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Wie sehe ich die Zukunft

SCHWULISSIMO Leserumfrage Wie sehe ich die Zukunft in 30 Jahren?

vvg - 10.09.2019 - 21:15 Uhr
Alexander

Meine Wunschvorstellung, wie mein Leben als offen schwul lebender Mann aussehen soll, wäre, dass ich überall mit meinem Mann Hand in Hand gehen kann, dass sich die Akzeptanz weiter aufbaut und die Diskriminierung sowie der momentane Rechtsdruck abbaut, damit man offen zu seiner Liebe stehen kann. In 30 Jahren werde ich wohl noch arbeiten. Mein Partner ist allerdings 18 Jahre älter und da beschäftigt mich schon, wie es in Zukunft mit kultursensibler Pflege aussieht. Ich wünsche flächendeckende Einrichtungen, wo Menschen adäquat gepflegt werden. Vor dem eigenen Altwerden habe ich keine Angst, ich sehe eher ganz entspannt in die Zukunft. Da macht mir die Umwelt mehr Sorgen. Ich finde es gut, dass gerade junge Menschen bei „Fridays for Future“ auf die Straße gehen; unsere Politiker bekommen kaum etwas gebacken. Bleibt nur die Sorge, ob wir den Punkt nicht schon verpasst haben, um noch irgendetwas gerade zu rücken. Ich hoffe, dass die Gesellschaft das als wichtigstes Thema in Angriff nimmt und endlich etwas passiert. Anstatt überall Krieg zu spielen, sollte man die Power und die Kraft für das Sozialleben und die Umwelt einsetzen.

Wie es um unsere Szene bestellt sein wird? Ich mag unsere Schutzräume, bemerke aber, dass die Jugend diese nicht mehr einfordert. Das Szenesterben hat wohl inzwischen jeder mitbekommen. Und sollte die AfD jemals regieren, wandere ich sehr wahrscheinlich nach Australien aus. In solch einer Diktatur fühle ich mich dann nicht mehr sicher. Dass mein Arbeitsplatz „AIDS-HILFE" noch nötig sein wird, als Anlaufstelle zur Information über sexuell übertragbare Krankheiten und als Gesundheitszentrum, glaube ich schon. Wünschenswert wäre es, es gäbe endlich ein Mittel oder diese Krankheit würde durch die Prävention besiegt. Aber bis dahin ist es wichtig, dass das Thema im Kopf bleibt, dass wir nicht aufhören, für Solidarität einzustehen und dass wir HIV-Positive wertschätzend in unser Leben mit einbinden.
Alexander, Sozialarbeiter in der AIDS-HILFE in Mönchengladbach

Dean

Ich hoffe ja, dass ich in 30 Jahren überhaupt noch lebe, denn dann bin ich 70 Jahre alt. Ich wünsche mir, dass ich glücklich in meinem richtigen Geschlecht lebe – zusammen mit meiner Partnerin und den Kindern in einer echten Familie und dass ich meine Rente genießen kann, sofern ich überhaupt noch eine bekomme. Vor dem Altsein habe ich schon Angst: Ich habe lange als Altenpfleger gearbeitet und recht traurige Sachen mitbekommen, was auf alte Leute alles zukommen kann und was sie oft erleiden müssen. Angst vor dem Tod habe ich weniger, wir müssen alle irgendwann sterben, das ist unumgänglich.

Was mir da weitaus größere Sorgen macht, ist unser Problem mit der Umwelt. Ich befürchte sogar, dass diese Welt in 30 Jahren nicht mehr existieren kann. Wir werden immer öfter ganz krass von der Natur auf diesen Klimawandel aufmerksam gemacht und ich stelle trotzdem fest, dass die Menschen überhaupt nicht kapieren, dass da ein sehr ernsthaftes Problem ansteht. Die Menschen leben in ihren Gewohnheiten weiter wie immer und es verändert sich nichts zum Guten. Wir haben einen jährlichen Temperaturanstieg, wo soll das in 30 Jahren hinführen? Ich lebe zwar bewusst und optimistisch, bin aber auch ein Katastrophendenker und glaube, dass wir – wenn die Menschen nicht ganz schnell anfangen umzudenken, um die Schraube noch zurück zu drehen -  in 30 Jahren gar nicht mehr existent sind.

