Eine unvollständige Kirche Exklusiv-Interview mit Weihbischof Ludger Schepers
Der Essener Weihbischof Ludger Schepers (73) ist seit 2023 der erste Queer-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Ein Amt und eine Tätigkeit, die viele LGBTIQ+-Menschen mitunter zunächst erstaunen mag. SCHWULISSIMO wollte es genauer wissen und bat den Weihbischof zum Exklusiv-Interview.
Welche Motivation ist die Basis Ihres Engagements?
Auf diese Frage kann ich eigentlich nur ganz persönlich und emotional antworten, denn mein Engagement ist kein kirchenpolitisches Pflichtprogramm, sondern tief in meiner eigenen Biografie verwurzelt. Wenn ich zurückdenke, zieht sich eine feste Lebenseinstellung wie ein roter Faden durch mein Leben: Seit meiner Jugend bin ich regelrecht allergisch gegen jede Art von Diskriminierung. Das fing damals ganz konkret in der Schule an und wurde später massiv durch mein geschichtliches Bewusstsein geprägt – durch das Wissen um die Gräuel der Nazizeit und die systematische Verfolgung eben nicht nur von Jüdinnen und Juden, sondern ganz gezielt auch von Homosexuellen und anderen Gruppierungen. Für mich war immer klar: Als Christ darf ich niemals wegschauen, wenn Menschen ausgegrenzt werden. Mein innerer Antrieb ist der feste Glaube an eine Kirche, die für jeden Menschen ein sicherer, schützender Ort sein muss – ohne Ausnahme.
Wie definieren Sie ihre Arbeit als Queer-Beauftragter?
Wenn ich mein tägliches Tun in einem einzigen Wort zusammenfassen müsste, dann lautet es: vernetzen, vernetzen und nochmals vernetzen. Das ist das Herzstück meiner Aufgabe. Ich verstehe mich in dieser Rolle nicht als einsamer Entscheider, sondern als Brückenbauer und Knotenpunkt in einem riesigen, wachsenden Netzwerk. Im Alltag bedeutet das ganz konkret, die Verbindung zu halten zwischen den neu installierten Queer-Beauftragten in den fast allen deutschen Bistümern, den katholischen Schulträgern, den Verbänden und vor allem den schwul-lesbischen und queeren Initiativen selbst. Mein wichtigstes Ziel ist es, Räume zu schaffen, in denen diese unterschiedlichen Akteure verlässlich miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen austauschen und voneinander lernen können. Daraus leitet sich auch mein zentraler Arbeitsschwerpunkt ab: Bewusstsein schaffen und das Thema queerer Menschen in unserer Kirche hellwach und präsent halten. Es darf nicht mehr passieren, dass dieses Anliegen hinter verschlossenen Türen verschwindet oder in den Schubladen der Bürokratie in Vergessenheit gerät. Wir müssen die Lebensrealitäten queerer Christinnen und Christen immer wieder auf das Tableau der Bischofskonferenz und in die Mitte der Gemeinden bringen. Es geht darum, aus Papier gelebte Wirklichkeit zu machen. Kurz gesagt: Mein Alltag ist es, die Fäden im Hintergrund so zusammenzuknüpfen, dass eine Kultur der Wertschätzung in unserer Kirche unumkehrbar wird.
Können Sie verstehen, dass manche LGBTIQ+-Menschen irritiert sind, wenn sie erstmals von einem katholischen Queer-Beauftragten hören?
