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Rodrique Funke

Interview mit Rodrigue Funke Auf den Hund gekommen

vvg - 07.09.2019 - 17:15 Uhr

Rodrigue Funke ist Artist, Künstler und Bühnenregisseur, der vor allem als Trapezduo „Sorellas“ internationale Bekanntheit erlangte. Derzeit trifft man ihn deutschlandweit mit seinen Hunden auf den Varieté- und Zirkusbühnen Deutschlands.

Du warst zusammen mit deinem Partner Christoph ein Teil der „Sorellas“.
Genau, wir haben uns 1993 auf der Artistenschule kennen gelernt, sind sofort Freunde geworden und haben sechs Jahre später unsere Show-Nummer kreiert: Zwei schwule Jungs, elf Meter ohne Sicherung am Trapez. Wir waren jung, hübsch und haben viel Haut gezeigt, das hat international funktioniert. Wir sind fünfzehn Jahre lang fast täglich, in manchen Jahren sogar 500 Mal aufgetreten. Wir waren in Russland und China und sind in Monte Carlo von Prinzessin Stephanie ausgezeichnet worden. Das war eine tolle Zeit.

Wann hast du bemerkt, dass du Rücken hast...
Ich hatte schon nach der Roncalli-Show „Salto Vitale“ 2015/2016 und danach in Monte Carlo bei einer Dinner-Show bemerkt, dass mein Rücken kaputt war. Zum Teil kam ich eigenständig gar nicht mehr das Vertikalseil hinauf und musste zum Trapez hochgezogen werden. Mein Körper sagte eindeutig „Schluss mit dem Trapez!“ Ich wurde operiert, bekam ein Jahr lang Training und Reha, konnte mich danach zwar wieder schmerzfrei bewegen und laufen, aber meine Trapezzeit war vorbei.

Dadurch bist du sozusagen auf den Hund gekommen!
Tiere und Artistik waren immer meine Leidenschaft; schon als Kind hatte ich Ratten, Hamster, Wellensittiche, Fische, Molche und Meerschweinchen. Schon bevor es bei der Trapezzeit mit dem Rücken anfing, habe ich eine Hundenummer erarbeitet. Bei „Salto Vitale" bin ich neben dem Trapez schon mit meiner Hundedame Loulou als einjährige bellende Protagonistin aufgetreten. Mittlerweile war die Lady im französischen TV, in Monte Carlo und beim „Supertalent“. Die Hundenummer gäbe es übrigens auch, wenn der Rücken noch fit wäre.

Als Trapezkünstler hingt ihr unter der Zirkuskuppel. Heute bewegst du dich auf sicherem Boden.
Eine Trapeznummer ist auf dem Punkt exakt sekundengenaues Arbeiten. Jeder Griff, jede Bewegung muss sitzen. Man weiß, was zu tun ist. Mit einem Hund zu arbeiten - wenn er nicht soldatisch funktionieren soll – muss man sich dem Tier anpassen. Anfangs weiß man nicht, was passiert. Dann trotzdem frei und entspannt zu bleiben, den Hund Hund sein lassen, ist eine Umstellung.

Kanntest du als Trapezkünstler Angst?
Nicht unbedingt Angst, aber Respekt. Wenn man zehn Meter unter dem Zirkusdach hängt, ist man sich schon bewußt, dass man abstürzen und sterben kann.

Es gibt Leute, die haben Angst vor Hunden, wo liegen deine Ängste.
Ich bin eine relativ angstfreie Person; zumindest habe ich keine Angst vor dem Alter. Wenn es Ängste gibt, dann sind es eher Zukunftsängste. Davor, was so in den nächsten 20/30 Jahren mit dieser Welt passiert. Und was politisch auf uns zukommt.

Du warst immer leistungsorientiert, klappt das auch mit Vierbeinern?
Das ist eine andere Form: Meine Leistungsorientierung ist, den Hunden muss es gutgehen. Hunde müssen entspannt sein, damit sie in diesem Business mit dem ganzen Stress von Bühnenlicht, Applaus, den Reisen, den Hotels mit ihren Fahrstühlen gut zurechtkommen.

