Direkt zum Inhalt

Das Aus für den Euro-Pride? Hat die umstrittene Absage für EU-Beitrittskandidat Serbien Konsequenzen?

Von ms - 15.09.2022 - 10:00 Uhr
Findet der Pride in Belgrad trotz Verbot statt?
Foto: iStock / BalkansCat
ANZEIGE
Loading audio player...

Immer wieder kam es in den letzten Wochen zu massiven Auseinandersetzungen rund um den Euro-Pride im serbischen Belgrad. Seit Anfang dieser Woche finden bereits Veranstaltungen statt, der geplante große Marsch am kommenden Samstag wurde jetzt von der serbischen Polizei offiziell verboten. Zuvor hatte bereits Serbiens Präsident Aleksandar Vučić Ende August den Euro-Pride aus angeblichen Sicherheitsbedenken abgesagt, nachdem mehrfach zehntausend Menschen in Belgrad gegen die paneuropäische LGBTI*-Veranstaltung demonstriert hatten, darunter auch viele gewaltbereite Konservative, Rechte und christliche Hardliner, die mehrfach angekündigt hatten, zu den “Waffen greifen zu wollen“.

Vertreter mehrerer LGBTI*-Organisationen wie auch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, hatten erklärt, trotzdem zum Marsch am Samstag anreisen zu wollen: „Die Entscheidung der serbischen Regierung ist ein Schlag ins Gesicht der europäischen LSBTIQ*-Community. Statt die LSBTIQ* gegen Attacken und Angriffe zu verteidigen, wird das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit eingeschränkt. Das ist inakzeptabel und ein Affront gegen die vielen internationalen und nationalen Bemühungen der letzten Tage, den serbischen Behörden Kompromisse anzubieten.“ Die Veranstalter selbst zeigen sich ebenso kämpferisch und erklärten einmal mehr, bis zuletzt alle rechtlichen Mittel ausschöpfen zu wollen. Eine Online-Petition hat inzwischen ebenso bereits mehr als 25.000 Unterstützer gefunden.

Rémy Bonny, der Direktor der europäischen LGBTI*-Rechtsorganisation Forbidden Colours, ist bereits seit Beginn der Woche vor Ort, nahm an mehreren LGBTI*-Kundgebungen und Konferenzen teil und erklärte: „Das Versäumnis, die Veranstaltung für Hunderte von Menschenrechtsaktivisten zu organisieren und zu sichern, zeigt, dass das Recht aller Bürger, friedlich zu marschieren und zu protestieren, in Serbien nicht gewährleistet ist. Dies zeigt, dass die zentralen Werte der EU, nämlich Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, in dem Land nicht fest verankert sind. Es gibt auch noch viel zu tun, um sicherzustellen, dass die EU-Grundrechtecharta in Serbien voll anerkannt und durchgesetzt wird. Dieses Verbot ist zweifellos ein negativer Schritt im Prozess des Beitritts Serbiens zur Europäischen Union und zeigt, dass das Land weit davon entfernt ist, die Anforderungen zu erfüllen. Angesichts dieser Entscheidung fordert Forbidden Colours konkrete und sofortige Anstrengungen der serbischen Regierung, um die Menschenrechte aller LGBTIQ+ Menschen im Land zu garantieren und zu schützen, sowie die Europäische Kommission und den Europäischen Rat auf, die Situation von LGBTIQ+ Menschen in Serbien gewissenhaft zu berücksichtigen, bevor sie dem Land eine Mitgliedschaft in der EU gewähren.“

