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Flucht vor Putins Armee Asylkampf in Deutschland und lebensgefährliche Rückführungen

Von ms - 21.07.2026 - 11:30 Uhr
Flucht vor Putins Armee
Foto: iStock / dikushin
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Russische Männer, die sich dem Krieg gegen die Ukraine entziehen, leben in diesen Tagen verstärkt mit der Angst vor einer Rückkehr nach Russland. Besonders homosexuelle Soldaten fürchten staatliche Repressionen, gesellschaftliche Ausgrenzung und mögliche Verfolgung, viele von ihnen wurden in den letzten Jahren zum Dienst an der Waffe gezwungen, anderenfalls drohten hohe Haftstrafen. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Russische Deserteure riskieren bei einer Rückkehr nach Russland Verfolgung, Haft und Misshandlung.
  • Homosexuelle sind zusätzlichen Repressionen ausgesetzt.
  • Viele Deserteure erhalten in Deutschland nur schwer Schutz.
  • Menschenrechtler warnen vor Abschiebungen nach Russland.

Dramatische Lage

Seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 hat Russland die Kontrolle über Regierungskritiker und Minderheiten weiter verschärft. Die LGBTIQ+-Bewegung wurde von russischen Behörden als „extremistische Organisation“ eingestuft. Zudem gelten Gesetze, die öffentliche Äußerungen, Veranstaltungen und Darstellungen zugunsten homosexueller Menschen stark einschränken, das Anti-Homosexuellen-Gesetz wurde 2022 deutlich verschärft. Menschenrechtsorganisationen berichten von einer dramatischen Lage und einem wachsendem Druck auf Schwule, Lesben und queere Personen.

Bericht eines Betroffenen

Zu den Menschen, die aus Russland geflohen sind, gehört Nikita Swesdow. Als der Krieg begann, war er 15 Jahre alt. Kurz nach seinem 18. Geburtstag wurde er im April 2024 zum Militär eingezogen, so der junge Mann gegenüber der Deutschen Welle. Zuvor war er von einer Berufsschule in Krasnojarsk verwiesen worden. Swesdow ist überzeugt, dass man ihn gezielt am Bestehen seiner Prüfungen gehindert habe, um ihn einziehen zu können. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht. Seine Einberufung erhielt Swesdow persönlich in seiner Wohnung. Im Mai 2024 kam er zur Militäreinheit Nr. 25573 bei Ussurijsk. Über die Einheit gibt es Berichte über Todesfälle, Schikanen, Erpressungen und Gewalt gegen Soldaten.

Nach seiner Darstellung wurden Wehrpflichtige bereits auf dem Weg zur Einheit gedrängt, langfristige Verträge mit der Armee zu unterschreiben. „Ich versprach mir und meiner Familie, keinen Vertrag zu unterschreiben“, sagt Swesdow. Er habe nie am Krieg gegen die Ukraine teilnehmen wollen. „Man schickte mich zum Übungsgelände. Offiziere bestraften Wehrpflichtige dort für alles Mögliche, vielen schossen sie sogar in die Beine. Wir mussten 200 Liegestützen mit Gasmaske machen, 50 Runden in einer kugelsicheren Weste mit 25 bis 30 Kilogramm Zusatzgewicht laufen.“

Swesdow berichtet, dass er in seiner Verzweiflung versucht habe, sich das Leben zu nehmen. Später habe ihn ein Oberfeldwebel unter Androhung strafrechtlicher Verfolgung gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben. Seine Geschichte sei kein Einzelfall. Wegen Personalmangels würden zahlreiche Wehrpflichtige unter Druck gesetzt, sich länger an die Armee zu binden. Mehrere Soldatenmütter berichteten dem unabhängigen russischen Portal ASTRA, ihre Söhne seien getäuscht und eingeschüchtert worden und hätten so Verträge unterschrieben.