Ich bin mit zwei Hunden auf der Bühne: Loulous Tochter, die siebenmonatige Lisette ist dabei. Da heißt das Haupttraining: Lernen. Wie gehe ich mit ihr stressfrei durch die Stadt, in der wir gerade sind? Wie kommt sie an anderen Hunden vorbei? Wie reagiert sie auf Stadtgeräusche, die sie nicht kennt? Sie hat noch keine Bühnenerfahrung, sie lernt lediglich, mit uns unterwegs zu sein.

Beim Wechsel vom Mensch zum Tier, hätte es auch eine Katze, ein Pony oder ein Äffchen sein können?
Ich habe schon mit verschiedenen Tierarten gearbeitet, die alle noch daheim leben. Tatsächlich ist der Hund das Tier, mit dem man am besten und am stressfreiesten unterwegs sein und arbeiten kann. Die Art von Partnerschaft, die man mit einem Hund entwickeln kann, ist einmalig, man tickt schon ziemlich ähnlich, kommuniziert und versteht einander.

Hat schon mal jemand mit dem Tierschutzverein gedroht?
Nein, damit hatte ich bisher keine Probleme. Ich verstehe die Bedenken, die einige Leute haben, denn ich weiß selbst, dass es Leute gibt, deren Zusammenarbeit mit ihren Tieren ich nicht gutheißen kann. Ich weiß auch, von meinen sieben Hunden ist nicht jeder dafür geeignet, auf der Bühne zu performen. Mein „Freddy“ kann zig verschiedene Tricks, aber Stresssituationen mit vielen Leuten mag er nicht, das ist nichts für ihn. Der bleibt lieber zu Hause, wo er sich wohlfühlt. 

 

Rodrigue Funke // © vvg

Sind Hunde die besseren Freunde?
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich den Tieren zugewand haben, weil sie mit den Menschen nicht mehr klarkommen. Aber ich finde schon, dass man mit Hunden wahnsinnig toll zusammen leben und eine starke symbiotische Beziehung aufbauen kann. Trotzalledem bleibt der Hund immer ein Hund. Er ist für mich ein absoluter Sozialpartner, der aber nicht den menschlichen Sozialpartner ersetzt. Wäre ich nur mit den Hunden alleine, würde mir das nicht genügen.

Kommen wir von der symbiotischen zur erotischen Beziehung: Neben dem ständigen Unterwegs-sein, den Dressuren, Streicheleinheiten, Auftritten und Gassi-Gehen bleibt da noch Zeit für einen Partner?
Natürlich. Ich bin mit meinem Partner seit 20 Jahren zusammen. Dieses ganze Geschäftsgebilde, das wir uns aufgebaut haben, funktioniert auch nur, weil unsere Partnerschaft funktioniert. Wir wohnen ländlich mit einem großen Grundstück und mein Freund ist absolut in der Lage, unsere Tiere auch dann zu betreuen, wenn ich mal als Regisseur ohne Hunde arbeite. Wir sind zwei Männer, die sich 24 Stunden am Tag um mittlerweile sieben Hunde kümmern. Sieben, weil sich Loulou, die Drahthaarfoxterrierdame in einem günstigen Moment mit Neo, unserem Glatthaarfoxterrier vergnügte und drei Welpen fabriziert hat. Und wir lieben sie alle.

Du arbeitest als Regisseur?
Z.B. im Berliner Wintergarten-Varieté mache ich dieses Jahr zum zweiten Mal die Regie für eine eigene Show. Für Roncalli betreue ich ein Projekt auf der „MS-Europa". Und in Regensburg gibt es zum vierten Mal die Zusammenarbeit mit einer Agentur für den Winterzirkus; um nur einige Projekte zu nennen.

