Direkt zum Inhalt

Digitale Sucht LGBTI*-Jugendliche sitzen rund zehn Stunden täglich vor Bildschirmen – vier Stunden mehr als gleichaltrige Heterosexuelle

Von ms - 05.08.2024 - 14:00 Uhr
Digitale Sucht
Foto: iStock / RapidEye
ANZEIGE
Loading audio player...

Eine neue Studie der Universität von Kalifornien lässt aufhorchen: LGBTI*-Jugendliche im Alter zwischen 10 und 14 Jahren verbringen rund vier Stunden pro Tag mehr vor ihren Smartphones und an anderweitigen Bildschirmen als gleichaltrige heterosexuelle Minderjährige. 

Insgesamt sind sie damit mehr als zehn Stunden täglich beschäftigt – ob Fernsehen, YouTube-Videos, Videospiele, SMS, soziale Medien, Videochats oder das generelle Surfen im Internet, die queere Gen-Z ist ganz vorne mit dabei. Für die Studie unter Leitung von Jasan M. Nagata wurden die Daten von rund 10.400 jungen Menschen aus verschiedenen Ländern in Europa, den USA sowie auch Brasilien und Australien ausgewertet.

Flucht in die digitale Welt?

Nach Angaben der Autoren der Studie könnte gerade die Tatsache, seine eigene Homosexualität verstecken zu müssen oder schlicht, nicht vollständig man selbst sein zu können, der maßgebliche Aspekt für das besondere Online-Verhalten von LGBTI*-Jugendlichen sein. 

Dazu kommen oftmals dann auch noch Ausgrenzungserfahrungen. Außerdem würden homosexuelle Jugendliche gerade aufgrund ihrer sexuellen Orientierung deutlich häufiger auch von außerschulischen Aktivitäten ausgeschlossen werden, beispielsweise einem Treffen mit Freunden – das schafft zusätzlich Raum für mehr Zeit vor den Bildschirmen. Dabei zeigen sich auch Unterschiede zwischen homosexuellen Jungs und Mädchen – die Jungs verbringen deutlich mehr Zeit mit Videospielen, darunter auch jenen, die eigentlich nicht für ihr Alter bestimmt sind.  

Vorschub von gesundheitlichen Problemen

Die Forscher sind sich sicher, dass der generelle Trend bezüglich des steigenden Online-Konsums von LGBTI*-Minderjährigen auch in vielen westlichen Ländern wie Deutschland anzufinden ist, die Daten aus mehreren Ländern deuten dabei alle in die gleiche Richtung. Die Entwicklung ist klar: Weg von einem Freundeskreis aus Fleisch und Blut, hin zu verstärkt sozialen Strukturen und Freundschaften im digitalen Raum. 

Allerdings könne dies nach Angaben der Autoren zu verstärkten gesundheitlichen Problemen führen: „Die Bildschirmnutzung wird mit verschiedenen negativen Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit in Verbindung gebracht, zum Beispiel mit Depressionen, Angstzuständen, Selbstmordgedanken, schlechtem Schlaf und kardiometabolischen Erkrankungen.“

Letzte Rettung Internet?

Das überdies Absurde: Je mehr Zeit LGBTI*-Jugendliche online verbringen, desto höher ist auch die Gefahr, selbst Opfer von digitalen Angriffen, dem Online-Bullying, zu werden. Auf der anderen Seite können geschützte Räume für homosexuelle und queere Minderjährige gerade auch auf dem Land wichtige Angebote darstellen, um sich mit Gleichaltrigen überhaupt austauschen zu können. 

Zusammengefasst halten die Autoren so weiter fest: „Jugendliche, die einer sexuellen Minderheit angehören, sind häufiger von Mobbing, Diskriminierung und psychischen Problemen betroffen und nutzen möglicherweise bildschirmbasierte Aktivitäten, um Kontakte zu knüpfen und Unterstützung zu finden, um sich aus einer ansonsten unsicheren oder isolierenden Umgebung zu retten.“

Weg in die Online-Sucht

Bisher war über die Zusammenhänge zwischen sexueller Orientierung und Bildschirmnutzung wenig bekannt, insbesondere in der frühen Jugend, wenn viele Jugendliche ihre Sexualität noch erforschen. Endgültige Schlussfolgerungen gäbe es dabei allerdings auch jetzt noch nicht, die Daten legten aber eine unheilvolle Verbindung zwischen spezifischen Problemen von LGBTI*-Jugendlichen und einem steigenden Bildschirmkonsum nahe. Noch weniger Informationen gibt es darüber hinaus über unheilvolle Entwicklungen, in denen aus der Bildschirmzeit bei LGBTI*-Jugendlichen auch eine Bildschirmsucht werden kann.

