Wenn jemand mit deinen Nacktbildern droht, zahle kein Geld und schicke keine weiteren Aufnahmen. Reagiere nicht auf neue Forderungen. Bewahre Nachrichten und Angaben zum Täter auf und kläre mit der Polizei, wie Beweise sicher dokumentiert werden. Melde den Vorfall bei der Plattform und hole dir Unterstützung. Die Verantwortung für die Erpressung liegt bei den Tätern.
Aktualisiert am 13. Oktober 2026. Das anschließende Polizei-Interview von Michael Schmucker erschien erstmals am 23. August 2024.
Das Wichtigste in Kürze
- Nicht zahlen, keine weiteren Bilder senden und den Kontakt abbrechen.
- Drohungen, Profilnamen, Links, Zeitpunkte und Zahlungsforderungen dokumentieren; den Umgang mit intimem Bildmaterial mit der Polizei abstimmen.
- Account und veröffentlichte Inhalte bei der jeweiligen Plattform melden.
- Bei Outing-Drohungen eine Vertrauensperson oder queere Opferberatung hinzuziehen.
- Bei akuter Gefahr in Deutschland die Polizei unter 110 rufen.
Soll ich zahlen oder verhandeln?
Nein. Die Polizeiliche Kriminalprävention rät davon ab, Geld zu überweisen oder andere Forderungen zu erfüllen. Nach einer Zahlung hört die Erpressung häufig nicht auf. Auch zusätzliche Aufnahmen können den Tätern weiteres Druckmaterial liefern. Hast du bereits gezahlt, ist das kein Grund, auf Hilfe oder eine Anzeige zu verzichten.
Wie sichere ich Beweise?
Lösche den Chat oder das betroffene Konto nicht vorschnell. Notiere Profilnamen, Kontaktadressen, Links, Zeitpunkte und den Ablauf. Bewahre Drohungen und Zahlungsinformationen auf. Wie Nachrichten und vorhandene Dateien im konkreten Fall gesichert werden sollten, klärst du am besten früh mit der Polizei. Bitte eine Vertrauensperson um Unterstützung, wenn dich das Lesen der Nachrichten belastet. Die Hinweise für Cybercrime-Betroffene helfen beim nächsten Schritt.
Besondere Vorsicht gilt bei sexualisierten Aufnahmen Minderjähriger: Lade solche Inhalte nicht neu herunter, fertige davon keine zusätzlichen Screenshots an und leite sie nicht weiter. Stimme die Beweissicherung mit der Polizei ab. Für eine Meldung können die Fundstelle und Angaben zum Account wichtig sein.
Was tun bei einer Outing-Drohung?
Die Angst, gegen den eigenen Willen geoutet zu werden, kann zusätzlichen Druck auslösen. Du musst damit nicht allein bleiben. Überlege, welche Person dich unterstützen kann, ohne deine Privatsphäre zu verletzen. Sprich bei Beratung oder Anzeige ausdrücklich an, dass du ein unfreiwilliges Outing fürchtest, und frage nach dem weiteren Umgang mit deinen Angaben.
MANEO, das schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin, bietet vertrauliche und auf Wunsch anonyme Beratung; eine Anzeige ist dafür keine Voraussetzung. Das Opferhilfetelefon ist täglich von 17 bis 19 Uhr unter 030 216 33 36 erreichbar. Bundesweit hilft das kostenlose, anonyme Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS unter 116 006, täglich von 7 bis 22 Uhr.
Wie melde ich Bilder und Accounts?
Melde Drohungen über die Meldefunktion des Dienstes, auf dem sie eingehen. Sind Bilder bereits veröffentlicht, melde auch den konkreten Inhalt und seine Fundstelle. Die Meldung eines Accounts ist nicht automatisch eine Meldung jedes einzelnen Beitrags. Bewahre Bestätigungen oder Vorgangsnummern auf. Blockiere den Kontakt, ohne dich auf weitere Forderungen einzulassen; vorher solltest du die benötigten Angaben gesichert beziehungsweise deren Sicherung mit der Polizei abgestimmt haben.