Was die LGBTI*-Community angeht, bin ich mir nicht sicher, wie sie sich in drei Jahrzehnten entwickelt. Momentan habe ich noch das Gefühl, dass die Gesellschaft offener für uns geworden ist. Andererseits fällt mir aber auch auf, dass die Probleme mit der rechtspopulistischen Szene und der Antitoleranz uns gegenüber zunehmen. Das ist zwar im Osten unseres Landes massiver, aber ich kann nur hoffen und wünschen, dass sich das nicht weiter ausbreitet. Wir sehen ja, wie Schwule, Lesben und Transmenschen in anderen Ländern behandelt werden.
Dean aus Brühl

Jonas

Ich bin ein leidenschaftlicher Filmliebhaber und hoffe, dass ich mit 50 Jahren ein erfolgreicher Regisseur sein werde, der vielleicht sogar international arbeiten kann. Zurzeit bin ich solo und möchte das auch bis zum Ende meines Studiums bleiben. Aber wenn ich fertig bin, habe ich nichts gegen eine feste Beziehung, die dann in 30 Jahren immer noch Bestand haben könnte. Kinder müssen nicht unbedingt sein, aber wenn mein Partner sich dafür entscheiden sollte, wäre ich natürlich dafür bereit. Ich zählte mich auch mit 50 nicht zum alten Eisen. Gerade in der Filmbranche gehört man selbst mit 90 nicht dazu: Die Alt-Regisseure leisten auch in dem Alter noch sensationelle Arbeit.

Was die Umwelt betrifft - dafür gehen ja viele Jugendliche auf die Straße - ich glaube, auch wenn der Klimawandel über die Welt hereinbrechen wird, wird die Welt bestehen bleiben und hat auch dann noch so viel Gutes, wofür es sich zu leben lohnt, auch bei 45 Grad und mehr im Sommer; obwohl ich nichts gegen konstante 25 Grad einzuwenden hätte.

Und für die Szene wünsche ich mir, dass es in 30 Jahren nicht mehr nötig sein wird, für Toleranz, Akzeptanz und Respekt auf die Straße gehen zu müssen. Politiker, die gegen uns sind, werden mit ihrem Hass gegen uns nie durchkommen. Vielleicht sind wir gefühlt und auch in der Realität in vielen Ländern noch unterdrückt und geschmäht – vielleicht auch hier bei uns – aber ich denke, wir hatten schlimmere Zeiten gehabt und davor bewahre uns diese Erinnerung. Mein Wunsch wäre, dass wir keine CSDs mehr bräuchten, um für unsere Rechte zu kämpfen. Jeder sollte die Rechte haben, die er für sein Leben braucht. Das Recht auf Freiheit und Würde sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Jonas aus Hamburg

Marcel

Ich bin im Januar 30 geworden und trage seitdem symbolisch drei blau angemalte Fingernägel, die meine drei Jahrzehnte anzeigen. Meine Mutter meinte, jetzt mit 30 sei ich erwachsen; ich sehe das anders: Ich fühle mich genauso kindisch wie früher und kann machen, was ich will und wozu ich gerade Lust habe. In 30 Jahren möchte ich unbedingt mit meinem Partner, mit dem ich seit fünf Jahren zusammen bin, Kinder haben; das ist ein großes Ding für mich. Ob wir das über eine Adaption regeln oder mit einer guten Freundin zusammen eine Familie aufbauen, müssen wir noch konkret überlegen. Ich könnte mir beide Optionen vorstellen.

Zurzeit bin ich der amtierende Mr. Gay Germany 2019. Ich hoffe, dass ich in 30 Jahren immer noch ein attraktiver Mann bin. Dabei ist das gute Aussehen nicht unbedingt wichtig, sympathisch zu sein und eine gute Ausstrahlung zu haben, ist wesentlich wichtiger: Humor bleibt immer sexy. Über Krankheiten im Alter oder den Tod denke ich heute noch nicht nach. Ebenso wenig kann ich einschätzen, ob und in welche Richtung sich die Szene bis dahin verändert. Als ich mich vor zehn Jahren geoutet habe, war alles eher unproblematisch für mich. Heute habe ich das Gefühl, ich als 30-jähriger muss die Jüngeren aufklären, was ich in meiner Rolle auch gerne mache. Ich habe mit vielen jungen Männern gesprochen und bemerkt, sie glauben, sie führen ein sicheres unbeschwertes Leben. Wie wir aber wissen, ist das nicht ganz richtig. Man muss für eigene Rechte und Freiheiten einstehen und auch für ihre Bewahrung kämpfen. Darüber muss man die Jungs aufklären. Ich bin PreP-Botschafter und froh, dass wir diese Möglichkeit haben, weil es ein wichtiger Fortschritt ist; aber PreP schützt außer vor HIV nicht vor anderen STI, was leider nicht alle wissen. Ob es die Szene in 30 Jahren noch gibt, wäre schön! Ich glaube fest daran, weil die Menschen eine Zugehörigkeit brauchen und wir als Community immer herausstechen werden.
Marcel aus Berlin, amtierender Mr. Gay Germany 2019

