Noch bevor die erste Folge ausgestrahlt ist, sorgt eine geplante BBC-Dokumentation über die britische Schriftstellerin J.K. Rowling (61) bereits für viele Diskussionen. In Onlineforen der LGBTIQ+-Community wird darüber gestritten, wie der öffentlich-rechtliche Sender die umstrittenen Positionen der „Harry Potter“-Autorin zu trans* Rechten darstellen wird. Während Kritiker eine Verharmlosung ihrer Äußerungen befürchten, sehen Unterstützer in Rowling eine wichtige Stimme für Frauenrechte und Meinungsfreiheit.
Das Wichtigste im Überblick
- Neue BBC-Dokumentation: Der britische Sender plant für 2027 einen Zweiteiler über den Erfolg von „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling und ihre politischen Positionen.
- Kontroverse um trans* Rechte: Rowlings Aussagen zur Geschlechtsidentität stoßen seit Jahren auf Kritik aus Teilen der queeren Community.
- Unterstützung für die Autorin: Befürworter sehen in Rowling eine Verteidigerin geschlechtsbezogener Frauenrechte und der Meinungsfreiheit.
- Zwei Perspektiven: Die Dokumentation soll sowohl Rowlings literarischen Aufstieg als auch ihre Entwicklung zu einer polarisierenden öffentlichen Persönlichkeit untersuchen.
- Rowling selbst nicht dabei: Die Schriftstellerin weiß von der Produktion, wird dafür aber nicht interviewt.
Zweifel über Doku
In der Reddit-Community „transgenderUK“ äußerten Nutzer nach Bekanntwerden des Projekts Zweifel an einer ausgewogenen Darstellung. Andere Diskussionen beschäftigen sich mit der Frage, ob die BBC sowohl die Kritik an Rowling als auch ihre eigenen Argumente angemessen berücksichtigen wird. Die BBC hatte den Zweiteiler gestern angekündigt. Die Dokumentation soll voraussichtlich 2027 erscheinen und sowohl den außergewöhnlichen Erfolg der Schriftstellerin als auch ihre Entwicklung zu einer politisch polarisierenden Persönlichkeit untersuchen. Unter dem vorläufigen Titel „J.K. Rowling“ entstehen zwei jeweils einstündige Episoden. Der erste Teil widmet sich dem literarischen Aufstieg der Autorin. Im Mittelpunkt stehen die Entstehung der „Harry Potter“-Bücher und die Entwicklung der Zaubererwelt zu einem internationalen Medienphänomen.
Aus der Romanreihe entstand ein umfangreiches Unterhaltungsunternehmen mit erfolgreichen Kinofilmen und weiteren Produktionen. Der wirtschaftliche und kulturelle Erfolg verschaffte Rowling eine öffentliche Reichweite, die weit über die Literaturbranche hinausgeht. Die zweite Folge soll untersuchen, wie die Autorin ihren Bekanntheitsgrad zunehmend für politische Stellungnahmen nutzte. Dazu gehören ihre Positionen zur schottischen Unabhängigkeit, zum Feminismus, zur Meinungsfreiheit und zur Geschlechtsidentität. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei der Rolle sozialer Medien gelten. Über Onlineplattformen erreichte Rowling ein Millionenpublikum, geriet mit ihren Äußerungen aber auch immer häufiger in Auseinandersetzungen mit Kritikern.
Kritik aus der Community
Im Mittelpunkt der Kontroversen stehen vor allem Rowlings Aussagen über trans* Menschen. 2019 unterstützte sie öffentlich Maya Forstater, die sich wegen ihrer Äußerungen zur Geschlechtsidentität in einem arbeitsrechtlichen Streit befand. Im Juni 2020 kritisierte Rowling die Formulierung „Menschen, die menstruieren“. Der Begriff sollte auch trans* Männer und nicht-binäre Menschen einschließen, die menstruieren. Anschließend veröffentlichte die Schriftstellerin einen längeren Essay, in dem sie ihre Haltung zu biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität erläuterte. Dabei verwies sie insbesondere auf den Schutz von Frauenrechten und die Sicherheit von Frauen.
