Für Frauen, Jugendliche und Queers Es fehlt noch immer an ausreichend queeren Unterkünften
Die Helpline Ukraine nimmt heute ihre Arbeit auf und bietet Flüchtlingen aus der Ukraine eine kostenfreie Telefonberatung in ukrainischer und russischer Sprache an. Im Fokus dabei sind besonders vulnerable Gruppen wie Frauen, queere Menschen, Jugendliche und auch Familien. Die Helpline Ukraine ist ein Projekt des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Zusammenarbeit mit dem Verein “Nummer gegen Kummer“ und mit Unterstützung der Deutschen Telekom.
Bundesfamilienministerin Lisa Paus bekräftigte heute die Wichtigkeit eines solchen Angebots für geflüchtete Ukrainer in Deutschland: „Viele Geflüchtete aus der Ukraine brauchen Zuwendung, Unterstützung und Entlastung. Sie sind in Deutschland zwar in Sicherheit, leiden aber unter den Eindrücken des Krieges und der Flucht. Mit der Helpline Ukraine zeigen wir diesen Menschen, dass wir sie in ihrer Not nicht allein lassen. Hier finden sie offene Ohren für ihre Sorgen und Probleme und kompetente Beratung in ihrer Muttersprache.“
Ebenso erfreut über das neue Angebot zeigte sich Rainer Schütz, Geschäftsführer von Nummer gegen Kummer e.V.: „Wir freuen uns, diese wichtige und anspruchsvolle Aufgabe anzugehen und damit einen Beitrag in dieser Krise leisten zu können. Geflüchtete Eltern, Kinder und Jugendliche benötigen verlässliche Ansprechpartner, um über das Erlebte, ihre Sorgen und Ängste sprechen zu können.“
Der Verein “Nummer gegen Kummer“ ist der Dachverband von derzeit 87 lokalen Trägern von Beratungstelefonen. Die kostenlose Telefonberatung könnte sich auch zu einer neuen Ansprechmöglichkeit für LGBTI*-Flüchtlinge aus der Ukraine entwickeln, die in besonderer Weise Beratung und Hilfe brauchen. Oftmals mangelt es noch an ausreichend Hilfestellung, zudem gibt es von staatlicher Seite noch immer zu wenig Unterkunftsmöglichkeiten speziell für LGBTI*-Menschen, wie Stephan Jäkel, Abteilungsleiter für HIV-STI-Prävention und Flucht der Beratungsstelle Berlin, im Interview mit SCHWULISSIMO bestätigte: „Sehr viele queere Menschen wollen sich aus Angst vor Diskriminierung und Homo- sowie Transfeindlichkeit nicht in den Sammelunterkünften unterbringen lassen. Sie versuchen das weitestgehend zu vermeiden und leben derzeit als Gäste in Privatwohnungen. Viele LGBTI*-Geflüchtete beschäftigt die große Sorge, dass sie bei einer Verteilung möglicherweise in ländlichen Regionen ohne Community-Anschluss untergebracht werden. Wir fordern, dass bei Verteilungsmechanismen auch die Bedürfnisse der queeren Menschen besser berücksichtigt werden.“
Dabei legt Jäkel auch großen Wert darauf, dass solche speziellen Unterbringungsmöglichkeiten keine Sonderbehandlung von LGBTI*-Menschen darstellen würden – ganz im Gegenteil sogar: „Das ist eine präventive Maßnahme der Gesundheitsförderung. Menschen sind soziale Wesen und wir brauchen den Austausch untereinander. Der praktisch verwehrte Zugang zur Community und LGBTI*-sensibler medizinischer Versorgung hat die Isolation von queeren Geflüchteten und damit auch konkrete, negative gesundheitliche Auswirkungen wie Depression und Suizidalität zur Folge. Die individuellen und gesellschaftlichen Folgeprobleme, die sich daraus ergeben, sind wesentlich größer, als wenn wir gleich von Beginn an besser auf die queeren Bedürfnisse eingehen würden!“
Mehr als 700.000 Menschen sind bislang vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland geflohen, darunter viele Frauen, Jugendliche und besonders bedrohte Minderheiten wie LGBTI*-Menschen. Bis Ende Mai 2022 waren laut Schätzungen des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) insgesamt rund 6,8 Millionen Menschen aus der Ukraine in Folge des Krieges geflohen, LGBTI*-Organisationen wie Forbidden Colours gehen dabei von mindestens 600.000 queeren Flüchtlingen aus.