Bereits mehr als 12.000 queere Opfer Schweiz: Kampf gegen Konversionstherapien
Als sich unlängst Frankreich sehr klar und deutlich für ein Verbot von Konversionstherapien ausgesprochen hat, muss dieses Echo bis in die Schweiz hörbar gewesen sein. Nach mehreren Anläufen kommt in der Diskussion jetzt abermals neuer Wind auf. Dabei zeigt sich der föderalistische Staat in Mitteleuropa einmal mehr ambivalent in Bezug auf LGBTI*-Rechte. So gehörte die Schweiz auf der einen Seite zu den ersten Ländern Europas, die bereits 1938 Homosexualität im Strafgesetzbuch entkriminalisierte. Auf der anderen Seite taten sich die, vor allem zumeist ländlich und christlich geprägten Schweizer mit der gleichgeschlechtlichen Ehe schwer, die glücklicherweise trotz massiver Proteste schlussendlich von einer Mehrheit angenommen und nun ab Juli 2022 möglich ist.
Der nächste große Schritt wäre nun ein Verbot von Konversionstherapien. Sowohl der Nationalrat wie auch der Bundesrat hatten das Thema immer wieder auf die lange Bank geschoben und schlussendlich erklärt, dass man hier keinen Handlungsbedarf sehe. Mehr noch, der Schweizer Staat unterstützt bis heute mit Millionenbeträgen Organisationen und christliche Vereine, die solche „Therapien“ anbieten. Einzelne Kantone wie Bern oder Genf sprachen sich inzwischen zwar für ein Verbot aus, generell bedarf es aber einer bundesweiten Regelung, um wirklich greifen zu können.
Im Herbst 2021 haben nun zwar die SP-Nationalrätin Sarah Wyss und SP-Nationalrat Angelo Barrile jeweils eine parlamentarische Initiative für ein Verbot von Konversionshandlungen eingereicht, doch ein solches Unterfangen ist bürokratisch ein langwieriger Prozess, der von den zuständigen Kommissionen erst geprüft werden muss – und dies kann gerne einmal bis zu zwei Jahre dauern. Ziel der Initiativen wäre es, ein Verbot von Konversionstherapien für Kinder und Jugendliche unter 25 Jahren zu erreichen.

Die Dringlichkeit, endlich gegen solche menschenunwürdigen „Umpolungs-Therapien“ vorzugehen, scheint in der Breite der Schweizer Gesellschaft noch gar nicht gänzlich angekommen zu sein. Muriel Waeger von der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und Geschäftsführerin von Pink Cross in der Westschweiz, will an der Situation schnellstmöglich etwas ändern, wie sie in einem Statement von Human Rights Schweiz bekräftigte: „Auf Bundesebene wurden diverse Vorstöße aus allen politischen Lagern eingereicht, um Konversionstherapien zu verbieten: Die erste Interpellation dazu liegt ganze fünf Jahre zurück. Bisher hat der Bundesrat alle Vorstöße abgelehnt; mit dem Verweis, dass er keine Kenntnis von solchen Praktiken in der Schweiz habe und ein Verbot dementsprechend nicht nötig sei. Tatsächlich werden solche «Therapien» aber auch in der Schweiz praktiziert und unter dem Deckmantel anderer Diagnosen teilweise sogar von den Krankenkassen bezahlt. Abseits der zahlreichen medienwirksamen Fälle der letzten Jahre legen Schätzungen von Pink Cross und LOS nahe, dass etwa 14.000 in der Schweiz lebende Personen Opfer dieser traumatisierenden Methoden geworden sind.“
Besonders heikel sieht Waeger die Situation auch deswegen, weil inzwischen mehrere deutsche und österreichische Anbieter von Konversionstherapien Zuflucht in der Schweiz gefunden haben und hier straffrei ihre „Therapien“ anbieten und durchführen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Konversionstherapien in der Schweiz verboten werden. Doch bis dahin bleiben insbesondere junge, in Zeiten des Hinterfragens oder des Coming-Outs besonders verletzliche Menschen einem Risiko ausgesetzt. Bis der Bundesrat das Problem ernst nimmt, leidet ein Teil der LGBTI*-Community weiter unter dem Einsatz dieser menschenrechtsfeindlichen Praktiken – und trägt die Folgen für den Rest ihres Lebens“, so Waeger abschließend. Um die Schweizer Regierung zu einem schnelleren Handeln zu motivieren, hat Pink Cross nun eine Petition ins Leben gerufen – bisher haben weit mehr als 12.000 Menschen diese bereits unterschrieben.
Wir fordern den Bundesrat auf, Konversionsmassnahmen endlich zu verbieten und zu prüfen, ob die Heilsarmee solche durchführt.
— PINK CROSS (@pinkcross_ch) January 31, 2022
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