Mehr gesellschaftliche Akzeptanz und eine wachsende Sichtbarkeit homosexueller Menschen haben nach Einschätzung des früheren Fußballprofis Mario Basler ein entscheidendes Tabu im deutschen Profifußball bislang nicht beseitigt. Ein Coming-Out während der aktiven Karriere hält der 57-Jährige weiterhin für kaum möglich. Er befürchtet massive Anfeindungen gegen einen offen homosexuellen Spieler.
Das Wichtigste im Überblick
- Ex-Fußballprofi Mario Basler hält ein Coming-Out während einer aktiven Profikarriere in Deutschland weiterhin für äußerst schwierig.
- Ein offen schwuler Spieler wäre nach seiner Einschätzung einem „Spießrutenlaufen“ ausgesetzt und würde „so zerstört werden“.
- Basler bezeichnet die Situation im deutschen Fußball als „katastrophal“ und betont zugleich seine Offenheit gegenüber der homosexuellen Community.
- Während seiner eigenen Karriere habe er keinen schwulen Mitspieler als solchen kennengelernt, sagt Basler.
- Das Coming-Out des früheren Nationalspielers Thomas Hitzlsperger begrüßt Basler.
- Kritik übt er jedoch daran, dass dieser nun von anderen Spielern "verlange", sich während ihrer aktiven Zeit zu outen.
Karriere-Ende nach Outing
Basler sprach darüber mit der Komikerin Hella von Sinnen (67) in deren Podcast „Gestatten, von Sinnen!“. Auf die Frage, wie er Homosexualität während seiner eigenen Zeit als Fußballprofi erlebt habe, erklärte Basler, ihm sei kein entsprechender Fall persönlich bekannt gewesen. Von Sinnen verwies darauf, dass es schon aus statistischen Gründen damals wie heute homosexuelle Profifußballer gegeben haben müsse. „Ich kann nur sagen: Ich hab es nicht kennengelernt, ich weiß es nicht“, sagte Basler. Unter Spielern habe man „natürlich auch Vermutungen angestellt“. Für einen Profi, der während seiner aktiven Laufbahn offen über seine Homosexualität gesprochen hätte, wären die Folgen nach Baslers Einschätzung allerdings gravierend gewesen. „Das Problem war nur, wenn du dich in der deutschen Bundesliga geoutet hättest als Spieler, dass du homosexuell bist, hättest du sofort aufhören können.“
„Spießrutenlaufen“ für Schwule
Basler betonte zugleich, selbst offen und tolerant gegenüber der homosexuellen Community zu sein. Für ihn spiele die sexuelle Orientierung eines Menschen keine Rolle. Er habe kein Problem damit, „ob eine Frau lesbisch ist, ob ein Mann schwul ist. Das ist mir alles egal.“ Die Situation innerhalb des Profifußballs beurteilt der frühere Nationalspieler jedoch deutlich pessimistischer. Auch heute sei es in Deutschland seiner Ansicht nach „fast nicht möglich, dich zu outen“. Ein Spieler müsse anschließend mit einem „Spießrutenlaufen“ rechnen. Den Zustand bezeichnete Basler als „katastrophal“. Jeder Mensch müsse unabhängig von seiner sexuellen Orientierung die Möglichkeit haben, Sport auszuüben. Für einen aktiven Fußballprofi sieht er bei einem Coming-Out dennoch erhebliche Gefahren. Ein „Spieler, der sich outet, der hat – ich übertreibe es jetzt ein bisschen – keine Überlebenschance“, so Basler und weiter: „Der würde so zerstört werden.“
Hitzlspergers Coming-Out
Im Gespräch erinnerte von Sinnen auch an den früheren deutschen Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Dieser hatte sich 2014 nach dem Ende seiner Profikarriere öffentlich als homosexuell geoutet. Basler bewertete das Coming-Out grundsätzlich positiv, kritisierte jedoch Hitzlspergers damaligen Umgang mit der Frage, ob sich andere homosexuelle Profis bereits während ihrer Karriere öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen sollten. „Ich fand es super, aber ich fand schlecht, dass er gesagt hat, die Spieler sollen sich auch outen, wenn sie noch spielen“, sagte Basler. Er selbst habe sich damals gefragt: „Warum hat er es nicht gemacht?“ Nach Baslers Ansicht hätte Hitzlsperger bei einem früheren Coming-Out während seiner aktiven Karriere eine Vorbildfunktion für andere homosexuelle Spieler übernehmen können. „Er hätte ja auch ein Jahr vorher sagen können: 'Ich bin homosexuell.' Hat er ja auch nicht getan und das dann von anderen zu verlangen, fand ich nicht gut.“
Von Sinnen betont Sichtbarkeit
Von Sinnen widersprach der Interpretation, Hitzlsperger habe von anderen Spielern ein Coming-Out verlangt. Sie vermutete vielmehr, dass hinter dessen Äußerungen weniger ein „Verlangen“ als ein „Hoffen“ gestanden habe. Die Komikerin sieht öffentliche Coming-Outs prominenter Menschen als Möglichkeit, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. „Es wäre einfach so großartig, wenn in diesen medienwirksamen Berufen sich mehr Mädchen und Jungs outen würden, damit sich mehr verändert in dieser Gesellschaft“, sagte von Sinnen. Dabei verwies die 67-Jährige auch auf ihre eigene Biografie. Von Sinnen hatte sich bereits 1990 öffentlich als lesbisch geoutet. Aus ihrer persönlichen Erfahrung beschrieb sie ein offenes Leben mit der eigenen sexuellen Orientierung als befreiend: „Wir alle wissen, nachdem wir uns geoutet haben, wie viel besser es sich lebt, wie viel glücklicher du lebst, wenn du zu deiner Liebe stehen kannst.“