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Lo Malinke // © vvg

Im Interview Lo Malinke

vvg - 29.03.2020 - 10:00 Uhr

Lo Malinke war Teil des im deutschsprachigen Raum sehr bekannten Duos Malediva, welches eigentlich ein Trio war. Der erfolgreiche Schriftsteller und Drehbuchautor ist in jüngster Zeit solo als Sänger und Kabarettist unterwegs.

Lo, du stehst diesmal als Solist auf der Bühne, wie ist das?

Es ist toll. Ich bin zwar immer noch nervös, weil ich da jetzt alleinstehe und nicht immer weiß, wie die Leute das Aufnehmen. Aber ich fühle mich wohl, obwohl nicht nur Malediva-Fans kommen. Da sind auch immer welche, die mich als Buchautor kennen.

Genau, wir können nicht mit dir reden ohne Malediva zu erwähnen; wie geht es deinem Mann Tetta?

Es geht ihm wieder gut. Nach schwierigen Jahren hat er seine Krankheit jetzt im Griff, so gut, dass eben geht, wenn man bipolar ist. Er arbeitet als Lehrer und ist superhappy damit. 

Ihr seid seit 31 Jahren ein Paar und seit 2001 verpartnert. Was ist dein Tipp für eine so lange Beziehung?

Ich kann gar nicht so viel raten, weil ja niemand mit meinem Mann zusammen ist. Wenn man allerdings das Glück hat, einen zu finden, der so wundervoll ist und auch noch rasant gut aussieht, dann sollte man nicht gleich beim ersten Problem stiften gehen. Ich denke manchmal, die Erwartungen an Liebe und Beziehung sind mittlerweile so unfassbar hoch, das muss ja schiefgehen. Liebe ist eben oft Mist, tut weh, und treibt einen zur Verzweiflung. Wir hatten nicht gerade wenig Probleme, aber wir haben uns immer wieder reingehängt, weil wir gespürt haben, dass wir uns gegenseitig brauchen und ergänzen.

Unsere erste Begegnung war 1997 beim „Rainbow Festival“ ...

Daran erinnere ich mich sehr gut, vor allem, weil die Jury uns nicht wirklich gewogen war. Wir haben auch nicht den Wettbewerb gewonnen, sondern den Publikumspreis bekommen. Das war dann fast schöner. Danach wollten wir erst einmal abwarten und sehen, ob wir davon leben können, und ob das, was wir da machen, überhaupt etwas wert ist. Es lief dann aber alles so gut, dass wir bald davon leben konnten.

Vorher hattest du, um Geld zu verdienen, als Altenpfleger, Barmann, Bistrokoch, Kellner, Platzanweiser, Telefonverkäufer und Lagerist gearbeitet.

Wir mussten nicht nur unser Studium finanzieren, wir wollten auch immer viel und lange verreisen. Dadurch waren wir eigentlich immer im Dispo, also hieß es nebenbei fleißig anschaffen ...

Was wolltest du denn als Kind werden?

Ich war eines von diesen Kindern, die überhaupt keinen Plan hatten. Ich wollte immer wahnsinnig viel Spaß haben, aber für mich hat sich das nie in einem Berufswunsch manifestiert. Ich habe die anderen Kinder immer beneidet, die schon im Kindergarten wußten, dass sie Feuerwehrmann oder Ingenieur werden wollen. Ich wusste damals nicht, dass "Künstler" ein richtiger Beruf sein kann.

Du hast Anglistik, Germanistik und Theaterwissenschaften studiert, hattest du erträumt, dass Malediva so „leuchtet“?

Im Unterschied zu Tetta, der immer voller Zweifel war, hatte ich die Überzeugung, dass, wenn wir uns richtig reinhängen, aus Malediva auch etwas werden kann. Insofern hat mich das nicht überrascht, sondern eher angenehm bestätigt.

Nach Stationen in Hamburg und Köln teilt ihr heute Eure Zeit zwischen Berlin und Mallorca auf. Ist das jetzt die „Heimatmelodie“?

