AUSGEQUETSCHT Ulrich Michael Heissi aka Irmgard Knef
Ulrich Michael Heissig im Gespräch mit seinem Alter Ego Irmgard Knef, der erfundenen Zwillingsschwester von Hildegard Knef - das Thema: Natürlich die Knef!
Uli: 100 Jahre Knef!
Irmgard: Mein Gott, das muss man erst mal verdauen. Wie schnell die Zeit vergeht. Vor 26 Jahren habe ich mein Leben in der Berliner Hinterhofversenkung aufgegeben und eine Alterskarriere gewagt, deren Anfänge Hilde noch mitbekommen hat.
Uli: Zuerst war Hilde ja skeptisch, ob sie in deiner Show verhonepipelt wird.
Irmgard: Wieso sollte ich das tun? Lustig mache ich mich ja über mein eigenes Scheitern, im Gegensatz zu Hildes großer Karriere. Heiter scheitern ist immer lustiger, als wenn ernsthaft erzählt wird, wie erfolgreich man ist. Hilde hat aus ihren Misserfolgen und den daraus resultierenden Karriereknicks auch nie ein Hehl gemacht. Auch deshalb habe ich Hilde nie durch den Kakao gezogen. Ich habe sie immer nur in Champagner gebadet.
Uli: Hilde mochte Champagner.
Irmgard: Eben. Ich auch. Gerade zum 100. Geburtstag hatte ich die Möglichkeit, mich öfter diesem Getränk zu widmen. Wenn, wo was prickelt bin ich dabei. Ich liebe Prickelndes. Und prickelnd finde ich auch, dass Du - obwohl Du mein Enkel- zumindest mein Sohn sein könntest- dich nach wie vor mit mir beschäftigst.
Uli: Eher Sohn - Hilde hat ja Tochter Christina - die ist fast so alt wie ich ...
Irmgard: Die spielt aber nicht ihre Mutter.
Uli: Aber ich spiele dich - bist ja schließlich mein Geschöpf. Und somit auch Tintas Tante.
Irmgard: Von einem Mann! Für mich biste also Tunta! Ich erinnere mich an den allerersten Auftritt! 1996 in Kreuzberg, Café Anal, nachts um halb zwei. Die Polizei war abgezogen, nachdem sich Nachbarn über unsere, wie es damals hieß - schwul-lesbische - „Timetunnel-Show“ beschwert hatten. Ein buntes Völkchen von Trümmertunten und -transen und ...
Uli: Ein toller erster Achtungserfolg und dann haben wir lange miteinander rumprobiert und die Ochsentour gewagt: Straßenfeste, Hinterhoffeste, Disco-Live-Einlagen etc.
Irmgard: Und ich musste mich in nicht vorhandenen Garderoben umziehen. Der Gipfel war ein Dixi Klo, auf das mich der Veranstalter einmal verwies. Die Umstände in dieser Garderobe waren zwar beschissen, aber auf der Tür stand „toi-toi-toi“. Daran hab ich mich gehalten und daran geglaubt. Mit der Zeit konnte ich reifen, bis mein erstes abendfüllendes Programm entstand: „Irmgard Knef: Verkannt, verleugnet, vergessen, Aufgestanden aus Ruin“.
Uli: Mittlerweile sind es 12 Programme!
Irmgard: Ach ich hatte so viel Inspiration; Dank Hildes Vorgabe. Sähe sonst auch schlecht aus mit meiner Altersversorgung. Ihre Lieder, die Textinhalte vieler von ihr interpretierten Songs und Chanson. Für mich ein nicht enden wollender Quell der Inspiration.
Uli: Gott-sei-Dank biste über deinen eigenen Schatten gesprungen.
Irmgard: Und getreten. Und zwar auch aus Hildes Schatten. Mit eigenen Liedern. Mit eigenen Geschichten. Ähnlich aber anders. Meine Karriere war nicht international, bzw. nur insofern, als das sie sich hauptsächlich im britischen, amerikanischen und französischen Sektor in West-Berlin abspielte.
Uli: Auch du hast mit den unterschiedlichsten Musikern gearbeitet; aber vieles erinnert an Hilde.
Irmgard: Soll’s ja auch: Stil, Talent und Geschmack liegen eben in der Familie. Hilde sang Anfang der 90er ein rockiges Remake von „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ mit „Extrabreit“. Ich arbeitete mit einer Gruppe ehemaliger Basketballer, die in den Nuller Jahren zu Techno Musikern avancierten. Die Gruppe nannte sich „Extralang“! “Ravingtime im Altenheim“- wurde sehr gerne gehört - auch in der schwulen Community von dir mit „Extralang“.
Uli: Weil Hildegard so ein Idol in der queeren Community ist, kannst du dich ja auch über die vielen schwulen ZuschauerInnen in deinen Shows freuen.
Irmgard: Ob schwul, lesbisch, bi oder hetero - bei mir sind alle willkommen. Ich habe mein Leben lang immer alle Geschlechter akzeptiert, Hauptsache sie waren gewaschen!
