Direkt zum Inhalt
Die digitale Welt

Die digitale Welt Neue Studie der ILGA World spricht von einer „digitalen Kluft“ in der weltweiten LGBTI*-Community

ms - 21.02.2024 - 10:00 Uhr
Loading audio player...

Wie wirkt sich der Zugang zur digitalen Welt des Internets auf Minderheiten wie die LGBTI*-Community aus, besonders dann, wenn dieser eingeschränkt ist oder gänzlich fehlt? Mit dieser Frage beschäftigte sich erstmals jetzt eine Studie der ILGA World.

LGBTI*-Menschen und die digitale Kluft

Die internationale LGBTI*-Organisation spricht dabei von einer „digitalen Kluft“, von der in besonderer Weise Schwule und Lesben betroffen sind. Es ist die erste Studie dieser Art, erarbeitet von dem gemeinnützigen Verband The Engine Room unter Einbeziehung von Daten und Erfahrungsberichten von Menschenrechtsaktivisten aus allen Regionen der Welt.

„LGBTI*-Menschen empfinden den digitalen Raum als revolutionär. Es kann eine Gemeinschaft schaffen, Aktionen und Bewegungen bündeln und Instrumente bereitstellen, mit der man besser Gehör findet – gerade auch in sehr feindseligen Umgebungen“, so Daniele Paletta, Kommunikationsmanager bei ILGA World und Herausgeber des Berichts. „Allerdings sind diese Möglichkeiten jedoch nicht für alle gleichermaßen verfügbar. Bis heute sind 2,6 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt offline. Für den Rest der Weltbevölkerung hängt der Zugang zu digitalen Ressourcen von der Überwindung von Barrieren ab.“

Ein Studienteilnehmer aus Uganda berichtet so: „Der Zugang zu einer Gemeinschaft ist das, was den meisten von uns Kraft gibt. Die Gewissheit, dass man nicht allein ist und dass es jemanden gibt, der mit einem auf diesem Weg zusammenarbeitet, gibt uns die meiste Kraft.“ In dem afrikanischen Land trat im letzten Jahr eines der schlimmsten Anti-Homosexuellen-Gesetze in Kraft, das auch die Todesstrafe für Schwule beinhaltet.

Pragmatische und besondere Probleme

Ganz pragmatisch hat der Zugang zum Internet natürlich etwas mit der generellen Verfügbarkeit, der digitalen Infrastruktur und den Kosten zu tun. LGBTI*-Menschen erleben dabei allerdings weitere spezifische Schwierigkeiten, die den Zugang erschweren oder unmöglich machen können – dazu gehören neben einer feindlichen Gesetzgebung auch eine gesellschaftliche Stigmatisierung. Dazu kommen je nach Land auch Filter diverser Plattform-Anbieter, die je nach Wunsch alle LGBTI*-Themen direkt entfernen.

Angst und Hass

Auch das Thema Angst spiele eine große Rolle, denn die Anonymität im digitalen Raum ist vielerorts nicht gegeben, was für Homosexuelle in Ländern mit homophoben Gesetzen eine besondere Gefahr darstellt – ein zuletzt sehr bekanntes Beispiel ist die Fahndung nach Schwulen in Ägypten über Dating-Apps.

Überdies stellen auch Aspekte wie digitale Hass-Gewalt und Online-Belästigung ein Problem für viele LGBTI*-Personen dar, besonders dann, wenn es im jeweiligen Land kaum oder keinen rechtlich wirksamen Schutz dagegen gibt. Die ILGA hält im Bericht weiter fest, dass gerade auch LGBTI*-Sexarbeiter durch die oftmals ausgrenzende Politik zunehmend mit gefährlichen Situationen, Überwachungen sowie Einschränkungen der Meinungsfreiheit zu kämpfen haben.  

Teufelskreis der digitalen Welt

„Die Online-Konnektivität hat unsere Arbeit als LGBTI*-Organisationen und unsere Präsenz als Einzelpersonen verändert. Aber sie schafft auch einen Teufelskreis: Diejenigen, die am verletzlichsten und wirtschaftlich benachteiligt sind, sind auch am schwierigsten zu erreichen und zu unterstützen. Sie sind gleichzeitig am stärksten von Online-Zensur, Sperrung und Belästigung betroffen, was sie der entscheidenden Möglichkeiten beraubt, für ihre Rechte einzutreten und eine Gemeinschaft aufzubauen“, so Julia Ehret, Geschäftsführerin von ILGA World.