Hat dein Hund schon mal seine Arbeit verweigert?
Wenn der Hund verweigert, hätte ich als Hundetrainer versagt. Ich habe als Hundetrainer eine Schutzfunktion für meine Tiere. Wenn ich merke, dass der Hund durch irgendetwas gestört ist - Silvester durch die Knallerei - gehe ich mit dem Hund nicht auf die Bühne. Er tritt nur auf, wenn er wirklich Lust dazu hat und auch in der Lage dazu ist, den Auftritt mental zu stemmen.

Man nennt dich den Hundeflüsterer - zu Recht?
Das sind heutzutage Werbeplatitüden, angelehnt an den "Pferdeflüsterer". Es ist natürlich besser, als wenn man "Hundeschreier" genannt würde. Hunde hören sehr sehr gut; es ist für mich unverständlich, wenn Leute ihre Hunde anbrüllen, weil sie nicht in der Lage sind, sie gut zu erziehen. Man kann sehr leise mit Hunden reden, aber noch mehr kommt es auf die Körpersprache an, denn Hunde reden auch mit uns mittels Mimik und Körpersprache.

Wer hat bei euch das Sagen, dein Mann, die Hunde oder du?
Wir würden uns wünschen, dass wir als Menschen das Sagen hätten, tatsächlich geben die Hunde sehr stark den Tagesrhytmus vor. Besonders unsere derzeit begabteste Hündin Loulou ist nicht nur die Chefin aller Hunde, sondern sie bestimmt auch uns am meisten.

Bleiben wir in der Hundesprache: Wann hast du zuletzt „Whow" gesagt?
Als PINK bei den Brit-Awards mit einer Projektions-Wasser Nummer performt hat. Ich schau mir ja für meine Arbeit als Show-Choreograf und Regisseur viel solche Shows unter dem Gesichtspunkt neuer Ideen an.

Du lebst in Berlin, der Stadt von der Peter Fox in seinem Hit „Blau zu Schwarz“ sagt: „Überall liegt Scheiße, man muss eigentlich schweben. Jeder hat ’nen Hund, aber keinen zum Reden!“
Man kann da nie alle über einen Kamm scheren, aber da geht der Trend schon hin. Hunde, Haustiere allgemein nehmen auch wirtschaftlich einen immer größeren Stellenwert ein: Hundetagesstätten, Hundeeinkaufsläden und Frisöre, Gesundheitsfürsorge für Hunde. Oft sind sie auch Kinderersatz und das ist nicht immer zum Wohle der Hunde. Was aber positiv der Fall ist, dass Hundehalter untereinander kommunizieren - damit haben sie - durch den Hund - jemanden zum Reden.

Was wolltest du als Kind werden?
Ich wollte entweder einen Flic Flac machen oder mit einem Hund durch die Manege springen. Tatsächlich habe ich jetzt beides gemacht, ich bin also sehr nah an meinen Wünschen geblieben.

Hast du Angst vor dem Älterwerden?
Die Alternative hieße ja Sterben. Nein, Angst habe ich nicht. Ich konnte ja das Jung-, Hübsch-, Schwul-, Muskulös-Sein während unserer Showzeit am Trapez „zelebrieren“ und wurde oberkörperfrei in allen europäischen Großstädten bejubelt. Da habe ich genug Würdigung erfahren, dass ich es heute nicht mehr brauche.

Welche politischen Ereignisse der letzten Monate haben dich bedrückt?
Schlimmerweise muß ich sagen, dass mich fast jedes politische Ereignis der letzten Monate bedrückt und nicht positiv stimmt. Wenn ich die junge Generation aufwachsen sehe, frage ich mich, wo es hingeht, wie die Zukunft aussieht. Viele Errungenschaft nicht nur im schwul-lesbischen Bereich betrachte ich inzwischen nicht mehr so als selbstverständlich und für die Ewigkeit gemacht.

Wir sind mit deinem Trapezpartner angefangen, hast du noch Kontakt zu Christoph?
Natürlich, er war erst kürzlich Gast bei einem meiner letzten Auftritt in einer Varieté-Show im Kölner Senftöpfchen. Und ich freue mich total – so schließt sich der Kreis - dass er in einer meiner Shows beim Winterzirkus in Regensburg mit seinem neuen Trapez-Partner dabei sein wird

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