Appell von Autor Can Dündar Kritik an Doppelmoral nach dem CSD-Anschlag in Berlin
Nach dem islamistisch motivierten Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin warnt der türkische Journalist und Exilautor Can Dündar vor den politischen Ursachen von Homophobie. In einem Kommentar beschreibt er die Ausgrenzung queerer Menschen als festen Bestandteil autoritärer Politik und kritisiert zugleich doppelte Standards im Umgang mit Extremismus.
Das Wichtigste im Überblick
- Autor Can Dündar sieht Homophobie als zentrales Instrument autoritärer Politik.
- Nach dem CSD-Anschlag in Berlin warnt er vor pauschalen Urteilen über Muslime.
- Zugleich kritisiert er den Umgang mit islamistischem Fundamentalismus in Europa.
- Dündar zieht Parallelen zwischen islamistischem Extremismus und rechtspopulistischen Bewegungen.
- Er wirft westlichen Regierungen eine widersprüchliche Haltung gegenüber autoritären Staatschefs vor.
Homophobie als Teil autoritärer Politik
Zu Beginn seines Beitrags im Kölner Stadt-Anzeiger schildert Dündar einen Vorfall aus der Türkei. Ein Gouverneur sei seines Amtes enthoben worden, nachdem ein Oppositionsabgeordneter der sozialdemokratischen CHP ihn wegen einer Radlerhose beim Fahrradfahren öffentlich kritisiert hatte. Der Abgeordnete erklärte im Parlament: „Es kann keinen Gouverneur geben, der in der Öffentlichkeit in Radlerhosen herumläuft. Ich rufe den Innenminister auf: Entweder entlassen Sie solche Gouverneure oder schicken Sie ihnen ein Feigenblatt.“ Präsident Recep Tayyip Erdoğan habe den Gouverneur daraufhin per nächtlichem Dekret entlassen. Dieser habe sich lediglich mit den Worten verteidigt: „Sport treiben wir in Sportkleidung.“ Für Dündar zeigt der Fall, wie in patriarchal geprägten Gesellschaften alles dämonisiert werde, was als Bedrohung traditioneller Männlichkeit wahrgenommen werde. Homosexualität stehe dabei an erster Stelle.
Anschlag als Ausdruck des Hasses
Mit Blick auf den Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day vom 25. Juli schreibt Dündar, Menschen aus Ländern wie der Türkei sei diese Form des Hasses seit Jahren vertraut. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner (CDU), habe erklärt, der Anschlag habe der „freien und offenen Gesellschaft“ gegolten. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) habe von „islamistischem Terror“ gesprochen. Nach Auffassung Dündars beginne dieser Hass jedoch nicht erst mit den Tätern, sondern bereits in der Sprache politischer Verantwortungsträger.
Er verweist dabei auf Staats- und Regierungschefs wie Donald Trump, Wladimir Putin, Jair Bolsonaro und Recep Tayyip Erdoğan. Diese hätten die Gegnerschaft zu queeren Menschen zu einem zentralen Bestandteil ihrer politischen Polarisierungsstrategien gemacht. Über Erdoğan schreibt Dündar, dieser habe den Wahlkampf 2023 mit den Worten eröffnet: „Die Familienstruktur dieses Volkes ist stark. Wir bringen keine LGBT hervor.“ Zudem habe er Oppositionsparteien als „Regenbogenallianz“ bezeichnet und Homosexuelle als „perverse Feinde der Menschheit“ beschrieben. Auch der damalige türkische Innenminister habe erklärt: „Zur LGBTIQ+-Bewegung gehört es auch, dass Tiere und Menschen heiraten.“ Dündar verweist außerdem auf verbotene Pride-Paraden, Festnahmen von Demonstranten, LGBTIQ-feindliche Kundgebungen, übermalte Regenbogentreppen sowie das Verbot einer Fernsehserie wegen einer schwulen Figur.
Keine Pauschalurteile
Nach dem Anschlag in Berlin beobachtet Dündar zwei gegensätzliche Reaktionen in Deutschland. Die eine mache pauschal Muslime verantwortlich, die andere nehme muslimische Gemeinschaften ebenso pauschal in Schutz. Beides greife nach seiner Einschätzung zu kurz. Er betonte, muslimischer Glaube bedeute nicht zwangsläufig Homophobie. Trotz der Propaganda radikal-islamischer Gruppen gebe es in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften zahlreiche LGBTIQ+-Menschen und Organisationen, die sich für deren Rechte einsetzten. Wer diese Vielfalt ausblende, entfremde auch jene gläubigen Menschen, die Homosexuellen nicht feindlich gegenüberstünden, und stärke damit gerade die fundamentalistischen Kräfte.
Islamismus und Rechtsextremismus
Dündar sieht zugleich ideologische Überschneidungen zwischen islamistischem Fundamentalismus und rechtspopulistischen beziehungsweise rechtsextremen Bewegungen. „Gerade beim Thema Homophobie zeigt sich, dass die Sprache der IS-Repräsentanten auffällige Parallelen zu der populistischer Führungspersönlichkeiten weltweit aufweist. Hier treffen zwei autoritäre Denkweisen zusammen.“ Beide Strömungen lehnten nach seiner Auffassung Schwulenrechte, Multikulturalismus, sexuelle Vielfalt, feministische Bewegungen, Meinungsfreiheit und die Grundprinzipien einer offenen Demokratie ab. Dündar stellt die Frage: „Gibt es wirklich einen großen Unterschied zwischen der Einschränkung des Freiheitsraums im Namen der Religion und seiner Einschränkung im Namen der Familie?“ Die richtige Antwort sei, Freiheit und Sicherheit gleichermaßen zu schützen, ohne ganze Bevölkerungsgruppen pauschal zu verurteilen. Andernfalls bestehe die Gefahr, beides zu verlieren.
Umgang mit Fundamentalismus
Ebenso wenig wie eine pauschale Verurteilung aller Muslime überzeugt Dündar nach eigenen Worten deren pauschale Verteidigung. Der Einsatz gegen Muslimfeindlichkeit sowie für Religions- und Meinungsfreiheit sei unverzichtbar. Kritisch sieht er jedoch staatliche Unterstützung für islamische Organisationen oder Imame, die Feindseligkeit oder Hass verbreiteten. Mit Sorge beobachte er, dass jener Fundamentalismus, gegen den in der Türkei jahrzehntelang gekämpft worden sei, in Europa unter dem Schutz der Religionsfreiheit teilweise ungehindert wirken könne. Zugleich warnt Dündar davor, aus Angst vor einer Vereinnahmung durch Rechtsextreme auf notwendige Kritik zu verzichten. Religionsfreiheit und religiöser Zwang dürften nicht gleichgesetzt werden. Wer an die freiheitliche Demokratie glaube, müsse ihren Feinden – „ob radikale Islamisten oder Rechtsextreme“ – gleichermaßen entschieden entgegentreten.
Abschließend wirft Dündar westlichen Regierungen eine widersprüchliche Politik vor. „Wer diejenigen scharf verurteilt, die die ‚freie und offene Gesellschaft‘ angreifen, zugleich aber Staatsmännern den roten Teppich ausrollt, die diese Werte ablehnen oder ihre Gegner unterstützen, riskiert eine Glaubwürdigkeitskrise. Solange politische Interessen über die Politik der Prinzipien gestellt werden, wird es schwer sein, die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass wir tatsächlich auf der richtigen Seite stehen – auf der Seite des Guten gegen das Böse."