Ich kann diese Skepsis und das pure ungläubige Staunen nicht nur vollkommen verstehen – ich halte es auch für absolut berechtigt. Wenn man die offizielle, oft verletzende Rhetorik der Vergangenheit im Ohr hat, klingt ein „Queer-Beauftragter der Bischofskonferenz“ im ersten Moment wie ein Widerspruch in sich, fast wie ein PR-Gag. Wir schauen als Kirche nun mal auf eine jahrhundertelange Geschichte der Ausgrenzung zurück. Dass Menschen da misstrauisch sind, ist die logische Folge. Ich begegne dieser Diskrepanz mit zwei Dingen: schonungsloser Ehrlichkeit und konkretem Handeln. Erstens: Ich rede die Situation nicht schön. Das Amt ist kein Zeichen dafür, dass plötzlich alles gut ist. Es ist vielmehr das Eingeständnis der Bischöfe, dass wir hier eine riesige Baustelle und eine Bringschuld haben. Und zweitens erwidere ich den Skeptikern: Schauen Sie nicht auf die Titel, schauen Sie auf die Bewegung. Inzwischen gibt es in fast allen deutschen Bistümern Beauftragte für queere Pastoral. Die Einsetzung auf Bundesebene war kein Alibi, sondern das institutionalisierte Eingeständnis, dass queere Menschen Teil von Gottes Schöpfungsplan und damit ganz selbstverständlich Teil unserer Kirche sind. Meine Aufgabe ist es nicht, ein schönes Bild nach außen zu malen, sondern im ständigen, manchmal auch harten Dialog mit meinen Amtsbrüdern und dem Vatikan dicke Bretter zu bohren, damit aus dieser anfänglichen Irritation irgendwann eine verlässliche, angstfreie Normalität für alle Gläubigen wird.
Welche Veränderungen konnten Sie bereits anstoßen?
In einer Institution wie der katholischen Kirche misst man Veränderungen selten in Quantensprüngen. Es sind oft die kleinen, beharrlichen Schritte, die am Ende das Fundament verschieben. Aber wenn ich auf die letzten Jahre blicke, dann haben wir ganz konkrete und wegweisende Meilensteine erreicht. Ein ganz wesentlicher Erfolg ist die Veröffentlichung der vielbeachteten Arbeitshilfe „Geschaffen, erlöst, geliebt“ für katholische Schulträger. Damit haben wir für die Praxis vor Ort ein starkes Werkzeug geschaffen, um queeren Jugendlichen an unseren Schulen endlich mit Wertschätzung, Schutz und Offenheit zu begegnen. Ein weiterer Meilenstein liegt quasi druckreif auf dem Tisch: das Synodalpapier „Geschlechtliche Vielfalt“. Natürlich sage ich auch ganz offen: Es ist noch unheimlich viel Luft nach oben, und der Weg vor uns ist lang. Aber das Thema Queersein ist in unserer Kirche heute so präsent wie nie zuvor. Es lässt sich nicht mehr zurückdrängen – und diese unumkehrbare Präsenz ist vielleicht der größte Erfolg von allen.
Wie nehmen Sie die Stimmung innerhalb der katholischen Kirche wahr?
Ich nehme die Stimmung als zutiefst ambivalent wahr – und ehrlich gesagt spiegelt die Kirche hier in weiten Teilen das wider, was wir momentan auch in unserer Gesellschaft erleben. Wir dürfen ja nicht die Augen davor verschließen, dass der Umgang mit queeren Menschen auch im gesellschaftlichen Diskurs wieder rauer, polarisierter und ambivalenter geworden ist. Die Kirche ist kein luftleerer Raum; diese gesellschaftlichen Spannungen spüren wir eins zu eins in unseren Reihen. Auf der einen Seite erlebe ich einen wunderbaren, tiefen Zuspruch. Es gibt so viele Seelsorgerinnen und Seelsorger, so viele Gemeinden und engagierte Gläubige, die das Thema mit einer unglaublichen Empathie, Offenheit und theologischen Weitsicht vorantreiben. Sie leben längst eine Kirche, in der jeder Mensch ohne Vorbehalte willkommen ist. Auf der anderen Seite begegnet mir aber auch nach wie vor offene, schmerzhafte Ablehnung. Aber genau deshalb ist unsere Arbeit so wichtig: Es geht darum, die Sprachlosigkeit zwischen diesen Lagern zu überwinden, Räume für echte Begegnung zu schaffen und unmissverständlich klarzumachen, dass die Würde des Menschen nicht verhandelbar ist – weder in der Gesellschaft noch in der Kirche.
Wo stoßen Sie intern auf die größten Widerstände?