In beiden Fällen, ja. Mir war immer klar, wenn ich mal groß bin, wollte ich in einer Stadt wohnen. Hamburg war mir zu kühl, da fiel es uns schwer, Kontakt aufzubauen. In Köln haben wir uns sehr wohl gefühlt - unsere ältesten Freunde wohnen dort – aber die Stadt wurde uns bald zu klein. Berlin war dann ein Volltreffer: Wir haben die Stadt geliebt, und sie hat uns sehr gut aufgenommen. Als Tetta krank wurde, brauchten wir mehr Ruhe, mehr Grün, regelmäßigere Abläufe. Wir sind also vor die Tore der Stadt gezogen und entgegen meinen schlimmsten Befürchtungen fühlen wir uns da draußen wohl. Mallorca hatte uns schon immer begeistert und da ich meinen Beruf, das Schreiben, überall ausführen kann, haben wir irgendwann beschlossen, ein kleines Häuschen in den Bergen zu mieten. Und das war die absolut beste Entscheidung seit langem.

Lo Malinke // © vvg

Malediva setzt sich ja zusammen aus Male (männlich) und Diva, wart ihr eher Diven oder mehr Rampensäue?

Ich glaube, eher Rampensäue. Wir haben uns auf der Bühne immer extrem wohl gefühlt, hatten selten Lampenfieber, und haben zu unserem eigenen Vergnügen ständig improvisiert. Für Diven fehlte uns wohl immer der nötige Glamour-Faktor, wir waren als ständig eskalierendes schwules Paar eher hemdsärmelig und bodenständig. Divaesque war vor allem die Ästhetik: das Geisha-Make-up, die eleganten Kostüme, die Federn, die dramatische Lichtregie, und natürlich das Drama unserer Liebeslieder.

Ihr saht androgyn aus und spracht euch in der weiblichen Form mit „Sie“ an. Mit „Ungeschminkt“ (2008) seid ihr männlicher geworden, warum dieser Wandel?

Wir wurden irgendwann zu alt für den Scheiß (lacht). Als wir jung waren, hatten wir eine Menge Spaß an dem androgynen Spiel. Als der weniger wurde, dachten wir, das können wir nicht ändern, das Publikum erwartet das jetzt von uns. Als uns klar wurde, dass das Wichtigste an unseren Programmen das Bild einer Beziehung war und wie sich die verändert, war uns das bald wichtiger als Äußerlichkeiten.  

2014 schloss sich der Vorhang. Ein Comeback 2017 mit „Völlig losgelöst“ wurde abgesagt. Jetzt stehst du allein auf der Bühne, erwartet den Besucher ein halber Malediva-Abend?

Ich fürchte schon ... Ich erzähle weiterhin die Geschichte meiner Beziehung, meiner Familie, und der Humor von Solo-Lo ist vergleichbar mit dem von Malediva-Lo.

Du arbeitest mit Till Schweiger, hast Drehbücher für „Die Hochzeit“ und „Klassentreffen 1.0“ geschrieben. Reizt es dich nicht, vor oder hinter der Kamera zu stehen?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin vollkommen unabhängig, niemand redet mir rein, ich kann sagen und ich kann spielen, was ich will. Als Schauspieler ist man einem Regisseur oder Produzenten unterworfen, das würde ich nicht lange aushalten. Außerdem war mir mein Partner immer schon wichtiger als meine Karriere. Und den würde ich zu sehr vermissen, wenn ich monatelang für ein Filmprojekt unterwegs wäre. Mein Ehrgeiz ist absolut aufs Schreiben beschränkt, und das kann ich gut zu Hause machen.

Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Ich habe einen sehr schwarzen Humor, bin sehr ehrlich, teilweise bis an die Schmerzgrenze, und ich kenne keine Scham. Ich bin ein alberner Mensch, brauche aber als Ausgleich dazu immer wieder die Songs von Florian Ludewig, die so unendlich tieftraurig sind.