Um hier zu helfen, bedürfe es einer individuelleren Beratung für LGBTI*-Jugendliche und nicht eines Einheitsansatzes, der hier oftmals aufgrund der anderen Ausgangslage gar nicht greifen kann, wie die American Academy of Pediatrics dazu festhält. „Die aktuelle Studie kann als Grundlage für eine individuellere Beratung dienen, insbesondere für heranwachsende Jungen und Mädchen aus sexuellen Minderheiten. Eltern, Lehrer und Kinderärzte sollten sich darüber im Klaren sein, dass Jugendliche aus sexuellen Minderheiten mit höherer Wahrscheinlichkeit einen problematischen Bildschirmkonsum aufweisen als ihre heterosexuellen Altersgenossen, und auf Warnzeichen für einen problematischen Bildschirmkonsum achten, wie zum Beispiel Stimmungsschwankungen, Konflikte, weniger Toleranz, Rückzug und Rückfall.“

Der „seltsame Einzelgänger“ 

Ganz neu ist der Rückzug in eine „andere Welt“ von jungen Homosexuellen dabei nicht, wie die Autoren weiter festhalten, denn bereits frühere Untersuchungen zeigten, dass „Jugendliche, die einer sexuellen Minderheit angehören, mehr Zeit mit nicht-aktiven Freizeitaktivitäten verbringen, zum Beispiel Lesen, Singen, Spielen von Musikinstrumenten.“  Der klassische „seltsame Einzelgänger“ eben.

Die neue Studie indes beschäftigt sich erstmals mit diesem Rückzugsverhalten in die digitale Welt. „Insgesamt deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass Jugendliche, die einer sexuellen Minderheit angehören, einen unverhältnismäßig hohen Anteil ihrer Zeit mit Bildschirmaktivitäten verbringen.“

Digitale Welten – Fluch und Segen zugleich 

Als Fazit wird von den Autoren so festgehalten: „Jugendliche, die einer sexuellen Minderheit angehören, haben ein höheres Risiko, in der Schule viktimisiert zu werden, und es ist wahrscheinlicher, dass sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung von Gleichaltrigengruppen ausgeschlossen werden als heterosexuelle Jugendliche. Dies könnte erklären, warum Jugendliche, die einer sexuellen Minderheit angehören, weniger Zeit mit traditionellen sozialen oder außerschulischen Aktivitäten in der Schule verbringen und mehr Zeit mit bildschirmgestützten Aktivitäten verbringen. Im Gegensatz dazu ist es möglich, dass virtuelle soziale Netzwerke über SMS, soziale Medien und das Internet eine Ressource für Jugendliche aus sexuellen Minderheiten darstellen, um mit anderen LGBTI*-Jugendlichen oder -Erwachsenen in Kontakt zu treten und von ihnen Unterstützung zu erhalten, die in ihren lokalen Gemeinschaften möglicherweise nicht vorhanden sind. Die Bildschirmmodalität mit dem stärksten Zusammenhang mit dem Status einer sexuellen Minderheit waren YouTube-Videos. YouTube und andere Ressourcen im Internet können im Vergleich zum traditionellen Fernsehen als Quelle für LGBTI* -orientierte Inhalte für Jugendliche aus sexuellen Minderheiten dienen, die ihre Identität erkunden.“ 

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

Frankfurter Allgemeine Zeitung„LGBT-Propaganda“: Warum die Türkei wirklich gegen ein renommiertes Onlineportal vorgehtndIslamismus und Rechtsextremismus | Incels mit und ohne GottSüddeutsche ZeitungInterview: „Wer keinen Ärger kriegt, hat auch keinen Ärger gemacht“Frankfurter Allgemeine ZeitungPressefreiheit: Nachrichtenseite „T24“ in der Türkei wegen „LGBT-Propaganda“ gesperrtAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie sollte das Abstammungsrecht für Regenbogenfamilien geregelt werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Kevin Williams ist tot

Abschied von frühen Adultstar

Kevin Williams, einer der bekanntesten schwulen Pornodarsteller der 1980er- und 1990er-Jahre, ist Ende September mit 60 Jahren gestorben.
Dame Esther Rantzen ist tot

Viele Jahre Einsatz für LGBTIQ+

Dame Esther Rantzen ist mit 86 Jahren gestorben. Die britische Moderatorin und Aktivistin setzte sich über Jahrzehnte für LGBTIQ+-Menschen ein.
Cooper Kim holt Gold

Gold beim internationalen Debüt

Der schwule Turner Cooper Kim gewinnt bei seinem internationalen Debüt Gold am Reck – und setzt damit sein erfolgreiches Jahr nach dem Coming-Out fort.
Frankreich spricht über Gewalt

Männer brechen ihr Schweigen

In Frankreich rückt sexuelle Gewalt gegen Männer stärker in den Fokus – besonders schwule und bisexuelle Männer sind betroffen.
Zweites Coming-Out In Japan

Volleyball-Profi Reon Arao ist out

Japans Volleyball-Profi Reon Arao spricht öffentlich über Identität, Geschlechterrollen und die schwierige Entscheidung zum Coming-Out.
Streitfall trans* Athletinnen

Klage gegen Sportverein gescheitert

Streitfall trans* Athletinnen: Eine Klage gegen den Sportbund NCAA wurde abgewiesen, ohne Klärung des Klagegrundes. Klägerin Gaines geht in Berufung.
Doppelmord in Arizona

Polizei nennt neue Details

Nach zwei Morden vor einer schwulen Bar in Tucson Arizona haben Ermittler jetzt Hinweise auf ein mögliches schwulenfeindliches Motiv gefunden.
Schärferes Extremismusrecht

„Traditionelle Werte“ in Russland

Ein russischer Gesetzentwurf soll den Extremismusbegriff radikal auf Ideologien ausweiten, die sich gegen „traditionelle Werte“ richten.
LGBTIQ+-Rechte unter Druck

Neue Gesetze verschärfen Risiken

UN-Experte Graeme Reid warnt vor wachsender Diskriminierung von LGBTIQ+-Menschen – besonders gefährdet seien Menschen in Haft.