Flucht nach Europa

Einen Monat nach der Vertragsunterzeichnung wurde Swesdow nach eigenen Angaben informiert, dass er zu Sturmtruppen im besetzten ukrainischen Gebiet bei Melitopol geschickt werden sollte. „Mir blieb nichts anderes, als zu fliehen“, sagt er. Nachdem er seinen ersten Sold von 40.000 Rubel (etwa 450 Euro) erhalten hatte, beantragte er Urlaub. Während dieser Zeit warf er seine Uniform weg, packte seine Sachen und floh nach Armenien. Erst Monate später wurde er wegen Fahnenflucht zur Fahndung ausgeschrieben. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits weitergereist – zunächst nach Bosnien-Herzegowina und anschließend nach Kroatien, wo er politisches Asyl beantragte. Im Dezember 2025 reiste Swesdow nach Deutschland weiter und stellte auch hier einen Asylantrag. Die deutschen Behörden lehnten diesen ab und verwiesen ihn nach der Dublin-Verordnung an Kroatien, das als erstes EU-Einreiseland für den Fall zuständig sei.

Schwieriger Schutz für Deserteure

Menschenrechtsaktivisten kritisieren, dass russische Deserteure in Deutschland nur geringe Chancen auf Asyl hätten. Der Menschenrechtsaktivist Alexej Koslow von der Berliner Organisation Solidarus erklärt, frühere politische Zusagen, Kriegsdienstverweigerung und Desertion als Schutzgründe anzuerkennen, seien nicht ausreichend gesetzlich abgesichert. Nach deutschem Recht reiche eine Mobilisierung oder ein möglicher Einsatz an der Front allein nicht automatisch für Asyl aus. Entscheidend sei, ob eine individuelle politische Verfolgung vorliege. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erklärte gegenüber der Deutschen Welle, Asylverfahren seien immer Einzelfallprüfungen. „Ein Schutz wird nur gewährt, wenn auch eine tatsächliche individuelle, begründete Furcht vor Verfolgung vorliegt“, teilte die Behörde mit. Homosexualität könnte so ein Grund sein, muss aber in vielen Fällen nachgewiesen und belegt werden. 

Berichte über Misshandlungen

Menschenrechtsgruppen berichten zugleich von schweren Misshandlungen gegen russische Soldaten, die sich dem Krieg verweigern. Das Portal ASTRA dokumentierte nach eigenen Angaben 29 illegale Gefängnisse für Kriegsdienstverweigerer und Homosexuelle. Dort sollen Soldaten unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten, geschlagen, gefoltert oder erpresst worden sein. „Sie bringen Soldaten mit Säcken über dem Kopf dorthin. Sie bekommen nichts zu essen. Wenn man auf die Toilette muss, bekommt man einen kleinen Beutel. Wir wurden mit Ketten an Armen und Beinen an der Decke aufgehängt“, erzählt ein Betroffener. 

Angst vor Abschiebung

Auch in Deutschland droht russischen Deserteuren eine Rückkehr. Nach Angaben des Bundestages wurden 2025 insgesamt 126 Menschen direkt nach Russland abgeschoben. Im Mai 2026 hob das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg eine frühere Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin auf, die einem russischen Wehrpflichtigen Schutz zugesprochen hatte. Das Gericht sah die Risiken für den Mann nicht als ausreichend schwerwiegend an. Für homosexuelle Russen kann eine Rückkehr zusätzliche Gefahren bedeuten. Menschenrechtsorganisationen berichten von Diskriminierung, staatlicher Überwachung und Strafverfahren gegen Personen, die sich öffentlich für LGBTIQ+-Rechte einsetzen. Besonders für homosexuelle Soldaten kann die Rückkehr nach Russland mit weiteren Risiken verbunden sein, da Homosexualität zwar nicht selbst strafbar ist, öffentliche Sichtbarkeit aber zunehmend kriminalisiert und verfolgt wird.

Nachdem sein Asylantrag in Deutschland abgelehnt worden war, erhielt Swesdow Kirchenasyl. Eine evangelische Gemeinde in der Nähe von Aachen nahm ihn auf und schützt ihn damit vor einer unmittelbaren Abschiebung. Swesdow wartet nun auf den 30. Juli. Ab diesem Zeitpunkt würde Deutschland für seinen Fall zuständig werden. Sollte sein Asylantrag erneut abgelehnt werden, weiß er nach eigenen Angaben nicht, wie es weitergeht. Wahrscheinlich würde er versuchen, in einem Land außerhalb der Europäischen Union Schutz zu finden.

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