Für intime Aufnahmen, auf denen du volljährig bist, kann StopNCII.org zusätzlich helfen. Der Dienst erzeugt auf deinem Gerät einen digitalen Fingerabdruck der Datei und teilt diesen mit beteiligten Plattformen. Das Bild selbst wird dafür nicht hochgeladen. StopNCII entfernt jedoch nicht automatisch sämtliche Kopien aus dem Internet.
Für Bilder, die entstanden sind, als du unter 18 Jahre alt warst, ist Take It Down vorgesehen – auch wenn du inzwischen erwachsen bist. Nutze nur Dateien, die bereits auf deinem Gerät vorhanden sind; lade für den Dienst keine neuen Aufnahmen herunter und lasse sie dir nicht zusenden. Auch hier arbeiten nur teilnehmende Plattformen mit.
Ist eine Drohmail immer echt?
Nein. Neben Erpressung mit tatsächlichen Aufnahmen gibt es massenhaft versandte Nachrichten, die kompromittierendes Material nur behaupten. Eine Drohung beweist nicht, dass der Absender deine Kamera kontrolliert oder Bilder besitzt. Klicke nicht auf mitgeschickte Links oder Anhänge. Nimm die Nachricht als Anlass, deine Kontosicherheit zu prüfen, und frage bei Unsicherheit die Polizei.
Einvernehmliches Sexting rechtfertigt weder Erpressung noch die unerlaubte Weitergabe. Weitere Hintergründe zum Umgang mit heimlichen Aufnahmen beim Sex bietet unser Polizei-Interview. Für künftige Verabredungen findest du außerdem Tipps zur Sicherheit beim ersten Grindr-Date. Vorsichtsmaßnahmen ändern nichts daran, dass Täter für ihre Taten verantwortlich sind.
Polizei-Interview von 2024
Im folgenden Gespräch erläuterte Polizeihauptkommissar Michael Späth, damals als LGBTI*-Ansprechperson der Polizei Berlin vorgestellt, die Risiken und den Umgang mit Sextortion. Die Fragen und Antworten dokumentieren den Stand des ursprünglichen Interviews.
IT-Experten warnten in letzter Zeit immer wieder vor Online Sextortion. Besonders betroffen davon sind gerne auch LGBTI*-Menschen, die je nach Fall nebst der an sich vielleicht peinlichen Ausgangssituation auch noch ein mögliches Zwangsouting im Job oder bei der Familie sowie bei Freunden fürchten müssen. Wie können sich aus Ihrer Sicht LGBTI*-Menschen hier am besten schützen?
Sextortion bezeichnet eine Form der Erpressung im Internet, bei der Betrüger ihre Opfer zu sexuellen Handlungen überreden, um sie anschließend mit der Veröffentlichung von unbemerkt aufgezeichneten Bildern oder Videos zu erpressen und hohe Geldsummen, vorzugsweise in Kryptowährungen, zu fordern. Oft treten die Betrüger über soziale Netzwerke wie Twitter, Snapchat, Instagram oder Facebook oder über Dating-Plattformen mit ihren Opfern in Kontakt und gewinnen zunächst deren Vertrauen. Einmal im Gespräch, überreden sie sie dazu, ihnen Nacktfotos oder -videos zuzusenden oder lenken den Chat bald auf Video-Telefonie um. Dort bringen sie ihre Chat-Partner dazu, sexuelle Handlungen vor der Kamera auszuführen. Im Anschluss drohen die Täter damit, unbemerkt aufgenommene oder zugesandte Bilder oder Videos im Internet zu veröffentlichen, wenn das geforderte Lösegeld nicht gezahlt wird. Die Täterinnen und Täter sind oft in Banden organisiert und operieren vom Ausland aus. Die Polizei Berlin warnt davor, das geforderte Geld zu bezahlen. Die Erpressung hört nach Zahlung meist nicht auf. In der Regel sind Männer das häufigere Ziel von Sextortion, jedoch sind auch Frauen davon betroffen. Es gibt auch Fälle, bei denen den Opfern per E-Mail ein Erpresserschreiben zugesandt wird, in dem sie aufgefordert werden, eine bestimmte Geldsumme zu zahlen, andernfalls, so behaupten die Täterinnen und Täter, werde kompromittierendes Material beziehungsweise Nacktaufnahmen des Adressaten veröffentlicht. Grundsätzlich gelten für LSBTIQ Menschen die gleichen Verhaltenstipps wie für alle Menschen: Seien Sie vorsichtig mit der Weitergabe von persönlichen Informationen und seien Sie misstrauisch gegenüber Fremden, die Sie online kennen lernen. Nutzen Sie starke Passwörter und nach Möglichkeit die Zwei-Faktor- Authentifizierung, so dass Ihre Accounts sicher vor Hackern sind. Verwenden Sie Antiviren-Software beziehungsweise Spamfilter, sodass Betrüger keinen Zugriff auf Ihre persönlichen Daten erhalten. Halten Sie Ihre Software auf dem aktuellsten Stand.