Uli: Verklemmtheit bringt auch keiner mit dem Namen Knef in Verbindung.
Irmgard: Wie auch? Hilde zog als „Sünderin“ blank, bei Outdoor-Filmaufnahmen. Sie mimte ein nacktes weibliches Malermodel in einem Gartenstuhl liegend ...
Uli: Man konnte sie anderthalb Sekunden sehen.
Irmgard: Ein Skandal damals in der prüden Adenauerzeit. Heutzutage bringen sie ja in der Kinderstunde schon spannendere Dinge, damals war das der Gipfel des moralischen Anstoßes.
Uli: Heute werden die vorpubertären Kids schon mit Pornofilmchen zugeballert. Hildes Nacktansicht würde niemanden auf- oder erregen; viel zu kurz und harmlos was man da sah.
Irmgard: Es reichte aber für den ersten bundesdeutschen Filmskandal. Sechs Jahre nachdem der Krieg zu Ende war und die Deutschen über die von Ihnen verursachten Verbrechen kein Wort verloren, regten sie sich über zwei Sekunden Nacktheit auf Zelluloid auf. Hilde war für die Moralapostellinnen und Sittenwächter der 50er Jahre ein rotes Tuch. Eine, die sich für Nichts zu schade ist und keinen Anstand und keine Moral hatte. Solche Töne hörte man damals über sie.
Uli: Was sagte Hilde dazu?
Irmgard: „Das Geld geht - die Schande bleibt“.
Uli: Und du?
Irmgard: Wie gesagt, es waren damals andere Zeiten, die wir dank sexueller Revolution ab Mitte der 60er und engagierten Kampf für Gleichberechtigung Gott-sei-Dank in unsern Breiten überwunden haben. Deshalb sage ich immer: Wer hat, der hat! Und wenn er, sie oder es nichts zu verbergen hat oder verbergen will - so what?
Uli: Hilde konnte ja damals nach ihrer Nacktszene in dem Film - den sie immer als „albernes Melodram“ bezeichnete - eine typische Filmkarriere in der deutschen Nachkriegszeit vergessen.
Irmgard: Der Zeitgeist brauchte und wollte eine „Heile Welt“ im Kino. So wurden alle möglichen „Heimat“- und „Sissy“-Filme produziert. Man wollte nach Krieg und Entbehrung keine anstößigen Dinge auf der Leinwand sehen. Als potentielle „Försterliesel“- oder „Geierwally“- Besetzung war Hilde durch ihre Tat abgestraft worden und galt als „NoGo“ im damaligen konservativen Mainstream.
Uli: Unvorstellbar heute. Aber Hilde war seitdem als „verrucht“ abgestempelt- im Sinne von lasterhaft und kleinen Sünden nicht abgeneigt.
Irmgard: Von mir auch größeren. Ich hätte das auch gemacht und nicht nur für Probeaufnahmen. Wenn die Gage stimmt und die Rolle es szenisch verlangt, dann ist es ja geradezu eine darstellerische Pflicht.
Uli: Da hör ich jetzt aber preußische Arbeitsdisziplin und Contenance heraus.
Irmgard: Ja natürlich. So wurden wir erzogen, so sind wir aber auch veranlagt. Diese Tugenden sind unablässig, wenn man Karriere machen will. Bei mir waren sie nicht so ausgeprägt. Bei Hilde schon. Oder denk an Marlene Dietrich ...
Uli: Die wohl Hilde auch immer ein wenig als Vorbild diente, deren Karriere für sie Ansporn war. Eine „mütterliche Freundin“ wie Hilde sie nannte.
Irmgard: Die war ja auch schon damals so cool mit ihrer wunderbaren erotischen Ausstrahlung. Scharf, klug erotisch, verführerisch; das Gegenteil von einer blonden Trutsche. Anmutig, nicht uffen Kopp jefallen, und mit Herz, Verstand und Berliner Humor.
Uli: Eigentlich wie du.
Irmgard: Nee wie Hilde! Ick bin ja nur die Schwester. Auch nicht immer einfach, kannste dir denken, wa?
Uli: Aber immerhin biste noch präsent. Versteckst dich nicht vor Fotografen wie einst Marlene.
Irmgard: Nee, hat Hildegard auch nicht gemacht- da sind wir zu extrovertiert, zu mitteilsam und eben auch zu cool und unverklemmt. Alt werden ist ja keene Schande; vor allem, wenn man bedenkt, was die Alternative dazu ist.
Uli: Wenn das nicht ein guter Trinkspruch ist?
Irmgard: Haste Champagner?
Uli: Nee, gerade nur „Asbach- Uralt“.
Irmgard: Dann nipp’ ich kurz daran. Wie alt ich bin, hab ich jetzt geschluckt.
Uli: Happy Birthday, alte Knef und weiterhin alles Gute! Auf, dass es weiterhin rote Rosen regnet und du aber keine Kratzer von den Dornen abbekommst.
Irmgard: Danke sehr aufmerksam. Danke- auch im Namen meiner Schwester.
Text: Uli Michael Heissig,
nach einer Idee von vvg