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Polen am Scheideweg

Polen am Scheideweg Die LGBTIQ+-Community ist mehr denn je traurig und frustiert!

ms - 04.07.2025 - 13:00 Uhr
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Seit Juni macht sich in der queeren Community in Polen immer mehr Verzweiflung breit, nachdem Karol Nawrocki mit hauchdünner Mehrheit zum neuen Präsidenten des Landes gewählt worden ist. Der 42-Jährige Rechtsnationale ist ein erklärter Feind von LGBTIQ+-Rechten und betonte bereits vorab, dass er alle rechtlichen Verbesserungen boykottieren werde. 

Stillstand für viele Jahre?

Die Macht dazu hat er, denn anders als in Deutschland kann Polens Präsident jedes Gesetzesvorhaben mit seinem Veto stoppen. Noch am Abend der Stichwahl hatte die Community gehofft, der liberale Warschauer Bürgermeister Rafał Trzaskowski macht das Rennen, ein ausgewiesener Unterstützer von queeren Menschen. Nachdem 2023 mit Ministerpräsident Donald Tusk nach achten Jahren homophober PiS-Regierung endlich ein politischer Wechsel stattgefunden hatte, hofften viele nun auf mehr Rechte einschließlich einer eingetragenen Partnerschaft. 

Die neue Regierung wie auch zuletzt die Opposition legten erste Entwürfe vor, konnten diese aber aufgrund des bisherigen, ebenso streng konservativen Präsidenten Andrzej Duda nicht umsetzen. Nun geht die Patt-Situation mit Nawrocki weiter. Ob eine mögliche Neuauszählung der Stimmen wirklich stattfindet oder zu einem anderen Ergebnis führt? Alles offen! Und jetzt? Immer mehr LGBTIQ+-Polen haben in diesen Tagen die Hoffnung verloren, namhafte schwule Influencer erklärten bereits, das Land verlassen zu wollen. SCHWULISSIMO fragte nach bei Thomas Kowalczyk – der gebürtige Pole lebt nahe Warschau sowie bei seinem deutschen Freund Martin in Süddeutschland. 

Thomas, einige junge Polen wollen bereits ihre Heimat verlassen. Ist das bezeichnend für die ganze Community?

Nicht für alle, aber für immer mehr schon. Ich bin gerade aus Polen zurückgekommen, habe Freunde und meine Familie besucht, außerdem arbeite ich noch stellenweise dort. Martin und ich leben noch in einer Fernbeziehung. Wir haben vor zwei Jahren geheiratet und ich werde zeitnah ganz nach Deutschland ziehen. Was ich so mitbekomme, ist, dass es vielen Schwulen und Lesben in meiner Heimat ähnlich geht. Wir haben zehn Jahre einen extrem schwulenfeindlichen Präsidenten gehabt, wir haben acht Jahre die PiS erlebt, die, wann immer sie konnte, gegen uns hetzte. Jene Partei, die freudig die Einführung von „LGBT-freien Zonen“ förderte. Fast ein Drittel aller Gemeinden haben bei dem Schwachsinn mitgemacht. Dann hat Tusk die Wahl gewonnen, kündigte Reformen an. Und jetzt Nawrocki. Meine Freunde in Polen haben die letzten Wochen vor der Wahl so massiv gearbeitet, mit Leuten gesprochen, erklärt und diskutiert... am Ende fehlten uns weniger als 400.000 Stimmen für einen Sieg. Es ist mehr als eine Enttäuschung, es ist Verzweiflung, denn was soll jetzt passieren? Wieder zehn Jahre Stillstand? Und was wird wohl passieren, wenn Tusk praktisch nichts von dem, was er versprochen hat, umsetzen wird können? Bei den nächsten Parlamentswahlen gewinnt dann wieder die PiS. Wir sind hier alle so müde im Land.

Das eine ist die Politik, das andere die Bevölkerung. In Warschau ist queeres Leben doch durchaus möglich, oder? 

Ja, ein wenig durchaus. Aber die Homophobie hängt auch hier vielen noch in den Knochen. Und sobald du die großen Städte verlässt, ist klar, dass eine Mehrheit der Einwohner dich ablehnt. Das hat die Wahl gezeigt, die Landbevölkerung lehnt Homosexualität mehrheitlich noch immer ab. Und die ganzen Hater sind ja nicht verschwunden seit Tusk, die halten bestenfalls nur die Füße still und warten. Ganz zu schweigen, wer sagt denn, dass es in ein paar Jahren nicht wieder schlimmer wird? Schau´ dich doch um, überall gibt es neue Gesetze, die die Rechte von Schwulen und Lesben direkt beschneiden… Ungarn, Georgien, Rumänien. Solange der Katholizismus in Polen so stark ist, wird der Hass auf Homosexuelle weiter stark verbreitet sein. Du solltest mal miterleben, wie gerade im ländlichen Raum Priester jeden Sonntag bei der Predigt über uns lästern. Ich habe das erlebt. Meine Mutter lebt auf dem Land, sie ist eine der wenigen, die aufbegehren, einfach deswegen, weil ihr Sohn schwul ist. Aber sie sagt inzwischen auch: ´Junge, was willst du noch hier? Man muss wissen, wann man verloren hat.´ Martin und ich hatten zwischenzeitlich 2023 überlegt, ob wir nach Polen ziehen, näher an meine Familie ran, außerdem ist das Leben hier viel billiger. Aber jetzt? So masochistisch sind wird nicht drauf. 

Kann es nicht noch Hoffnung geben? Der EU-Gerichtshof für Menschenrechte hat doch Polen abgemahnt, weil homosexuelle Paare nicht rechtlich anerkannt werden.

Sorry, aber da lache ich nur noch. Klingt alles toll, was die EU so sagt, speziell Frau von der Leyen. Jetzt zur Sommerzeit werden überall wieder Regenbogenfahnen zwischen die Europaflaggen gemischt und betont, wie toll die EU zur Community steht und zu den Menschenrechten. Nur passiert nichts. Schau dir Ungarn an. Egal, was die Gerichte entscheiden, das interessiert niemanden. Die spekulieren alle drauf, dass der Wind sich dreht. Solange, bis LGBTIQ+ ganz von der Agenda gestrichen wird. Daher: Wer als Schwuler oder Lesbe und noch mehr als trans* Mensch die Chance dazu hat, verlässt Polen. Was bleibt übrig, wenn die Hoffnung stirbt? 

Thomas, Danke dir fürs Gespräch und alles Gute euch beiden! 

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