Die größten Widerstände sind selten an einzelnen Personen oder bestimmten Gruppen festzumachen. Sie liegen vielmehr in einer tief sitzenden, strukturellen Kultur der Angst vor Veränderung und im Beharren auf dem vermeintlich Vertrauten. In einer Institution, die über Jahrhunderte hinweg auf Stabilität und absolute Eindeutigkeit ausgerichtet war, löst das Zulassen von Vielfalt und neuen Perspektiven bei manchen verständlicherweise Verunsicherung aus. Der größte Widerstand ist oft eine tief verwurzelte Sprachlosigkeit und die Sorge, durch Reformen das eigene theologische Fundament zu verlieren. Es geht gar nicht primär um bösen Willen, sondern um die Sorge vor Kontrollverlust und das Aufbrechen von Gewohnheiten. Mein Ansatz ist es daher, diesen Widerständen nicht mit Konfrontation zu begegnen, sondern mit Geduld.
Wie beurteilen Sie, dass gleichgeschlechtliche Segnungen bislang nur etwa in jedem zweiten deutschen Bistum angeboten werden?
Ich möchte hier ungern in eine schematische Bewertung von „guten“ und „schlechten“ Bistümern einsteigen. Viel entscheidender als diese Prozentrechnung ist die theologische und pastorale Realität, die dahintersteht: Mit dem Dokument Fiducia supplicans hat Papst Franziskus eine Tür in der Weltkirche geöffnet, die niemand mehr zuschlagen kann. Es ist nun offiziell möglich, Paare zu segnen, die in – wie es kirchenrechtlich heißt – irregulären oder schwierigen Verhältnissen leben. Dass es dazu in anderen Teilen der Welt, etwa in Afrika, große theologische Bedenken gibt, gehört zur Realität einer Weltkirche. Das müssen wir aushalten. Mir ist wichtig: Wenn zwei Menschen Verantwortung füreinander übernehmen und ihren Lebensweg gemeinsam im Vertrauen auf Gott gehen wollen, dann müssen wir ihnen diesen Segen zusprechen können. Wichtig ist, dass der Segen Gottes da ist, wo Menschen lieben.
Was bedeutet diese Uneinheitlichkeit für die Glaubwürdigkeit?
Lassen Sie mich mit einer Gegenfrage antworten: Ist Einheitlichkeit im Sinne von Uniformität überhaupt der erstrebenswerte Zustand für eine lebendige Kirche? Ich glaube nicht. Dass in einer Weltkirche gerungen, diskutiert und auch gestritten wird, ist völlig normal und historisch gesehen sogar zutiefst katholisch. Uneinheitlichkeit an sich beschädigt die Glaubwürdigkeit nicht – es ist die Vielfalt des Lebens. Was die Glaubwürdigkeit wirklich massiv beschädigt, ist etwas ganz anderes: Es ist die Polemik, die wir aktuell erleben. Wir sehen an vielen Stellen eine gewollte Spaltung, die nur dazu dient, die eigene Position um jeden Preis zu festigen oder zu rechtfertigen. Da wird dem Gegenüber pauschal die theologische oder pastorale Kompetenz abgesprochen, oft nur, um die eigene Verunsicherung zu kaschieren und sich in der eigenen Komfortzone abzusichern. Der entscheidende Schritt ist, dass wir endlich in eine echte Diskussion einsteigen und die destruktive Polemik hinter uns lassen. Wir müssen den Streit versachlichen und aufhören, ihn künstlich zu emotionalisieren. Erst wenn wir lernen, unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten, ohne den anderen sofort als unkatholisch oder rückschrittlich zu stigmatisieren, kommen wir als Kirche wirklich ein Stück weiter.
Wie erleben Sie das Verhältnis zwischen der deutschen Kirche und dem Vatikan in puncto Sexualmoral?
