Direkt zum Inhalt

Polen: Homosexuelle gewinnen Gerichtsstr Konservative Hardliner aus Polen sind wütend über “Einschränkung der Traditionen“

Von ms - 29.06.2022 - 10:30 Uhr
“LGBT-freie Zonen“ sind und bleiben rechtswidrig
Foto: IMAGO / Eastnews
ANZEIGE
Loading audio player...

Die LGBTI*-Community in Polen feiert einen juristischen Sieg – Auslöser des Gerichtsverfahrens war die Entscheidung einiger polnischer Gemeinden aus dem Jahr 2019, sich zu “LGBT-freien Zonen“ zu erklären. Zahlreiche lokale Behörden in Polen hatten sich diesem Bekenntnis angeschlossen und zudem festgehalten, dass sie keine "LGBT-Ideologie" dulden wollen. Angestachelt worden waren viele, überwiegend stark katholisch geprägte Gemeinden dazu von religiösen Konservativen – stets mit der Begründung, die traditionellen Werte wahren und Kinder vor Homosexuellen schützen zu wollen. In den "LGBT-freien Zonen" sollte jede “Förderung von Homosexualität“ insbesondere an Schulen verboten werden.

LGBTI*-Aktivisten und Menschenrechtsgruppen kritisierten das Vorgehen in den letzten Jahren immer wieder ebenso wie die Europäische Kommission, die alsbald offiziell erklärte, dass hierbei ein klarer Verstoß gegen das EU-Recht zur Nichtdiskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung vorliege. Schlussendlich wurden die "LGBT-freien Zonen“ durch den polnischen Ombudsmann für Menschenrechte vor Gericht angefochten, die ersten neun Gemeinde-Beschlüsse mussten so wieder aufgehoben werden. Die Staatsanwaltschaft, die ultrakonservative Denkfabrik Ordo Iuris und die betroffenen Gemeinden legten daraufhin Berufung gegen diese Urteile ein.

In den ersten vier Fällen wurden die Berufungen jetzt gestern vom obersten polnischen Berufungsgericht zurückgewiesen – die "LGBT-freien Zonen" müssen in vier Gemeinden abgeschafft werden, ein erneuter Einspruch ist nicht mehr möglich. Es ist anzunehmen, dass gerade auch durch Druck von Seiten der EU die Entscheidung so eindeutig ausgefallen ist – die Frage um die "LGBT-freien Zonen" birgt aktuell auch eine große Gefahr in puncto EU-Finanzierung für polnische Gemeinden in sich. Die EU-Kommission hatte erst letzte Woche eine Klausel in ihr Partnerschaftsabkommen mit Polen aufgenommen, die es Gemeinden mit "LGBT-freien Zonen" künftig unmöglich machen würde, Mittel aus dem EU-Haushalt bis 2027 zu erhalten. Auch anderweitig bestätigten Abgeordnete der EU inzwischen, dass Gemeinden, die eine von der EU als diskriminierend beurteilte Politik verfolgen, künftig keine Mittel mehr für Infrastruktur, Umwelt und einige andere Bereiche erhalten würden.

LGBTI*-Organisationen und polnische Aktivisten feierten die höchstrichterliche Entscheidung als Sieg für die Menschenrechte und die Demokratie, es gehe dabei gerade auch um den „Respekt für alle Menschen", so die polnische Kampagne gegen Homophobie. Von Seiten der konservativen Hardliner stieß das Urteil wenig überraschend auf Unverständnis; Kabinettsminister Michal Wojcik, ein Mitglied der konservativen Partei Vereinigtes Polen, erklärte: "Wenn Stadträte entscheiden, dass sie unsere Traditionen und Identität unterstützen wollen, ist das ihr souveränes Recht. Niemand sollte dies einschränken dürfen!“ Die LGBTI*-Aktivisten aus Polen sind sich indes sicher, dass jetzt auch die anderen Gemeinden schrittweise durch weitere Gerichtsurteile dazu aufgefordert werden, die Erklärung zur “LGBT-freien Zone“ zurücknehmen zu müssen. 

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

DER STANDARDHomophobe Hassdelikte: Fast jeden Tag ein FallBerliner MorgenpostNach Razzia gegen queeres Gesundheitsprojekt: Demo in Berlin angekündigtSWRGrüner Sozialminister BW sorgt sich um Minderheiten: Hildenbrand will "Anwalt" der queeren Community seinFalterBlauland: Zum Jubiläum ein Regenbogen-HirschgeweihAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie wichtig ist dir ein LGBTIQ+-freundliches Arbeitsumfeld bei der Wahl eines Arbeitgebers?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Heated Rivalry im Kino

Romanze auf großer Leinwand

„Heated Rivalry“ kommt im November in britische und US-Kinos. Zugleich erscheint ein weiterer Film mit Hauptdarsteller Connor Storrie.
Letzte Küsse in der Kutsche

Romantik auf Abschiedstour

New York hat das Ende der Pferdekutschen im Central Park beschlossen. Für schwule Paare verschwindet damit ein besonders romantisches Erlebnis.
Schwuler Volleyballstar

Japan erlebt einen Wandel

Japans Volleyballprofi Rui Takahashi spricht über sein Coming-Out, die Angst vor dem Karriereende und die Unterstützung seines Bruders Ran.
Schwere Vorwürfe gegen Graham

Drei schwule Sexarbeiter berichten

Drei Sexarbeiter behaupten in einer neuen Dokumentation, vom verstorbenen US-Senator Lindsey Graham für sexuelle Kontakte bezahlt worden zu sein.
Haiti verschiebt die Wahlen

Zehn Jahre ohne Urnengang

Haitis Wahlen werden erneut verschoben. LGBTIQ+-Aktivisten warnen vor wachsender Unsicherheit und einer politischen Krise ohne absehbares Ende.
Neue Vorwürfe in Turkmenistan

Psychiatrie wird zum Albtraum

Neue Berichte über Zwangseinweisungen und Misshandlungen zeigen die dramatische Lage homosexueller Menschen in Turkmenistan.
Gewalt gegenüber Asexuellen

Studie zeigt starke Diskriminierung

Ein neuer internationaler Bericht dokumentiert Gewalt und Diskriminierung gegen asexuelle Menschen und fordert besseren gesetzlichen Schutz.
Regenbogenfamilien im Fokus

Rund 300 Menschen feiern Vielfalt

Bei der Regenbogenfamilienkonferenz in Mannheim forderten LGBTIQ+-Familien mehr rechtliche Sicherheit, Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung
„Glee“-Stars kehren zurück

Diese Stars sind wieder dabei

Die Musicalserie „Glee“ bekommt eine Neuauflage bei Disney+ und Hulu. Die ersten Stars der Originalbesetzung haben jetzt ihre Rückkehr bestätigt.