Dein Bestsellerroman „Alle unter einer Tanne“ ist immer wieder im Fernsehen und im Theater zu sehen. Es spielen - wie auch in „Vier Frauen und ein Sommer“ - vor allem Frauen und Familien eine Rolle. Ist ein Roman mit schwulem Schwerpunkt in Sicht?

Nein, den Wunsch, über eine schwule Beziehung zu schreiben, hatte ich eigentlich nie. Es wäre naheliegend, aber ich glaube, schwules Leben ist für mich persönlich mittlerweile zu selbstverständlich, um es angemessen dramatisieren zu können. Es gibt natürlich in allen meinen Büchern queere Figuren. Aber mein Fokus liegt eher auf dysfunktionalen Familiengeschichten, damit kenne ich mich aus ...

Apropos Familie, wie war die Reaktion deiner Eltern beim Outing?

Sie haben damals gesagt, dass sie es für eine grauenvolle "Entscheidung" halten, und dass sie sie niemals gutheißen werden. „Damit wirst du sehr allein sein, und wir möchten nie wieder darüber sprechen.“ Es war ziemlich furchtbar, hat mich aber nur noch bestärkt. Ich habe mich mit 18 aus dem Staub gemacht, und es hat Jahre gebraucht, bis sie es halbwegs akzeptiert haben. Bei unserer Hochzeit kam es dann erneut zu einem Zerwürfnis. Heute haben wir aber ein entspanntes Verhältnis.

Bei einem früheren Interview war deine Antwort auf unsere Frage nach deinem Urlaubswunsch „Nackt durch Afrika!“ Hast du das inzwischen durchgezogen?

Wir waren zwei Mal in Afrika: Eine Safari mit Freunden durch Botswana und ein Trip von Pretoria nach Capetown. Beide Male war es nicht wirklich angezeigt, nackt zu sein. Wir sind vor Fish Hoek kurz in den Ozean gesprungen, aber nach einer Hai-Warnung waren wir ganz schnell wieder raus.

Zu Afrika: Was bringt dich auf die Palme?

Rassismus. Und politische Dummheit, wie gerade in Thüringen erlebt. Dass man sich von Rechten vorführen lässt. Und die Arroganz gegenüber einer Generation, die darum kämpft, ihre Welt vor der Gier und der Bequemlichkeit der anderen zu retten. 

Gibt es Dinge, die dir Angst machen?

Ja, dass die Menschheit so langsam und so wenig aus ihren Fehlern lernt, dass man alles vergisst und denkt: Das ist Geschichte, wir sind gegen den Faschismus immun. Dabei haben große Teile der Bevölkerung nichts dagegen, damit zu flirten und das sogar aktiv zu unterstützen. Das schockiert mich, und diese Angst wird auch nicht weniger.

Zu welchen prominenten Wegbegleitern aus eurer Malediva-Zeit hast du noch Kontakt?

Mit Cora Frost und Georgette Dee schreiben wir uns. Die Geschwister Pfister, Irmgard Knef, Maren Kroymann und Andreja Schneider werden immer enge Freunde sein, genau wie Tim Fischer, dessen Mann wir letztens erst auf Kuba besucht haben. Ades Zabel und Pigor & Eichhorn bewundern wir wann immer es geht auf der Bühne. Diese Kontakte sind nie abgebrochen, auch nicht, als Tetta krank wurde.

Einer eurer Songs hieß: „Gott macht die einen schön“. Das macht doch heute der Chirurg; wie denkst du über den Schönheitswahn?

Wir fanden uns immer hübsch genug, auch mit einigen Falten und Kilos mehr. Ich finde, letztlich muss das aber jeder selbst entscheiden. Mein Körper gehört mir, und nur ich habe das Recht, darüber zu entscheiden.

Wie sieht deine/eure ganz persönliche Zukunft aus?

Wir sind an einem Punkt, wo wir uns wünschen, dass es einfach so weitergeht. Wir wollen gesund bleiben und einander so lange wie möglich haben. Beruflich arbeite ich mit Til Schweiger an einem neuen Film, und ich schreibe ein neues Buch und ein Theaterstück. Ich finde, das reicht erstmal.

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