Die mediale Wahrnehmung suggeriert hier oft eine unüberwindbare Spaltung, aber das greift viel zu kurz. Und vor allem: Alles immer nur auf die Sexualmoral zu reduzieren, ist schlichtweg zu einfach. Wir müssen als Kirche endlich aufhören, den Menschen permanent in die Schlafzimmer zu schauen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Die Menschen in unserer Gesellschaft – und damit auch in der Kirche – bewegen heute ganz andere, viel existenziellere Fragen. Wie ist eine gerechte Gesellschaft möglich? Wie können wir Räume schaffen, in denen sich jeder Mensch mit seinen individuellen Fähigkeiten und Talenten frei entwickeln und ein für ihn sinnhaftes Leben führen kann – und zwar ohne andere Menschen abzuwerten oder auszustoßen? Wir erleben doch gerade in Deutschland eine massive gesellschaftliche Verschiebung, ein besorgniserregendes Erstarken der AfD und eine Polarisierung, die bis in die junge Generation hineinreicht. Wir sehen junge Menschen, die plötzlich wieder ein Menschen- und Gesellschaftsbild teilen, das wir eigentlich längst für überwunden hielten – ein Bild, das auf Ausgrenzung, Nationalismus und der Abwertung des Anderen basiert. Die wahre Konfliktlinie – oder besser gesagt – die wahre Herausforderung für uns Bischöfe, ob in Deutschland oder im Vatikan, ist es, dem gemeinsamen christlichen Menschenbild wieder Geltung zu verschaffen. Wir müssen als Kirche eine klare, unüberhörbare Stimme für die Würde jedes einzelnen Menschen und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sein.
Wie gehen Sie damit um, dass deutsche Reformbestrebungen immer wieder auf Ablehnung im Vatikan stoßen?
Ich will da gar nichts beschönigen: Diese Spannung geht mir nah, und sie ist manchmal verdammt schwer auszuhalten. Es gibt Tage, da macht sich auch bei mir eine tiefe Frustration breit. Wenn man sieht, mit wie viel Herzblut, Hoffnung und auch Schmerz unzählige Menschen an diesen Reformen arbeiten, und dann kommt das nächste Nein aus Rom – das tut weh. Das ist kein theoretischer Konflikt, das ist eine emotionale Zerreißprobe. Als Weihbischof weiß ich sehr genau um meine Grenzen. Ich sitze nicht an den ganz großen Hebeln der Weltkirche, ich kann die großen Dekrete nicht im Alleingang umschreiben. Aber ich habe gelernt, mich von dieser Ohnmacht nicht lähmen zu lassen. Mein persönlicher Weg mit dieser Spannung umzugehen, liegt im Alltag, in den konkreten Begegnungen vor Ort. Da, wo ich bin, kann ich meinen Beitrag leisten. Und dieser Beitrag heißt für mich: der Versuchung zur Polemik widerstehen, auch wenn die Wut groß ist. Im Gespräch bleiben, gerade dann, wenn es schmerzt. Und vor allem: den Menschen zutiefst zuhören. Die Weltkirche verändert sich vielleicht quälend langsam, aber das Reich Gottes beginnt im Kleinen, von Mensch zu Mensch.
Droht aus Ihrer Sicht ein Zerwürfnis?
Das Wort „Zerwürfnis“ oder gar „Spaltung“ wird schnell in den Mund genommen, aber ich sehe diese Gefahr nicht als unausweichlich an. Ja, die Spannungen sind real, und sie sind schmerzhaft. Aber das Ringen um den richtigen Weg gehört zur DNA der Kirche, seit es sie gibt. Wir sind eine Weltkirche – das bedeutet per Definition, dass wir eine enorme Vielfalt an kulturellen, gesellschaftlichen und historischen Kontexten in uns tragen. Ein Zerwürfnis droht nur dann, wenn wir Einheit mit Uniformität verwechseln. Es muss eine legitime Vielfalt der pastoralen Wege geben. Was in Deutschland heute an der Zeit und dringend notwendig ist, braucht in anderen Teilen der Welt vielleicht noch einen längeren Prozess des Reifens. Dabei möchte ich aber eines ganz unmissverständlich klarstellen: Für mich ist die Zuwendung zu queeren Menschen und die Anerkennung ihrer Würde und ihrer Partnerschaften keine Frage von modernem Zeitgeist, sondern eine fundamentale Konsequenz aus der Liebe Gottes zu jedem einzelnen Menschen. Diese Haltung ist für mich nicht verhandelbar.
Wie wichtig ist die persönliche Haltung von Bischöfen vor Ort?