Michael

Ich wäre dann über 80 Jahre alt – vorausgesetzt ich wäre noch gesund und fit, stelle ich mir das gut vor: gerade gestern habe ich auf einer Fetisch-Party ein Pärchen getroffen, die wir vor 20 Jahren auf Mykonos kennen lernten. Die beiden sind heute 76 und 80 Jahre alt, bei denen habe ich gesehen, dass man auch im hohen Alter noch Spaß hat. Ich hoffe, dass ich noch mit meinem Mann zusammen bin, den ich 1991 kennen gelernt und 2012 geheiratet habe. Dabei ist mir persönlich wichtig, dass wir viel Zeit mit Freunden verbringen, auch noch offen auf neue Sachen zugehen können, nicht zu sehr in der Vergangenheit leben und dass es uns vielleicht gelingt, den jüngeren Menschen Lebenshilfen zu vermitteln.

Angst vor dem Alter habe ich nicht. Meine Großmutter ist 100 Jahre alt geworden, daher habe ich gute Gene. Durch meine pflegebedürftige Mutter weiß ich, was im Alter auf einen zukommen kann. Ich wünsche mir, dass ich solange wie möglich mit meinem Mann zusammen in der eigenen Wohnung leben kann und dass wir uns, wenn nötig, gegenseitig pflegen und versorgen. Schwierig wird es erst, wenn man mit zunehmendem Alter dement, vielleicht aggressiv wird oder den anderen gar nicht mehr erkennt. So etwas ist traurig, aber selbst das gehört zum Altwerden dazu. Finanziell bin ich gut abgesichert. Insofern sehe ich die Gefahr, die alte Menschen erleben, die keine Einkünfte mehr haben und dadurch ihre sozialen Gewohnheiten nicht mehr ausüben können, nur bedingt. Aber eine Garantie, wie es in 30 Jahren aussieht, hat keiner. Genauso ist es mit der schwulen Community. Ich hoffe, dass es sie noch geben wird; aber das ist davon abhängig, was innerhalb der nächsten Jahre in Deutschland passiert. Ich dachte, Homophobie sei eher abschwellend, aber ich spüre, es geht eher wieder zurück. Es wäre schlimm, wenn die schwule Szene und das Gaylife nicht mehr in der Öffentlichkeit stattfindet. Ich möchte nämlich auch im Alter noch an ihr teilhaben.
Michael aus Velbert bei Wuppertal

Michael

Offen gestanden habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, wie mein Leben in 30 Jahren ausschauen könnte. Ich habe vermutlich die gleichen Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen wie viele andere, die an der Schwelle zum halben Jahrhundert stehen. Ich möchte, dass es turbulent, bunt und erfüllt weiter geht - mit meinem Mann, Freundinnen und Freunden - nicht einsam. Ich möchte es weiterhin genießen, mich an mehreren Orten heimisch zu fühlen. In meiner nordhessischen Heimat, in Berlin, am Meer, in den Alpen... Ich möchte beschäftigt sein, aber frei entscheiden können, wann ich was wie erledige. Ich habe das Glück, dass ich mich heute viel wohler fühle als vor 25 Jahren. Das Reiferwerden hat mir irgendwie gut getan. Und warum sollte das nicht so bleiben? Ich erlebe keinen Jugendwahn, da ich Freundschaften losgelöst vom Lebensalter pflege. Auch in 30 Jahren möchte ich noch ohne Angst verschieden sein. Zuhause. In Europa. Weltweit. Dafür kämpfe ich. Das treibt mich an. Die LGBTI*-Community muss raus aus ihrer Komfortzone, Aufstehen, den Mund aufmachen!!! Es liegt auch an uns, ob Gleichstellung, Respekt und Vielfalt zur Normalität werden. Und zwar überall. Wir müssen internationaler, solidarischer und wachsamer werden. Und selbst wie es mit unserem Planeten weiter geht, liegt in unserer Hand. Ich denke aber positiv und bleibe Optimist. Der menschengemachte Klimawandel kann aufgehalten, unsere Natur besser geschützt werden. Wir müssen anders, nicht schlechter leben. Es geht nicht um Verzicht, sondern um eine neue Lebensqualität, die allen Menschen die Chance auf ein gutes Leben eröffnet.

Angst habe ich lediglich vor schwerer Krankheit. Und ich möchte nicht qualvoll sterben. Meine Eltern starben früh; ich hoffe auf einen gnädigen Tod, irgendwann einmal, in ferner Zukunft.
Michael Roth MdB, Staatsminister für Europa

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