Gerade beim digitalen Dating über Apps wie Grindr oder Romeo werden vor allem von schwulen Männern sehr schnell sehr leichtfertig explizite Bilder oder auch Videos verschickt. Gerade wenn die Person darauf eindeutig mit Gesicht zu erkennen ist, kann das schnell zum Problem werden. Würden Sie hier generell zu mehr Vorsicht beim schwulen Dating raten? Oder gibt es zumindest gewisse Aspekte oder Sicherheitsvorkehrungen, auf die Homosexuelle hier besser achten sollten?
Grundsätzlich raten wir dazu, persönliche Informationen wie zum Beispiel die eigene Wohnanschrift nicht vorschnell an Fremde herauszugeben. Das gleiche gilt für das Verschicken von Nacktaufnahmen: Versenden Sie keinesfalls Aufnahmen, auf denen intime Bereiche und das Gesicht abgebildet sind. Stimmen Sie nicht vorschnell einem Videochat zu und lassen Sie sich nicht zu intimen Handlungen in Videochats drängen. Nicht nur das Verschicken von Nacktaufnahmen birgt Risiken, auch das Verabreden mit fremden Personen über Dating Plattformen kann dazu führen, dass man ein Opfer von (Raub-) Straftaten wird. Beim Online-Dating ist immer eine besondere Vorsicht geboten: Schützen Sie sich, indem Sie sich beispielsweise an öffentlichen Orten verabreden oder geben Sie einer Vertrauensperson Bescheid, wann und wo Sie sich mit Fremden treffen.
Wenn es nun trotzdem geschehen ist und ein Unbekannter versucht eine Erpressung: Wie sollte man hier als Betroffener bestmöglich reagieren? Oftmals geschehen solche Erpressungsversuche ja auch unter Zeitdruck, die Täter lassen den Opfern nur ein paar Stunden Zeit, um Geld zu überweisen.
Falls Sie nun bereits erpresst werden: Überweisen Sie keinesfalls Geld. Die Erpressung hört nach Zahlung meist nicht auf. Nehmen Sie Kontakt zu dem jeweiligen Seitenbetreiber auf, sollten Aufnahmen von Ihnen veröffentlicht worden sein. Gehen Sie nicht auf Forderungen der Erpresser ein und weisen Sie auf die Strafbarkeit der Handlung hin und brechen Sie jeglichen Kontakt zu der Person ab. Nehmen Sie Kontakt zur Polizei auf und sprechen Sie das weitere Vorgehen ab. Die Polizeibeamten vor Ort können Ihnen dann beispielsweise Ratschläge dazu geben, ob Sie Screenshots machen sollten und ob der Chat gespeichert werden sollte. Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei.