Einige LGBTIQ+-Organisationen kritisierten ihre Aussagen. Sie werfen Rowling vor, die gesellschaftliche Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt infrage zu stellen und Vorurteile gegenüber trans* Menschen zu verstärken. Auch ehemalige Weggefährten distanzierten sich öffentlich von ihren Positionen. Die „Harry Potter“-Darsteller Daniel Radcliffe und Emma Watson bekundeten ihre Unterstützung für die trans* Community. Für einen Teil der Fans entstand dadurch ein Konflikt zwischen der persönlichen Verbundenheit mit den Büchern und ihrer Ablehnung der politischen Ansichten der Autorin.
Befürworter von Rowling
Rowling weist den Vorwurf zurück, transfeindlich zu sein. Sie argumentiert, dass ihre Positionen dem Schutz geschlechtsbezogener Frauenrechte dienen. Ihre Unterstützer teilen insbesondere die Auffassung, dass das biologische Geschlecht in bestimmten rechtlichen und gesellschaftlichen Bereichen weiterhin eine eigenständige Bedeutung haben müsse. Dazu zählen aus ihrer Sicht beispielsweise Schutzräume für Frauen, bestimmte Sportwettbewerbe und die Erhebung geschlechtsspezifischer Daten. Sie betonen außerdem, dass Kritik an Konzepten der Geschlechtsidentität nicht zwangsläufig eine Ablehnung von trans* Menschen bedeute.
Ein weiterer Streitpunkt ist die Meinungsfreiheit. Befürworter Rowlings argumentieren, dass auch kontroverse Positionen zu Geschlecht und Geschlechtsidentität öffentlich vertreten und diskutiert werden können müssten. Rowlings Engagement beschränkt sich dabei nicht auf öffentliche Äußerungen. 2022 war sie an der Gründung von Beira's Place in Edinburgh beteiligt, einer Beratungs- und Unterstützungsstelle für Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Das Angebot richtet sich ausschließlich an Frauen im Sinne des biologischen Geschlechts.
BBC betont gesellschaftlichen Wandel
Nach Angaben des Senders soll die Dokumentation mehr sein als ein Porträt der Autorin. Anhand ihrer Lebensgeschichte will die BBC auch gesellschaftliche, politische und technologische Veränderungen der vergangenen drei Jahrzehnte nachzeichnen. Dazu gehört insbesondere die Entwicklung des Internets: Während die frühen „Harry Potter“-Bücher eine internationale Fangemeinschaft entstehen ließen, wurden soziale Medien später zu einem zentralen Schauplatz der Auseinandersetzungen um Rowling.
Simon Young, bei der BBC für historische Dokumentationen zuständig, begründete die Entscheidung für das Projekt mit dem kulturellen Einfluss der Schriftstellerin. „Keine Kulturgeschichte Großbritanniens im 21. Jahrhundert wäre vollständig ohne die Geschichte des jungen Zauberers, den J.K. Rowling erschaffen hat, ohne das von ihr ausgelöste Phänomen in der Verlags- und Filmbranche oder ohne die polarisierende öffentliche Persönlichkeit, zu der sie geworden ist.“ Anlass für die Produktion ist auch der bevorstehende 30. Jahrestag der Veröffentlichung des ersten „Harry Potter“-Buches. Für die Dokumentation wollen die Filmemacher seltenes Archivmaterial, öffentliche Äußerungen Rowlings und Gespräche mit Menschen verwenden, die im Laufe ihrer Karriere mit ihr zusammengearbeitet haben. Nach einem Bericht des Branchenmagazins Deadline weiß die Schriftstellerin von der Produktion, wird dafür jedoch nicht selbst vor der Kamera interviewt.