Direkt zum Inhalt

Eine Chance auf Gerechtigkeit? Hassverbrechen im Fokus australischer Sonderkommission

Von ms - 02.11.2022 - 15:00 Uhr
Letzte Chance auf Gerechtigkeit?
Foto: iStock / Marccophoto
ANZEIGE
Loading audio player...

Es ist eine letzte Chance auf Gerechtigkeit, die eine Sonderkommission in Australien jetzt ermordeten homosexuellen Männern zukommen lassen möchte. Die Untersuchung blickt dabei auf die Morde von insgesamt mindestens 88 schwulen Männern, die zwischen 1976 und dem Jahr 2000 in Sydney stattgefunden haben und bis heute unaufgeklärt sind. Der Grund dafür ist so banal wie erschreckend: Das homophobe Verhalten der polizeilichen Ermittler verhinderte die Aufklärung der Fälle.

88 Morde im Fokus der Ermittlungen

Viele Angehörige, Freunde, ehemalige Partner und die ganze australische LGBTI*-Community legt viel Hoffnung auf die Untersuchungen, die heute im Bundesstaat New South Wales (NSW) starteten. Unter der Leitung von Richter John Sackar begann die Sonderkommission zur Untersuchung von Hassverbrechen am Mittwoch mit ihrer ersten Anhörung. In den 1980er Jahren erreichten während der Aids-Epidemie die Morde an homosexuellen Männern ihren Höhepunkt, wobei die tatsächliche Zahl der ermordeten Schwulen geschätzt viel höher liegen dürfte. Bei den jetzt belegten 88 Fällen von Mord will die Sonderkommission nun versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen.

Hass und Angst befeuerten die Täter

Die Gründe für diese Welle von tödlichen Hassverbrechen sind vielfältig: Zum einen wurde Homosexualität generell bis in die 1990er Jahre hinein noch kriminalisiert, zum anderen kanalisierte sich in den gewalttätigen Taten auch die Angst und Ablehnung vor HIV und Aids. Erst 1994 wurde in Australien Homosexualität legal, seit Januar 2018 können gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Die Stimmung und Einstellung gegenüber Homosexuellen sind indes bis heute sehr unterschiedlich ausgeprägt, vor allem in ländlichen und stark religiös geprägten Regionen ist der Hass auf Schwule und Lesben noch stark präsent. Viele Bildungseinrichtungen sind bis heute zudem unter christlicher Führung, die in den Schulleitlinien bis heute Homosexualität ablehnen.

Sonderkommission sichtete 100.000 Dokumente

"Gerechtigkeit in diesen Fällen wurde lange hinausgezögert und lange erwartet. Dies könnte die letzte Chance sein, die Wahrheit über einige dieser historischen Todesfälle ans Licht zu bringen. Wir brauchen jeden, der uns dabei helfen kann", so Peter Gray, der leitende Rechtsberater der Untersuchung, zu den ungelösten Mordfällen in der Vergangenheit. Die größte australische Gesundheitsorganisation für Sexualität, ACON, hatte dafür bereits so gut wie möglich alle Mordfälle sowie die zur Verfügung stehenden Fakten katalogisiert. Die meisten Homosexuellen waren mit Messern erstochen, stranguliert oder erschossen worden. Einige Fälle weisen besonders grausame Tötungen auf, allesamt seihen sie höchstwahrscheinlich durch “Schwulenhass“ motiviert gewesen.

In den vergangenen fünf Monaten hat ein Team aus unabhängigen Anwälten, Notaren und Ermittlern insgesamt mehr als 100.000 Dokumente aus 40 Jahren Polizei- und Gerichtsarbeit durchforstet. Auslöser der Untersuchung war ein Beschluss des Parlaments aus dem Jahr 2019. Der Bericht hielt auch klar fest, dass die Polizei von Sydney sowie dem ganzen Bundesstaat New South Wales ihrer Verantwortung für eine ordnungsgemäße Untersuchung der Hassverbrechen gegen Homosexuelle nicht nachgekommen war. Ein Jahr zuvor hatte die Polizei selbst eingeräumt, in der Vergangenheit versagt zu haben. Im Juni 2023 sollen die Sonderkommission jetzt ihren fertigen Bericht dem Gouverneur vorlegen.  

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

DER STANDARDHomophobe Hassdelikte: Fast jeden Tag ein FallBerliner MorgenpostNach Razzia gegen queeres Gesundheitsprojekt: Demo in Berlin angekündigtSWRGrüner Sozialminister BW sorgt sich um Minderheiten: Hildenbrand will "Anwalt" der queeren Community seinFalterBlauland: Zum Jubiläum ein Regenbogen-HirschgeweihAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie wichtig ist dir ein LGBTIQ+-freundliches Arbeitsumfeld bei der Wahl eines Arbeitgebers?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Heated Rivalry im Kino

Romanze auf großer Leinwand

„Heated Rivalry“ kommt im November in britische und US-Kinos. Zugleich erscheint ein weiterer Film mit Hauptdarsteller Connor Storrie.
Letzte Küsse in der Kutsche

Romantik auf Abschiedstour

New York hat das Ende der Pferdekutschen im Central Park beschlossen. Für schwule Paare verschwindet damit ein besonders romantisches Erlebnis.
Schwuler Volleyballstar

Japan erlebt einen Wandel

Japans Volleyballprofi Rui Takahashi spricht über sein Coming-Out, die Angst vor dem Karriereende und die Unterstützung seines Bruders Ran.
Schwere Vorwürfe gegen Graham

Drei schwule Sexarbeiter berichten

Drei Sexarbeiter behaupten in einer neuen Dokumentation, vom verstorbenen US-Senator Lindsey Graham für sexuelle Kontakte bezahlt worden zu sein.
Haiti verschiebt die Wahlen

Zehn Jahre ohne Urnengang

Haitis Wahlen werden erneut verschoben. LGBTIQ+-Aktivisten warnen vor wachsender Unsicherheit und einer politischen Krise ohne absehbares Ende.
Neue Vorwürfe in Turkmenistan

Psychiatrie wird zum Albtraum

Neue Berichte über Zwangseinweisungen und Misshandlungen zeigen die dramatische Lage homosexueller Menschen in Turkmenistan.
Gewalt gegenüber Asexuellen

Studie zeigt starke Diskriminierung

Ein neuer internationaler Bericht dokumentiert Gewalt und Diskriminierung gegen asexuelle Menschen und fordert besseren gesetzlichen Schutz.
Regenbogenfamilien im Fokus

Rund 300 Menschen feiern Vielfalt

Bei der Regenbogenfamilienkonferenz in Mannheim forderten LGBTIQ+-Familien mehr rechtliche Sicherheit, Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung
„Glee“-Stars kehren zurück

Diese Stars sind wieder dabei

Die Musicalserie „Glee“ bekommt eine Neuauflage bei Disney+ und Hulu. Die ersten Stars der Originalbesetzung haben jetzt ihre Rückkehr bestätigt.