Bis heute haben nach Angaben der LGBTI*-Organisation mindestens 54 UN-Mitgliedsstaaten Gesetze und Verordnungen geschaffen oder angewendet, um das Recht auf freie Meinungsäußerung in Bezug auf die sexuelle Orientierung zu beschränken In 61 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen gibt es derzeit Gesetze, die einvernehmliche gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen unter Strafe stellen.

Dazu kommt, dass die Angriffe gegenüber LGBTI*-Menschen im digitalen Raum weiter zunehmen, wie im letzten Jahr bereits die Europäische Beobachtungsstelle für digitale Medien (EDMO) festhielt – dabei sorgen gezielte Anti-LGBTI*-Falschinformationen zu einem gesteigerten Hass auf die LGBTI*-Community

Widerstandsfähigkeit der Community

Allerdings belegen die gesammelten Berichte in der Studie auch eindrucksvoll, dass sich viele LGBTI*-Menschen nicht unterkriegen lassen und eine „unglaubliche Widerstandsfähigkeit“ erreicht haben, wie die zwei Ko-Generalsekretärinnen der ILGA World, Luz Elena Aranda und Tuisina Ymania Brown, berichten: „Wir stehen an vorderster Front bei der Förderung der digitalen Inklusion für alle - sei es durch die Förderung des ländlichen Zugangs zu Internetdiensten und Schulungen zur digitalen Sicherheit, Mobilisierung im Kampf gegen feindliche Gesetzgebung, die Übersetzung von LGBTI*-bezogenen Materialien in lokale Sprachen, oder die Nutzung der relativen Sicherheit von Online-Räumen für die LGBTI*-Arbeit sowie zur Möglichkeit, die Community zu versammeln.“

Die Hoffnung sei groß, die digitale Kluft zu verringen, sodass künftig gerade jene LGBTI*-Menschen eine Stimme bekommen, die bisher ungehört bleiben. „Diejenigen zu erreichen, die systematisch an den Rand gedrängt werden, bleibt der Kern des Versprechens, niemanden zurückzulassen!“, so Aranda und Brown abschließend.

Die ILGA World ist ein weltweiter Zusammenschluss von mehr als 1.900 Organisationen aus über 160 Ländern und Territorien, die sich für die Menschenrechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen einsetzen.

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Schule zahlt nach Coming-Out

Streit um Abschluss in Tennessee

Eine christliche Schule in Tennessee hat nach dem Ausschluss einer Schülerin wegen ihres Coming-Outs eine Entschädigung von 10.000 Dollar gezahlt.
Amoklauf in Montreal

Schießerei nahe Pornhub-Hauptsitz

Drei Menschen starben bei einem Amoklauf in Montreal nahe der Pornhub-Zentrale. Der Täter hatte es unter anderem auf Pornodarsteller abgesehen.
Prides in Europa unter Druck

Mehr Hass und weniger Geld

Prides in Europa erleben zunehmend mehr Hass bei zeitgleicher Reduzierung der Finanzen, so der neue EPOA-Bericht.
Trans Pride Istanbul

Polizei löst Demo brutal auf

Beim Istanbul Trans Pride March sind mindestens zehn Menschen festgenommen worden, darunter auch zwei Journalisten.
Angriffe in Äthiopien

Schwuler Journalist attackiert

Selbstjustiz und Hetzjagden auf Schwule nehmen in Äthiopien deutlich zu, zuletzt wurde ein bekannter schwuler Journalist zum Opfer eines brutalen Mobs
Wahlverhalten in Amerika

Gespaltene Einstellungen in den USA

Jeder dritte US-Wähler wünscht sich Politiker, die sich gegen LGBTIQ+ aussprechen. Dabei ist LGBTIQ+ allerdings so gut wie nie wahlentscheidend.
Angriff nach WM-Partie

Deutscher Fan in Toronto verletzt

Ein deutscher Fußballfan berichtet von einem mutmaßlich homophoben Übergriff nach dem Besuch eines WM-Spiels in Kanada.
Festnahme in Thailand

Adult-Creator inhaftiert

Ein südkoreanischer Content-Creator von Erwachsenen-Inhalten ist in Thailand wegen expliziter Online-Inhalte und Drogenbesitzes festgenommen worden.
Italienische Pride-Kampagne

Video-Clip berührt hoch emotional

Ein Pride-Video eines italienischen Immobilienportals sorgt mit einer sehr emotionalen Geschichte über Akzeptanz für große Resonanz im Netz.