Projekt Rainbow Wool Bilanz nach drei Jahren: Hilfe für über 2.000 LGBTIQ+-Menschen
Ein landwirtschaftliches und soziales Projekt aus Deutschland sorgte erstmals 2024 international für viel Aufmerksamkeit: Die Initiative „Rainbow Wool“ rettet schwule Schafböcke, die sich nicht mit weiblichen Tieren paaren wollen, vor der Schlachtung und verarbeitet deren Wolle zu Modeprojekten. Damals stand Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz Pate für die Idee. Knapp drei Jahre später ziehen die Betreiber nun eine erste Bilanz.
Das Wichtigste im Überblick
- Projekt „Rainbow Wool“ rettet schwule Schafböcke vor der Schlachtung.
- Nach Angaben der Initiatoren wurden bisher rund 2.000 LGBTIQ+-Menschen unterstützt.
- Erlöse fließen an den Verein LSVD+.
- Weltweites Interesse: Modenschau „I Wool Survive“ wurde 2025 in New York präsentiert.
Acht Prozent schwule Schafe
Das Projekt wurde 2023 von Nadia Leytes und dem Schäfer Michael Stücke aus Löhne gegründet. Ziel sei es, Tiere zu retten, die in der konventionellen Landwirtschaft als „unproduktiv“ gelten. Etwa acht Prozent der Schafböcke zeigen dabei laut Schätzungen kein Paarungsverhalten mit weiblichen Tieren und würden in der Massentierhaltung häufig aussortiert. Michael Stücke erklärte, man überprüfe die Tiere zunächst während der Paarungszeit mit weiblichen Schafen. Nur wenn kein Paarungsverhalten festgestellt werde, würden sie in die sogenannte Regenbogenherde aufgenommen. „Das ist ein klares Zeichen dafür, dass er nicht interessiert ist“, sagte Stücke über die Tiere. Zur Integration in die Herde ergänzte er: „Dann nehmen wir ihn in unsere Herde auf… und dann passiert ziemlich viel, wenn Sie wissen, was ich meine. Das passiert wirklich innerhalb weniger Minuten.“
Internationale Kooperation und Modeprojekt
2024 startete das Projekt größer durch, unter anderem auch durch prominente Unterstützung. 2025 wurde das Projekt dann von der Dating-App Grindr kontaktiert. Ziel sei gewesen, die Initiative international bekannter zu machen. Stücke gab an, die App zunächst nicht gekannt zu haben. „Ich begann zu verstehen, welche Kraft diese Plattform hat: wie sie es schafft, schwule Menschen weltweit miteinander zu verbinden, auch in Ländern, in denen Homosexualität noch illegal ist. Da habe ich verstanden, wie viel wir gemeinsam im Bereich Aufklärung erreichen können.“
Aus der Zusammenarbeit entstand die Modemarke „I Wool Survive“, entwickelt mit Designer Michael Schmidt. Die Kollektion wurde im November 2025 in New York präsentiert und besteht nach Angaben aus der Wolle der geretteten Tiere. Schmidt beschrieb den Besuch auf der Farm als prägend und sprach von einem friedlichen Umfeld für die Tiere. Auch Grindr-Chef George Arison äußerte sich zur Bedeutung des Projekts und verwies auf die Situation in vielen Ländern, in denen Homosexualität kriminalisiert sei.
Persönliche Geschichte und Verlust
Das Projekt ist auch von einem persönlichen Schicksal geprägt. Johan, Ehemann von Michael Stücke, erhielt 2021 eine Krebsdiagnose und starb am 4. Januar 2026. Er habe das Projekt maßgeblich mitgetragen. „Johan war das Herz dieses Projekts“, sagte Nadia Leytes. „Es war unsere gemeinsame Leidenschaft, zu dritt. Vor seinem Tod sagte er uns, dass Rainbow Wool weitergehen müsse, ebenso wie die Farm, weil dieses Projekt eine positive Botschaft in einer Welt vermittelt, die zunehmend von Feindseligkeit und Anti-LGBTIQ+-Kampagnen geprägt ist.“
Hilfe für rund 2.000 Menschen
Die Initiative ist als Non-Profit organisiert. Alle Einnahmen werden nach eigenen Angaben an den LSVD+ gespendet. Nach Angaben der Initiatoren konnten inzwischen rund 2.000 Menschen unterstützt werden, die aus Ländern geflohen seien, in denen Homosexualität strafbar ist. Sie seien nach Europa gebracht worden. Ein Teil der Kollektion „I Wool Survive“ soll versteigert werden, weitere Stücke gehen in die Produktion. Die Einnahmen sollen weiterhin das Projekt und die Farm finanzieren.
Designer Michael Schmidt sagte abschließend: „Es ist außergewöhnlich zu denken, dass all dies aus der Initiative eines einzelnen Mannes entstanden ist. Die Handlungen einer Person auf der anderen Seite der Welt haben Tausende Leben berührt. Das zeigt, dass jeder von uns einen Unterschied machen kann, wenn er sich traut, sich zu engagieren und auf eine Realität aufmerksam zu machen, die gesehen werden sollte.“ Er ergänzte: „Letztlich ging es mir darum, die absurde Idee zu widerlegen, Homosexualität sei eine Entscheidung. Genau darum geht es im gesamten Projekt. Wenn Homosexualität auch im Tierreich existiert, beobachtbar, dokumentierbar und wissenschaftlich nachweisbar, dann hält das Argument der ‚freien Wahl‘ nicht mehr stand. Schafe wählen nicht, ob sie schwul oder heterosexuell sind. Sie sind es einfach.“