Direkt zum Inhalt
Zensur beim Frankfurt-Słubice-Pride?

CSD ohne Polizei, Politik und Vereine Auch die Europafahne scheint beim polnisch-deutschen Pride unerwünscht

ms - 05.09.2022 - 10:30 Uhr
Loading audio player...

Am gestrigen Sonntag marschierten rund 800 Menschen beim Frankfurt-Słubice-Pride im Grenzgebiet zu Polen, um für mehr Vielfalt in der Gesellschaft zu demonstrieren – nur bei der Veranstaltung selbst war Vielfalt offensichtlich nicht erwünscht, wie das Mitarbeiternetzwerk für lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle Polizei- und Justizbeamte, der VelsPol Berlin-Brandenburg e.V., jetzt erklärte:Der Landesverband Berlin-Brandenburg hat den gemeinsamen CSD Slubice-Frankfurt-Oder verlassen, nachdem erklärt wurde, dass Vereine und politische Organisationen und auch die Polizei unerwünscht sind. Selbst die Europäische Fahne darf auf diesem CSD nicht gezeigt werden. Argumente, dass wir für eine vielfältige und offene Polizei stehen und darauf aufmerksam machen wollen, dass sich jeder, der Opfer einer LGBTI*-feindlichen Straftat geworden ist, an die Polizei vertrauensvoll wenden kann, wurden nicht akzeptiert.“

Ein offizielles Statement, warum das Veranstalterteam so rigoros reagierte, gab es bisher nicht. Während des CSDs in der Doppelstadt forderten die Veranstalter dazu auf, die Region zu einer LGBTI*-freundlichen Zone zu erklären, in Anlehnung an die Verlautbarungen diverser polnischer Gemeinden der letzten Jahre, die sich als “LGBTI*-freie Zonen“ definiert hatte. Das Oberste Gericht Polens sowie auch die Europäische Kommission haben inzwischen erklärt, dass dieser Schritt weder mit polnischen noch europäischem Recht zu vereinbaren ist und deswegen zurückgenommen werden muss. Zudem demonstrierten die Teilnehmer auch gegen verbale Gewalt, die LGBTI*-Menschen im Alltag erfahren. Wie die zwei Jahre zuvor auch, zogen die Demonstranten auch beim dritten Pride vom Stadtzentrum im polnischen Słubice über die Stadtbrücke Richtung Frankfurt (Oder). 

Der LGBTI*-Verein der Polizei wäre gerne mit dabei gewesen, doch war dieser wie andere Vereine offensichtlich auch unerwünscht, wie VelsPol Berlin-Brandenburg weiter erklärte: „Nicht nur wir als Verein werden von diesem CSD ausgegrenzt, sondern auch alle anderen queeren Vereine, die sich für Community einsetzen. Eine traurige und auch fragwürdige Entwicklung. Dies ist Ausgrenzung pur!!! Geprüft werden sollte auch durch die Landesregierung, ob eine Förderung dieses CSD überhaupt in Zukunft stattfinden sollte. Schade auch, dass diese Aktion auch der Prozess der Fortführung und Weiterentwicklung des Aktionsplanes "Queeres Brandenburg" geschädigt wird. Auch nach den Vorkommnissen in Münster wäre ein gemeinsames Zusammenstehen ein positives und sichtbares Zeichen gewesen. Diese Chance wurde heute durch die Organisator*innen vertan.“ Auf diese bewusste Ausgrenzung wurde von Seiten der Veranstalter nicht weiter eingegangen, allerdings erklärt, dass in diesem Jahr queere Geflüchtete im Mittelpunkt des Programms stehen würden. Die offizielle Facebook-Seite des Organisationsteam wurde inzwischen gelöscht. Online zeigten viele User Unverständnis für die jüngsten Entscheidungen, ein Facebook-User kommentierte beispielsweise: „Das ist ein seltsames Verständnis von Demokratie und Meinungsfreiheit. Diskriminierung auf einer Veranstaltung auf der gegen Diskriminierungen demonstriert werden sollte!“

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Niederlage in Australien

Rechte von queerer Frau gestärkt

Die Betreiberin einer App exklusiv für biologische Frauen ist mit dem Ausschluss einer trans* Frau vor Gericht in Australien final gescheitert.
Mehr Opferrechte in der EU

EU-Parlament vor Abstimmung

Im EU-Parlament sollen diese Woche mehr Rechte für Opfer von Gewalttaten beschlossen werden, inklusive eines besonderen Schutzes von LGBTIQ+-Menschen.
Statement des 1. FC Köln

Hasskommentare am Pranger

Der 1. FC Köln zeigt klare Kante und hat jetzt homophobe Hass-Botschaften von Fans mit Namen veröffentlicht.
Vandalismus in Neubrandenburg

Queere Literatur bewusst beschädigt

In der Regionalbibliothek Neubrandenburg wurden mehrfach gezielt queere Bücher zerstört, insbesondere Jugendliteratur. Der Täter ist bisher unbekannt.
Entscheidung erst am 1. Juni

Selbstbestimmungsgesetz-Missbrauch

Der tschechische Justiz hat die Entscheidung über die Auslieferung des in Deutschland verurteilten Rechtsextremisten Liebich überraschend vertagt.
Wirbel um britischen Politiker

OnlyFans-Account von Reform-UK-Mann

Stephen Mousdell ist Politiker der rechtskonservativen Partei Reform-UK und schwuler Pornodarsteller bei OnlyFans. Das sorgt für viel Aufregung.
Ex-NBA-Profi Charles Barkley

Heimlich schwule Spitzenathleten

Homophobie im Leistungssport ist noch immer allgegenwärtig, bekräftigte jetzt der frühere NBA-Profi Charles Barkley. Es gebe viel Feindseligkeit.
Manosphere an Schulen

Toxische Männlichkeit und Mobbing

Übertriebene Männlichkeitsideale, die sogenannte Manosphere, befeuern laut einer neuen Studie bei Schülern die Ablehnung von LGBTIQ+-Menschen.
Gewalt in Italien

Hass, Schlägereien und Todesfälle

Gewalt und Hass gegen LGBTIQ+-Menschen in Italien ist allgegenwertig, der Verein Arcigay warnte jetzt vor einem strukturellem und anhaltendem Problem.