Sie ist nicht nur wichtig – sie ist im Grunde der alles entscheidende Schlüssel. Wir können die besten Reformpapiere schreiben und die klügsten Beschlüsse fassen, aber wenn diese Texte nicht von einer spürbaren, gelebten Haltung getragen werden, bleiben sie für die Menschen vor Ort totes Papier. Glaubwürdigkeit entscheidet sich an Gesichtern, nicht an Aktenzeichen. Für mich bedeutet persönliche Haltung vor allem eins: die Bereitschaft, mich radikal auf Menschen einzulassen, die vielleicht ganz anders leben, ganz anders lieben und ganz anders denken als ich selbst. Ein Bischof darf kein ferner Verwalter von Prinzipien sein. Er muss den Mut haben, die Komfortzone der eigenen Gewissheiten zu verlassen, hinzuhören und sich von den Lebensrealitäten queerer Menschen berühren und auch hinterfragen zu lassen.
Was sagen Sie queeren Gläubigen, die sich von der Kirche verletzt fühlen?
Am Anfang kann und darf hier kein theologisches Argument stehen, sondern nur ein ganz ehrliches Eingeständnis: Es tut mir zutiefst leid. Wir müssen als Kirche den Mut haben auszusprechen, dass wir durch Sprache, durch Ausgrenzung und durch eine enge Moraltheologie tiefe Wunden geschlagen haben – Wunden, die oft Generationen überdauern. Wenn Sie mich nach meiner konkreten Botschaft fragen, dann ist es diese: Sie sind kein Fehler der Schöpfung. Sie sind absolut gewollt, Sie sind gesegnet und Sie sind ein integraler Teil dieser Kirche. Ihr Glaube und Ihre Identität sind kein Widerspruch. Und ich möchte den Menschen zurufen: Lassen Sie sich Ihren Platz in dieser Kirche von niemandem absprechen. Die Kirche ist ohne Sie schlicht unvollständig. Ihre Präsenz und Ihre Stimme sind prophetisch – sie halten der Institution den Spiegel vor und fordern uns heraus, die radikale Weite des Evangeliums endlich ernst zu nehmen.
Wie können queere Menschen Kirche als Heimat neu erleben?
Es reicht jedenfalls nicht mehr aus, die Türen nur ein bisschen anzulehnen und von einer „Willkommenskultur“ zu sprechen. Niemand möchte bloß geduldet werden. Wir müssen an die Architektur ran. Heimat entsteht doch erst dort, wo ich mich nicht mehr erklären, rechtfertigen oder verstellen muss. Damit Kirche zur Heimat wird, braucht es eine strukturelle und theologische Weiterentwicklung. Es geht um die flächendeckende, offene Etablierung von Segensfeiern, um echte Sichtbarkeit in kirchlichen Ämtern und um ein Arbeitsrecht, das Vielfalt schützt, statt sie zu bedrohen. Solange Menschen Angst haben müssen, wegen ihrer Identität diskriminiert zu werden, bleibt das Versprechen von „Heimat“ brüchig. Wir müssen den Schritt von der bloßen Duldung zur echten Gleichberechtigung gehen.
Was bedeutet für Sie „Seelsorge auf Augenhöhe“ im Umgang mit LGBTIQ+-Gläubigen?
Für mich bedeutet das vor allem eins: die radikale Symmetrie der Würde. Wir müssen als Seelsorgende die Perspektive des Belehrenden endgültig verlassen. Ich begegne einem Menschen doch nicht als normative Instanz oder als jemand, der ein vermeintliches „Mängelwesen“ korrigieren muss. Auf Augenhöhe zu agieren heißt: zuerst hinhören. Den Schmerz und die Erfahrungen mit der Institution aushalten, ohne sie sofort wegzuerklären. Und es bedeutet, das Gewissen des Einzelnen als die oberste Instanz bedingungslos zu respektieren. Ich maße mir kein Urteil über die Liebes- und Beziehungsfähigkeit eines Menschen an. Seelsorge auf Augenhöhe sucht gemeinsam nach den Spuren Gottes im Leben des Gegenübers. Es ist Begleitung, kein Dozieren – wir sind schlicht Mitreisende im Glauben, die die Vielfalt der Schöpfung als Bereicherung begreifen.
Herr Weihbischof Schepers, vielen Dank für das Gespräch.