Ein wichtiger Schritt ist sicherlich der Gang zur Polizei, um dort Anzeige zu erstatten. Blicken wir auf die Statistik (EU-Grundrechteagentur 2024) zeigt sich allerdings, dass 90 Prozent der Fälle von Hasskriminalität gegenüber LGBTI* gar nicht erst angezeigt werden, zumeist aus Angst oder Scham der Opfer. Bei Online Sextortion dürfte diese Quote wohl noch höher liegen. Warum ist es aus Ihrer Sicht trotzdem wichtig, die Polizei einzubinden? Und was können Sie vielleicht auf die Angst der Opfer erwidern?
Neben Scham sind auch andere Gründe wie zum Beispiel die frühere strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen durch die Polizei und die damit einhergehende mangelnde Sensibilität und/oder Angst vor Diskriminierung für das Nichtanzeigen von Straftaten bei der Polizei verantwortlich. In Aus- und Fortbildungsveranstaltungen wurden bereits zahlreiche Mitarbeitenden der Polizei Berlin bezüglich LSBTIQ-Themen weitergebildet, um Fachwissen zu erhöhen und das Vertrauen der Community in die Polizei weiter zu verbessern. Darüber hinaus verfügt die Polizei Berlin mittlerweile über ein internes LSBTIQ Netzwerk von circa einhundert Mitarbeitenden, die besonders für LSBTIQ Themen sensibilisiert sind und so eine Basis von Vertrauen und Verständnis schaffen. Meine Kollegin Anne von Knoblauch und ich arbeiten als Ansprechpersonen für LSBTIQ der Polizei Berlin unnachgiebig daran, dass Vertrauen in die Polizei Berlin weiter zu stärken und bestehende Vorurteile gegenüber der Polizei abzubauen. Neben der Möglichkeit, eine Anzeige auf einer Polizeidienststelle vor Ort zu erstatten, gibt es darüber hinaus die Internetwache der Polizei Berlin, bei der man ganz bequem vom Computer oder Smartphone aus eine Anzeige stellen kann. Nur wenn wir als Polizei Kenntnis von einer Straftat bekommen, können wir auch helfen. Deswegen erneut der Appell meinerseits: Bitte zeigen Sie Straftaten bei der Polizei an!
IT-Experten betonen, dass es sich in den meisten Fällen um Fake-Erpressungen handelt, sprich, die Täter haben gar kein belastendes Bildmaterial. Ist man persönlich betroffen, beruhigt diese Aussage aber wahrscheinlich eher wenig. Gibt es denn aus Ihrer Sicht Hinweise, die darauf hindeuten können, ob man es mit einer Fake-Erpressung zu tun hat oder eben nicht?
Wenn man selbst ausschließen kann, dass man entsprechendes Bildmaterial besitzt oder verschickt hat, dann kann man natürlich recht entspannt sein und alles spricht dafür, dass es sich um eine Fake- Erpressung handelt. Sind die Angaben, die die Erpresser zu den angeblichen Nacktaufnahmen machen, glaubhaft oder ist die Nachricht sehr allgemein und ohne jegliche persönlichen Informationen gehalten? Benutzen Sie die Online Dating Apps oder Plattformen, zum Beispiel Grindr oder Romeo, von denen die Betrüger sprechen überhaupt? Wir empfehlen trotz des Drucks und des persönlichen Stresses, dem man im Falle von Sextortion ausgesetzt ist, stets besonnen zu reagieren und nicht vorschnell zu handeln. Überlegen Sie selbst, ob es sich bei der Erpressung um ein Fake handeln könnte. Mittlerweile haben mehrere Dating Apps, wie zum Beispiel Scruff sogar die Bildschirmaufnahme und das Fertigen von Screenshots eingeschränkt, sodass es für andere Nutzer nicht mehr so einfach ist, explizites Bildmaterial unrechtmäßig zu erlangen. Bei weiteren Fragen zum Thema Sextortion aber auch zu allen anderen Fragen mit LSBTIQ- und Polizeibezug können Sie uns gerne auf unserem Beratungstelefon unter der 030 4664 979 444 kontaktieren.
Herr Späth, vielen Dank für das Gespräch.