Mut auf der Judomatte Coming-Out von Timo Cavelius mit großer Signalwirkung
Der deutsche Judoka Timo Cavelius hat in einer persönlichen Kolumne auf sein Coming-Out und dessen Bedeutung für seinen sportlichen und persönlichen Weg zurückgeblickt. Der 28-Jährige, der bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris als erster offen schwuler Judoka im olympischen Männer-Wettbewerb Geschichte schrieb, beschreibt sein Outing als sehr bewusste Entscheidung.
Das Wichtigste im Überblick
- Timo Cavelius war bei den Olympischen Spielen 2024 der erste offen schwule Judoka im olympischen Männer-Wettbewerb.
- Seinen Eltern und Teamkollegen gegenüber outete er sich bereits 2015, öffentlich folgte das Coming-Out 2020.
- In einer Kolumne schildert der deutsche Spitzensportler seine Ängste vor Ablehnung und die positive Reaktion seines Umfelds.
- Cavelius möchte heute selbst ein Vorbild für homosexuelle Sportlerinnen und Sportler sein.
- Für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles hat er sich sportlich hohe Ziele gesetzt.
Angst vor Ablehnung blieb unbegründet
Seinen Eltern und seinen Teamkollegen sagte Cavelius bereits 2015, dass er schwul ist. Öffentlich machte er seine Homosexualität fünf Jahre später. In der Sport Pride-Reihe des Berliner Tagesspiegels erklärte der Judoka, warum er sich damals zu diesem Schritt entschloss: „Alles wurde mir ein bisschen zu viel: die Weltmeisterschaften, der Leistungsdruck, mein Abitur und – obendrauf – die Notwendigkeit, mein wahres Ich zu verstecken. Was mich am meisten belastete, war nicht das Coming-Out selbst, sondern die Frage, wie die anderen reagieren würden.“
Vor seinem Coming-Out habe er befürchtet, von seinem Umfeld ausgegrenzt zu werden oder Hass und Ablehnung zu erfahren. Auch die Sorge, von seinen Teamkollegen anders behandelt zu werden, habe ihn beschäftigt. Die Reaktionen seien jedoch durchweg positiv gewesen. „Mein Team bestand aus Athleten mit ganz unterschiedlichen Nationalitäten – zum Beispiel aus Russland und Serbien. Alle reagierten positiv“, schrieb Cavelius. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm die Reaktion eines Mannschaftskollegen. „Einer der besten Athleten der Mannschaft nahm mich beiseite und sagte: ‚Timo, ich habe überhaupt kein Problem damit. Solange du auf der Matte Leistung bringst, ist das für mich völlig in Ordnung.‘ Eine riesige Last fiel von meinen Schultern.“
Stereotype aufbrechen
Nach Einschätzung des Judoka überraschte viele Menschen vor allem, dass sein maskulines Auftreten nicht den gängigen Klischees über homosexuelle Männer entsprach. „Ich glaube, das war für Kinder und Erwachsene gleichermaßen ein Augenöffner: Homosexualität zieht sich durch die gesamte Bevölkerung. Es gibt maskuline schwule Männer genauso wie androgyne heterosexuelle Männer.“ Cavelius sieht seine Offenheit heute auch als Chance, Vorurteile abzubauen und die Wahrnehmung homosexueller Männer im Spitzensport zu verändern. Nach seiner Einschätzung habe seine Sichtbarkeit außerdem dazu beigetragen, beiläufige Homophobie im Judosport einzudämmen.
Als Vorbild nennt der deutsche Nationalkämpfer die Olympiasiegerin Yvonne Bönisch, die heute Cheftrainerin der österreichischen Judo-Nationalmannschaft ist. „Die erfolgreichste deutsche Judoka und Olympiasiegerin ist mit einer Frau verheiratet und hat mit ihr ein Kind. Das hat mir früh gezeigt, dass Homosexualität kein Zeichen von Schwäche ist“. Heute wolle er selbst diese Vorbildfunktion übernehmen. „Und jetzt versuche ich selbst, diese Rolle einzunehmen, auch wenn das mit einem gewissen Druck verbunden ist – vor allem mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Ich bin aus Paris ohne Medaille zurückgekehrt. Dieses Mal soll es anders laufen.“