Polizeirazzia in Sierra Leone Dutzende schwule Männer festgenommen
Die Polizei in Sierra Leone hat eine private Feier für schwule Männer in der Hauptstadt Freetown durchsucht. Schauplatz der Razzia war das Hill Valley Hotel in den Hügeln oberhalb der Stadt. Nach Angaben der Zeitung Daybreak News nahm die Polizei dabei „Dutzende“ Männer fest.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Polizei in Sierra Leone hat eine private Party für schwule Männer in Freetown durchsucht.
- Nach Angaben der Zeitung Daybreak News wurden „Dutzende“ Männer festgenommen.
- Zwischen 50 und 60 Menschen sollen an der Feier im Hill Valley Hotel teilgenommen haben.
- Der LGBTIQ+-Aktivist George Reginald Freeman Browne und sein Partner Edwin Bolaji Deen konnten der Festnahme entgehen.
- Gegen beide wurden Haftbefehle wegen „Homosexualität und sozialer Aktivitäten von LGBTIQ+“ erlassen.
- Sierra Leone verfügt weiterhin über ein aus der britischen Kolonialzeit stammendes Gesetz, das homosexuelle Handlungen zwischen Männern mit bis zu lebenslanger Haft bedroht.
- Menschenrechtsorganisationen berichten von Diskriminierung, Gewalt, Erpressung und willkürlichen Festnahmen.
Razzia im schwulen Safe Space
Wie viele Menschen tatsächlich genau in Gewahrsam genommen wurden und ob sich Festgenommene weiterhin bei der Polizei befinden, ist aktuell unklar. George Reginald Freeman Browne, Geschäftsführer der LGBTIQ+-Organisation Pride Equality, sprach von etwa 50 bis 60 Gästen, einige hätten allerdings fliehen können, sagte er. Freeman Browne selbst war mit seinem Partner, dem Aktivisten Edwin Bolaji Deen, bei der Feier. Beide verließen die Veranstaltung nach seinen Angaben, als die Polizei eintraf. Gegen sie wurden später Haftbefehle erlassen. Die Vorwürfe lauten auf „schwule Homosexualität und soziale Aktivitäten von LGBTIQ+“, die nach Darstellung der Polizei „geeignet waren, den öffentlichen Frieden zu stören“. Für Hinweise, die zur Festnahme der beiden führen, bietet die Polizei eine „großzügige“ Belohnung an.
Weitere Aktivisten erklärten, die Veranstaltung sei „als seltener sicherer Ort für Schwule gedacht“ gewesen. Die Polizei betonte weiter, während dieser Zusammenkunft gingen „Männer einvernehmlichen sexuellen Aktivitäten“ nach, da viele Schwule in Sierra Leone keine sicheren oder privaten Orte haben, um Intimität auszuleben. Es war außerdem eine der wenigen Gelegenheiten für Homosexuelle, intime Zeit mit ihren Partnern und Freunden zu verbringen, so die Aktivisten weiter.
Altes Gesetz gegen Homosexualität
Sierra Leone ist ein kleiner englischsprachiger Staat an der westafrikanischen Atlantikküste. Das Land hält bis heute an einem Gesetz aus dem Jahr 1861 fest, das während der britischen Kolonialherrschaft eingeführt wurde. Es sieht für Männer, die wegen „Buggery“ – damit sind unter anderem homosexuelle Handlungen gemeint – schuldig gesprochen werden, Gefängnisstrafen von zehn Jahren bis lebenslang vor. Das Gesetz wurde auch nach der Unabhängigkeit Sierra Leones 1961 beibehalten.
Seine Durchsetzung hatte bislang jedoch offenbar keine hohe Priorität. Der Human Dignity Trust berichtete nun allerdings: „Es gibt begrenzte Hinweise darauf, dass das Gesetz in den vergangenen Jahren durchgesetzt wurde. Homosexuelle Personen waren in den vergangenen Jahren gelegentlich Festnahmen und willkürlicher Inhaftierung ausgesetzt, allerdings scheint es keine Strafverfahren nach diesem Gesetz gegeben zu haben, weder erfolgreiche noch erfolglose.“ In letzter Zeit habe sich die Lage aber offensichtlich verschärft. Zudem gebe es seit Jahren Berichte über Diskriminierung und Gewalt gegen LGBTIQ+-Personen. Genannt werden unter anderem Übergriffe, Drohungen, Belästigung, Erpressung, die Ablehnung durch Familien sowie die Verweigerung grundlegender Rechte und Dienstleistungen.
In der LGBTIQ+-Gemeinschaft herrscht nach aktuellen Berichten deswegen große Angst. Dazu tragen auch lokale Medien bei, die regelmäßig polizeiliche Fahndungsaufrufe veröffentlichen. Teilweise werden dabei Belohnungen für Informationen über Menschen ausgelobt, die der Homosexualität verdächtigt werden. Freeman Browne erklärte dazu, „das koloniale Gesetz wird immer noch als Druckmittel benutzt, um von LGBTIQ+-Personen Geld zu erpressen“.
Aktivist berichtet von der Razzia
Freeman Browne schilderte den Ablauf der Polizeiaktion ausführlich: „Mitten in der Nacht stürmten etwa zehn Polizisten ins Hotelzimmer herein, während sich rund 50 oder 60 Gäste dort versammelt hatten. Es war eindeutig eine Razzia gegen Schwule, und die Polizei suchte offenbar nach Kondomen und Gleitmitteln oder anderen belastenden Beweisen, die die Anwesenheit einer Polizeistreife rechtfertigen könnten. Da es im Hotel zwei Ausgänge gab, konnten einige von uns fliehen. Dennoch wurden andere Menschen festgenommen. Außerdem erhielt ich Anrufe von unbekannten Nummern auf meinem Mobiltelefon. Böswillige Personen versuchten, mich zu erpressen. Ich kann nicht erklären, wer hinter diesen Aktionen steckt oder wie meine Telefonnummer bekannt geworden ist.“
Dieselben Fragen stellen sich offenbar auch im Zusammenhang mit der Organisation der Party – nämlich, von wem und wie die Polizei darüber informiert wurde, dass diese Party an einem privaten Ort stattfand. „Das ist besorgniserregend. Auch mein Partner Edwin Bolaji Deen wird von der Polizei gesucht, und Mitglieder seiner Familie wurden bereits zu seinem Aufenthaltsort befragt. Was mich betrifft, wurde mir erst vor wenigen Tagen die Rückkehr nach Spanien verweigert, als ich zum Flughafen ging, obwohl ich sowohl spanischer als auch sierra-leonischer Abstammung bin. Auf ziemlich verwirrende Weise wurde mir gesagt, dass ich die Voraussetzungen für die Ausreise aus Sierra Leone nicht erfülle. Das fand ich sehr seltsam“, so Freeman Browne weiter.
Für Freeman Browne ist die Razzia allerdings kein Einzelfall, 2013 war er erstmals bereits nach Spanien geflüchtet, um homophoben Angriffen und Todesdrohungen in Sierra Leone zu entgehen, kam später aber in seine Heimat wieder zurück. Der aktuelle Polizeieinsatz hat damit nicht nur die Frage nach der Durchsetzung des historischen Gesetzes gegen Homosexualität neu aufgeworfen. Er verstärkt auch die Sorgen innerhalb der schwul-lesbischen Gemeinschaft über mögliche weitere Festnahmen und den Umgang der Behörden mit sexuellen Minderheiten.