert werden. 

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