Seit Beginn dieser Woche betonten zudem zahlreiche internationale Politiker, wie wichtig der erste Pride in einem südosteuropäischen Land wäre, gerade auch, weil Homophobie trotz einiger rechtlicher Fortschritte in Serbien nach wie vor tief verwurzelt ist, über 60 Prozent der Serben lehnen Homosexuelle direkt ab. Zu Beginn der Woche besuchte auch die belgische Ministerpräsidentin Petra de Sutter eine Pride-Veranstaltung, bei der mehrere hundert Menschenrechtsaktivisten über die Situation von LGBTI*-Menschen diskutierten. Es werden weitere hochrangige Persönlichkeiten als Redner erwartet, darunter auch Pascal Smet, Staatssekretär der Region Brüssel-Hauptstadt für internationale Beziehungen. Mit Spannung blickt die LGBTI*-Community so auf den geplanten und nun verbotenen Marsch am Samstag, nachdem auch Pride-Koordinator Marko Mihajlovic bekräftigt hat, man könne den Euro-Pride gar nicht absagen, dies verstoße eindeutig gegen serbisches und europäisches Recht. Es ist mehr als realistisch, dass versucht werden wird, den Pride trotz Verbot stattfinden zu lassen – möglicherweise dann unter massiver Gegenwehr von Polizisten und extremistischen Gegendemonstranten, die in den letzten Wochen immer wieder von der serbisch-orthodoxen Kirche angefeuert worden waren – für sie ist der Euro-Pride eine “Schande“ für das Land.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

Süddeutsche ZeitungNews-Überblick: Das sind die Nachrichten des TagesSüddeutsche Zeitung„Sextortion“ in München: Er wollte sich zum Sex treffen. Dann wurde er erpresstrbb24Queere Demo in Kreuzberg: Mehrere tausend Menschen fordern Schutz queeren LebensndQueeres Leben | Casa Kuá Demo in Berlin: »Hände weg von Trans Leben!«Alle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie wichtig ist dir ein LGBTIQ+-freundliches Arbeitsumfeld bei der Wahl eines Arbeitgebers?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Taiwan Pride setzt ein Zeichen

Solidarität statt Ausgrenzung

Vor der Pride am 31. Oktober fordern die Organisatoren Respekt für queere Menschen mit Behinderung, HIV und unterschiedlichen sexuellen Lebensweisen.
Phuket übt den queeren Empfang

InterPride tagt erstmals in Asien

Vor der InterPride-Konferenz schult Phuket Personal im Umgang mit internationalen LGBTIQ+-Gästen. Der Kongress beginnt am 29. Oktober.
Iga lehnt Ehe-Anmeldung ab

Bürgermeister fordert Reform

Die japanische Stadt Iga wollte die Ehe-Anmeldung eines gleichgeschlechtlichen Paars prüfen. Die Justizbehörde bestand auf einer Ablehnung.
Ärger um den sexy Jesus

Film lief trotz Protest in Genf

Civitas wollte „Hunky Jesus“ aus dem Genfer Festivalprogramm drängen. Der Film lief trotzdem. Nun erwägt die Organisation eine Anzeige.
Schwuler Tory sagt Tschüss

Boff geht im Menschenrechtsstreit

Andrew Boff verlässt die Konservativen. Der Londoner Politiker will am Schutz durch die Europäische Menschenrechtskonvention festhalten.
Stars zeigen Solidarität

Berlin feiert für die Aids-Hilfe

Sven Ratzke, T-Seven und The Baseballs: Am 2. November steigt „Künstler gegen Aids“. Annabelle Mandeng führt durch die Berliner Gala.
Comeback für das Kurioos

Neustart am 29. Oktober

Das Kurioos öffnet am 29. Oktober um 18 Uhr wieder. Kevin Bauer übernimmt die queere Koblenzer Bar – und startet rauchfrei.
Urteil nach Schwulen-Hetze

Ex-AfD-Mann fehlt bei Verkündung

800 Euro Geldstrafe nach homophoben Beleidigungen in Hamburg: Ein früherer AfD-Kommunalpolitiker erschien nicht zur Urteilsverkündung.
Messerangriff vor Bussi Bar

Zwei Helfer schwer verletzt

Vor der queerfreundlichen Bussi Bar in Berlin wurden zwei Helfer mit einem Messer verletzt. Zuvor hatte ein Trio eine Mitarbeiterin angegriffen.